Mittwoch, 28. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

75: Begegnung

Etwas unschlüssig steht Alena vor der verkratzten Glastür und überleg, ob sie auf die Klingel drücken soll. Ist es wirklich klug her zu kommen? Das letzte Gespräch mit Brigitte Dahlem hat zu viele Anforderungen gestellt, die sie nicht erfüllen konnte und endete mit der späten Einsicht, dass die Dahlem sie ins offene Messer geschickt hatte. Oder auf eine Probe stellte, die Alena definitiv nicht bestanden hat. Plötzlich knackt die Sprechanlage und Brigitte Dahlems Stimme ertönt kratzig. „Finden Sie die Klingel nicht oder warten Sie auf jemanden?“ Ewas schockiert stottert Alena: „Ich wollte gerade klingeln.“ Die Anlage knackt erneut, dann ertönt der Summer der automatischen Türöffnung. Alena atmet ein paar mal tief ein und aus, bevor sie die Treppe hochsteigt. Woher zum Teufel… . Eine grinsende Ex-Terroristin steht an den Rahmen der offenen Haustür gelehnt. „Haben Sie gesehen, wie ich gekommen bin,“ fragt Alena und wird ihrerseits mit einer Handbewegung begrüßt, die ins Innere der Wohnung deutet. Vorsichtig übertritt Alena die Schwelle, sie ist sich überbewusst, dass sie noch nie in Brigitte Dahlems Wohnung war. Als sie fragend in der Diele stehen bleibt, überholt die Frau sie und geht voran in das Zimmer am Ende des unmöblierten Flures. Der Eindruck des Flures ist verschwommen, Alena ist zu aufgeregt, um sich umzusehen. Als sie den nächsten Raum betritt, der offensichtlich ein Wohnzimmer darstellen soll, keucht sie zum zweiten Mal an diesem Tag. Kaspar sitzt auf einem Holzstuhl und sieht sie regungslos an.

Alenas Blick fliegt von Kaspar zu Frau Dahlem und zurück. „Was tust du hier,“ bringt sie heraus. Kaspars Augen werden sofort schmal. „Das könnte ich dich auch fragen,“ sagt er kühl. Unwohlsein überschwappt Alena wie plötzliche Übelkeit. Sie schaut fragend zu Frau Dahlem, die sich offensichtlich amüsiert auf einen Sessel setzt. Sie zündet sich eine Zigarette an, ohne eine anzubieten, und erweckt den Eindruck, die Situation zu genießen. „Sind Sie wieder zum Plaudern gekommen,“ fragt Brigitte Dahlem mit hochgezogenen Augenbrauen und Alena spürt den unvermittelten Drang, ihr eine Beleidigung an den Kopf zu schleudern. Sie hält sich zurück weil sie weiß, dass Brigitte Dahlem mit diesem „wieder“ nur die Kluft zwischen Alena und Kaspar verbreitern will, die sie offenbar sofort gespürt hat. „Ich bin hergekommen, um Sie zu warnen,“ sagt sie stattdessen und versucht ein wenig Arroganz in ihre Antwort zu legen. Brigitte Dahlem zieht die Augenbrauen hoch und zu ihrer Überraschung entdeckt Alena leichte Unruhe in den blassen grünen Augen.

„Wovor wollen Sie mich warnen?“ Die Stimme der Dahlem klingt rau. Ohne sich zu Kaspar umzudrehen weiß Alena, dass auch seine Anspannung steigt. „Ich habe noch einmal mit Frau Stein-Bachmüller gesprochen und es hörte sich für mich so an, als würde sie davon ausgehen, dass der Mörder von Burg und Schwarz weitere Mitwisser oder die, die er dafür hält, beseitigen möchte. Wenn er weiß, dass Sie mit Burg und Schwarz gesprochen haben, könnte er bald vor Ihrer Tür stehen. Ich weiß nicht, ob Ihnen das klar ist.“ Alena macht ein winzige Pause. „Vorausgesetzt natürlich, Sie sind nicht selbst der Täter. Dann können Sie jetzt natürlich ruhig schlafen.“ Sie hält den forschenden Blick aus dem hageren Gesicht aus. „Hat die Stein-Bachmüller Ihnen das so gesagt?“ Alena nickt. „Weiß Sie, dass Sie hier sind? Hat sie Sie hergeschickt?“ Alena zwingt ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Nein, das hat sie nicht. Und falls es Sie interessiert, sie hat auch nicht so auf meinen Bericht über die Drohbriefe reagiert, wie Sie anscheinend gehofft haben.“ Nach einer Sekunde zuckt die Dahlem mit den Schultern. „Sie meinen, weil die Briefe nichts Neues für sie waren?“ Auf ihren schmalen Lippen erscheint ein verächtliches Lächeln. „Sie glauben nicht ernsthaft, ich erzähle Ihnen etwas, dass die Bullen noch nicht wissen?“

Alena kann nicht verhindern, dass sich ihre Arme vor der Brust kreuzen. „Ich trage es Ihnen nicht nach,“ sagt sie ernst. „Und eigentlich will ich auch gar nichts weiter mit Ihnen zu tun haben. Ich habe versucht, Kaspar zu helfen, aber wie ich sehe, braucht er meine Hilfe nicht.“ Sie wirft Kaspar einen Blick zu, und der lacht empört auf. „Du willst niemandem helfen, Alena. Und du hast Recht, ich kann mir ganz gut selber helfen.“ Er redet laut, ein wenig zu laut.

Sonntag, 25. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

74: Druck von oben

Entnervt klopft Pia an Oberdorfs Bürotür. Riesel hat ihr mit verlegenem Gesichtsausdruck mitgeteilt, dass Oberdorf sie umgehend sprechen will und Pia vermutet, dass Oberdorf seine erwartungsgemäß schlechte Laune bereits teilweise an Riesel abgelassen hat. Sie holt tief Luft und drückt die Klinke hinunter. Ein weiterer Sachstandsbericht ist schon länger fällig, aber sie hat das Gespräch bewusst hinausgezögert. Oberdorf sitzt hinter einer dampfenden Tasse Kaffee, die Pia sehnsüchtig betrachtet. Sein rotes Gesicht spiegelt erhöhte Anspannung, die buschigen Brauen drücken auf die kleinen Schweinsaugen.

„Frau Stein-Bachmüller,“ sagt er mit falscher Freundlichkeit und deutet auf den Stuhl vor seinem riesigen Schreibtisch. „Setzen Sie sich doch und berichten mir von Ihren letzten Ermittlungserfolgen. Sofern es diese gegeben hat.“

Die Stimme hat einen drohenden Beiklang. Pia setzt ein ernstes Gesicht auf und setzt sich vorsichtig. „Die Ergebnisse der Spurensicherung haben uns bisher nicht weitergebracht,“ berichtet sie unverblümt. „Wir fahnden nach Robert Koch in Altenburg und Umgebung, aber auch hier gibt es keine neuen Erkenntnisse. Die Auswertung der Notizen von Otto Schwarz hat ebenfalls nichts Brauchbares zutage gebracht.“ Sie sieht Oberdorf offen ins Gesicht. „Das ist nicht besonders viel, ich weiß, aber die Spuren des Falls führen zurück in die Vergangenheit und das ist immer ein schwammiges Feld. Die Tatwaffe zum Beispiel ist 1972 gestohlen worden und erst jetzt wieder aufgetaucht. Sie ist nie bei einer RAF-Aktion benutzt worden, obwohl andere Waffen aus dem gleichen Raub später RAF-Mitgliedern lokalisiert wurden. Sie könnte in einem geheimen Waffenlager versteckt gewesen sein, oder eines der untergetauchten RAF-Mitglieder hat sie mitgenommen und bis heute in seinem Besitzt gehabt.“ Bevor Oberdorf seiner Enttäuschung Ausdruck verleihen kann, holt Pia zum Präventivschlag aus.

„Was mir aber keine Ruhe lässt ist die Frage, wie Schwarz damals so nah an die RAF herangekommen ist. Er stand kurz davor, das Kommando, dem Dahlem und Burg angehörten, auffliegen zu lassen. Er kannte die Pläne für den Anschlag.“ Sie stützt die Unterarme auf die Knie und beugt den Oberkörper nach vorn. „Herr Oberdorf, wenn Sie etwas darüber wissen, sollten Sie mich informieren. Sie erwarten von mir, dass ich den Fall löse, aber dafür brauche ich alle Informationen, die Ihnen zur Verfügung stehen. Und Schwarz war ein guter Bekannter von Ihnen. Vielleicht hat er Ihnen mehr über den Fall erzählt als Anderen.“ Ihr Blick bleibt auf Oberdorf geheftet, der sie mit undurchdringlicher Mine betrachtet. Es entsteht eine kleine Pause. Dann räuspert sich Oberdorf und erklärt: „Er hat die Spur zufällig aufgenommen. Ein Telefon ist abgehört worden und er hat die Bemerkungen richtig gedeutet.“ Pia schlägt die Beine übereinander und lehnt sich zurück. „Das ist die offizielle Version. Und nun erzählen Sie mir, was wirklich passiert ist.“

Einen Moment hat sie den Eindruck, als wolle Oberdorf wirklich auf ihre respektlose Aufforderung eingehen, dann gewinnt er die Kontrolle zurück und Zornesfalten erscheinen auf seiner Stirn. „Was soll das eigentlich? Sie machen schon die ganze Zeit Andeutungen in Bezug auf Schwarz. Erst diese Fragen, warum Schwarz den Kollegen nicht die Drohbriefe vorgelegt hat. Jetzt diese Bemerkung, die ich nur als Anschuldigung Schwarz gegenüber verstehen kann. Sie sind unverschämt, Frau Stein-Bachmüller. Otto Schwarz war ein erfolgreicher und ausgezeichneter Polizist, ein Vorbild für uns alle und er war mein Freund. Seien Sie demnächst vorsichtiger mit Ihren Worten.“ Pia hat die gezischten Wortpfeile äußerlich unbeteiligt über sich ergehen lassen. „Wenn Schwarz Ihr Freund war, warum hat er Sie dann nicht um Hilfe gebeten, als er von Drohbriefen der RAF überschwemmt wurde,“ bemerkt sie ruhig. Oberdorf fehlen sichtlich die Worte. „Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es direkt,“ bringt er mühsam hervor. Pia steht auf. „Ich glaube, Otto Schwarz ist der RAF näher gekommen, als er offiziell zugegeben hat. Ich glaube, er hat seine Befugnisse weit überschritten. Und ich vermute, dass dies ein Grund dafür war, warum er ermordet wurde.“ Ohne den Blick von Oberdorf zu lassen, zuckt sie mit den Schultern. „Hören Sie, ich bin kein Moralapostel. Es geht mir nicht darum, Schwarz nachträglich bloß zu stellen. Mich interessiert die Vergangenheit nicht, mir geht es um die Gegenwart, um den Mörder von Schwarz und Burg. Aber wenn mich die schmutzigen Flecken aus Schwarz´ Vergangenheit auf die Spur dieses Mörders bringen, dann will ich sie kenne und werde alles tun, um sie aufzudecken.“ Sie wartet noch einen Moment, aber Oberdorf starrt sie nur an. Sie lächelt kühl und verlässt mit den Worten, „Wenn Sie es sich anders überlegen, rufen Sie mich an,“ das Büro.

Samstag, 24. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

einfühlung

Unruhig läuft Alena durch die morgendlichen Straßen. Sie ist schon früh aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Pia hatte gestern am Telefon eine Kette von Gedanken bei ihr in Gang gesetzt, die sich immer fester um sie zu wickeln scheint. Langsam bekommt Alena das Gefühl, als wenn alles außer Kontrolle gerät, als wenn sich die Ereignisse in einem Strudel befinden, in den sie nicht mehr eingreifen kann. Was, wenn Brigitte Dahlem wirklich vorhat, jemanden zu töten? Dummkopf, vielleicht hat sie das längst getan, sagt sich Alena ärgerlich. Aber gleichzeitig zweifelt sie daran. Vielleicht macht es Sinn sich vorzustellen, dass die Dahlem Otto Schwarz tötete, aber Hajo Burg? Alena erinnert sich an den Schmerz in Brigitte Dahlems Gesicht. Noch eine Verbindung zur Vergangenheit für immer verloren, zu einer Vergangenheit, die der Sinnstifter ihres ganzen Lebens ist. Plötzlich fällt ihr Kaspars Reaktion auf den Tod von Schwarz ein. Auch hier sind Fäden gekappt worden, Möglichkeiten versäumt. Auch Kaspar versucht etwas einzuholen, das längst vergangen ist und doch für ihn so drückend präsent. Definieren wir uns über die Ziele Anderer, weil wir selbst so ziellos sind? Fast wäre sie mit einem Passanten zusammengestoßen. „Passen Sie doch auf,“ herrscht sie der ältere Mann an und Alena murmelt eine Entschuldigung und läuft weiter. Pia wirft ihr vor, zu wenig emphatisch zu sein. Alena beißt die Zähne zusammen bei dem Gedanken an ihr Gespräch in der Pizzeria. Wie sollte sie sich zum Beispiel vorstellen, ebenfalls in die RAF zu rutschen?

Damals herrschten völlig andere Verhältnisse. Die Studentenunruhen, das drängend gewordene Verlangen, sich von der Vergangenheit zu befreien, die düster und stickig in der Person der eigenen Eltern lauerte. Die plötzliche Leidenschaft, die sich langsam in Hass verwandelte. Was ist da passiert? Hat man begriffen, dass es falsch ist, sich einen Sinn und Lebensziele aufoktroyieren zu lassen? Vielleicht war das eine der persönlichen Lehre, die jeder Einzelne aus dem Nationalsozialismus ziehen konnte. Hat man dann festgestellt, dass das mit der individuellen Zielsetzung nicht so einfach ist? Begann man einen Sinn zu suchen, in endlosen Diskussionen, mit Hilfsmitteln vom Dealer an der Ecke? Wann hat man gespürt, dass die Suche gescheitert ist? Und wie sollte man darauf reagieren? Mit abgestumpfter Gleichgültigkeit die Einen, mit wütender Enttäuschung die Anderen? Wollten letztere sich den Sinn ihres Lebens mit Gewalt verschaffen? Haben sie mit vorgehaltener Waffe Bedeutung gefordert? Oder hat sie noch etwas anderes so zornig gemacht – was macht uns wütend auf Andere, fragt sich Alena und beantwortet die Frage prompt: wir haben Angst, ihnen ähnlich zu sein. Wenn wir hassen, dann hassen wir nicht das, was am Anderen fremd ist, sondern das, was uns so verdammt bekannt vorkommt. Wir hassen Andere, weil sie uns an die Seiten in uns erinnern, die wir verdrängen, weil sie unsere dunklen Stellen aufdecken, die wir nicht wahrhaben wollen.

Psychologisch gesehen könnte der Hass der RAF auf den Staat die Reaktion darauf gewesen sein, dass man darin gescheitert ist, seinem individuellen Leben einen eigenen Sinn zu geben. Was blieb, war Sinnstiftung durch Abgrenzung, negative Sinnstiftung. Und die Gewalt ergab sich daraus, dass man feststellte, dass das, wogegen man kämpfte, in Wirklichkeit man selbst war. Die eigenen Fotzenbedürfnisse, fährt es ihr durch den Kopf, die Diktion der inhaftierten ersten Generation aufgreifend.

Gibt es wirklich Ziele, die außerhalb unserer selbst liegen, ist der letzte Gedanke Alenas, als sie in den Bus nach Weißbach steigt.

„Wie kommen Sie darauf? Das ist totaler Unsinn,“ ruft Kaspar fassungslos. Sein Herz klopft noch schneller; schon seit dem Eintritt in die Wohnung hatte es eine ungesunde Frequenz angenommen. Er sitzt auf einem harten Holzstuhl in dem spärlich möblierten Wohnzimmer, die billige Couch an der Wand und der niedrige Holztisch davor sehen aus wie selten genutzte Dekorationsartikel. Brigitte Dahlem steht neben dem Fenster an die Wand gelehnt und raucht. Der Aschenbecher steht auf der Fensterbank, und sie tippt gelassen die Zigarettenasche hinein. „War nur so eine Frage,“ sagt sie, fast amüsiert. „Eigentlich habe ich gar nicht ernsthaft angenommen, dass Sie es sind, der abends mit dem Wagen vor meiner Wohnung steht und mich bespitzelt. Aber zumindest wollte ich Sie ausschließen.“ Kaspar beruhigt sich nur langsam. Er versucht klar zu denken. „Seit wann genau steht der Wagen dort,“ bringt er heraus. „Seit Donnerstag, würde ich sagen. Vorher ist er mir jedenfalls nicht aufgefallen.“ Brigitte Dahlem macht den Eindruck, als würde sie die Tatsache, dass ein Unbekannter sie beobachtet, nur peripher tangieren, aber Kaspar spürt, dass sie beunruhigt ist.

Freitag, 23. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

72: Vorbereitungen

Die Montagmorgensonne scheint unangenehm durch das Fenster in Kaspars Arbeitszimmer, aber die Jalousie ist kaputt und er hat keine Vorhänge. Der Programmierauftrag sollte heute fertig sein, und er hat noch nicht mal die Hälfte geschafft. Er könnte es auf seine Krankheit schieben, aber Pluspunkte bringt ihm das bestimmt nicht ein. „Scheiße,“ murmelt er und fühlt sich dadurch nicht besser. Wenn er sich nur auf die Arbeit konzentrieren könnte. Stattdessen hört er Alena in seinem Kopf, ihren Satz: Brigitte Dahlem weiß etwas über deine Mutter, das du besser nicht erfahren solltest. Was? Er stößt sich von der Schreibtischkante ab und der alte Schreibtischstuhl rollt einen halben Meter über das zerkratzte Laminat. „Verdammte alte Hexe,“ murmelt Kaspar und drückt den Kopf gegen seine Hände, er ist so nervös, dass er sich nach Schmerzen sehnt, irgendwas, das ihn ablenkt, das ihn für einen Moment aus seinem eigenen Kopf herausholt. Er krallt seine Fingernägel in den Handrücken, aber sie sind zu kurz, er spürt nichts. Ein Laut kommt aus seinem Mund, tief aus seinem Inneren, ein frustriertes Stöhnen, laut und unbeherrscht. Es schreckt ihn auf, dieses unartikulierte Geräusch, was passiert mit ihm, wird er langsam wahnsinnig? Er springt auf und läuft ins Bad, lässt kaltes Wasser laufen und hält sein Gesicht darunter. Das Wasser sammelt sich in Rinnsalen auf seiner Haut und läuft am Hals herunter, durchnässt den Rand seines T-Shirts. Danach steht er einen Moment mit tropfnassem Gesicht und strähnigen Haaren im Raum. Er muss etwas unternehmen. Er muss Gewissheit haben. Auf dem Weg zum Telefon trocknet er sein Gesicht mit einem Handtuch ab, dann wählt er die Nummer. Nach dem zweiten Klingeln nimmt Brigitte Dahlem den Hörer ab. „Wir müssen reden,“ sagt Kaspar. „Über Marianne Wagenbach. Über meine Mutter.“

„Sind Sie morgen auch dabei?“ Professor Bergmann steckt seinen Kopf in Christophers Büro, der nur wegen ein paar Aufzeichnungen die Uni gekommen ist. Montags hat Christopher gewöhnlich vorlesungsfrei. Er nickt lächelnd. „Ich habe gar keine andere Wahl,“ gibt er zu bedenken und Bergmann zuckt ergeben mit den Schultern. „Geht mir ähnlich. Ich wollte nur sicher sein, dass zumindest ein Kollege kommt, mit dem man sich vernünftig unterhalten kann.“

Christopher freut sich über die Bemerkung, ihm gefällt der Typ. Ein verschwörerisches Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. „Sie werden doch nicht sagen, dass Sie sich in Gegenwart von Professor Stemmler langweilen?“ Stemmler ist Bergmanns alteingesessener Kollege, dessen soziales und privates Leben sich hauptsächlich in den historischen Strukturen der Weimarer Republik abspielt. Bergamm sagt ernst: „Stemmler kann sehr unterhaltsam sein, wenn man sich für die Entwicklung der Kommunalwahlergebnisse des Ruhrgebiets zwischen 1933 und 1936 interessiert.“ – „Ein Thema, über das man sich stundenlang angeregt unterhalten kann, ich beneide Sie geradezu,“ sagt Christopher mit einem gemeinen Lächeln. Dann fragt er: „Kommen Sie morgen in Begleitung?“ Bergmann zieht die Augenbrauen hoch. „Meine Mutter hat morgen keine Zeit und abgesehen von ihr ist mein Leben momentan ausgesprochen frauenfrei.“ Er zuckt in komischer Hilflosigkeit mit den Schultern. „Zu viel Arbeit.“ Christopher macht ein mitfühlendes Gesicht. „Berufskrankheit.“ – „Ich dachte, Sie sind verheiratet,“ sagt Bergmann erstaunt und Christopher beeilt sich zu nicken. „Das stimmt und meine Frau kommt morgen auch mit. Aber wir verbringen auch nicht sehr viel Zeit miteinander. Allerdings hat sie ebenfalls einen sehr stressigen Job.“ – „Was macht sie denn,“ fragt Bergmann neugierig. „Sie ist bei der Kriminalpolizei, hier in Altenburg.“ Christopher ist beinahe etwas stolz auf Pia, als Bergmanns Augen begeistert aufleuchten. „Scharf, ich liebe Krimis. Sie kann mir bestimmt ein paar blutrünstige und perverse Einzelheiten aus ihrem mörderischen Alltag erzählen.“ Christopher lacht und winkt ab. „Sie nimmt ihre Arbeit sehr ernst und möchte die Ermittlung nicht auf die blutigen Schlagzeilen der Bildzeitung reduziert sehen.“

Dann wird er ernst und denkt einen Moment nach. „Mir fällt gerade ein, sie sucht jemanden, der vielleicht mal an dieser Uni war. Sie sind natürlich viel zu jung und noch nicht so lange hier, aber es kann ja nichts schaden.“ Verfolgt von dem aufgeregten Bergmann geht Christopher zu seinem Schreibtisch und holt das Foto von Koch aus einer Schublade. Er hält es Bergmann hin, der schnell danach greift und es dicht unter seine bebrillten Augen hält. „Wer soll das sein?“ Christopher schüttelt den Kopf. „Kann ich Ihnen nicht sagen. Fragen Sie morgen meine Frau, vielleicht erzählt sie es Ihnen. Haben Sie den Mann schon mal gesehen?“ Bergmann starrt auf das Bild und zieht die Stirn in Denkerfalten. Er will etwas sagen, bricht dann wieder ab und heftet seine Augen erneut auf das Foto. Dann schüttelt er unsicher den Kopf. „Ich könnte schwören der Typ erinnert mich an jemanden, aber ich kann zum Teufel nicht sagen an wen.“ Christopher nickt interessiert. „So ähnlich ist es mir auch gegangen. Die Augen sind es, oder?“ Wieder fokussiert Bergmann das Bild. „Ja, die Augen, vielleicht,“ murmelt er. Christopher nimmt ihm das Foto aus den Händen und legt es zurück in die Schublade. „Denken Sie mal darüber nach und berichten mir, wenn Ihnen etwas eingefallen ist. Wir sehen uns morgen. Und vergessen Sie Ihre Krawatte nicht.“

Mittwoch, 21. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

71: ein Telefonat

„Was hat Wagenbach dazu gesagt,“ fragt Pia in den Hörer hinein, während sie sich mit dem Schreibtischstuhl im Büro hin und her dreht und schon mal darüber nachdenkt, was ihr Mann gekocht haben könnte. Sie hat Hunger, aber bevor sie nach hause fährt, muss sie mit Alena sprechen. „Er hat keine Ahnung, was die Dahlem gegen seine Mutter haben könnte und ich glaube ihm. Außerdem haben meine Fragen ihn misstrauisch gemacht und er denkt jetzt, ich verheimliche ihm etwas.“ Pia rollt mit den Augen. „Grundgütiger, Alena, ich dachte, Sie können das besser.“ – „Ich habe ihm gesagt, wir sollten noch mal mit Frau Dahlem darüber sprechen und das hat ihn erst mal außer Gefecht gesetzt. Ich glaube, momentan ist er auch nicht besonders wild darauf, sie zu sehen.“ Draußen ist es bereits so dämmrig, dass Pia ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe sehen kann. Sie beobachtet sich dabei, wie sie eine strenge Mine aufsetzt. „Irgendwas müssen wir jetzt tun. Wir können nicht die Hände in den Schoß legen und abwarten.“ Ihr Spiegelbildgesicht sieht entschlossener aus als ihr zumute ist. Bevor Alena etwas sagen kann, erklärt sie: „Ich habe noch einmal über alles nachgedacht und tendiere jetzt dazu, dass der Schreiber der Briefe nicht notwendig der Mörder von Schwarz ist.“ Sie wartet eine Reaktion ab, die nicht kommt. „Was denken Sie darüber,“ drängelt Pia. „Ich weiß es nicht.“ Alenas Stimme klingt zögernd. „Da gibt es dieses philosophische Prinzip, den Ockham´schen Razor. Man sollte sparsam mit den theoretischen Entitäten umgehen, die ein Phänomen erklären sollen.“ – „Alena, das hier ist kein philosophisches Theorem, das ist die Wirklichkeit,“ wirft Pia ungeduldig ein. „Und wenn es unökonomisch ist, zwei Täter anzunehmen, dann ist mir das auch piepegal.“

„Wen haben Sie in Verdacht,“ fragt Alena. Pia überlegt einen Moment. Hat sie tatsächlich einen Verdacht? Oder nur eines dieser Bauchgefühle, denen sie nicht traut? „Bisher möchte ich dazu keine Aussagen machen,“ antwortet sie dann. Es ist besser, Alena etwas zappeln zu lassen, das könnte ihre Kreativität steigern und ihre Phantasie anregen. Und man weiß nie, wozu das gut ist. „Wissen Sie, was mir dazu einfällt?“ Die Frage kommt aus dem Hörer geschossen und Pia ist zufrieden; die Reaktion kommt schneller als erwartet. „Jemand hat zuerst Schwarz erschossen und dann Burg. Schwarz hat mit Burg geredet und Schwarz hat mit Frau Dahlem geredet. Burg hat auch mit Frau Dahlem geredet. Burg und Schwarz sind tot. Wenn Frau Dahlem nicht der Mörder ist, steht sie vielleicht als Nächste auf der Liste des Mörders. Einfach weil er fürchtet, sie könnte etwas von den beiden erfahren haben. Das setzt natürlich voraus, er weiß von den Gesprächen zwischen Burg, Schwarz und Dahlem.“ Pia setzt mit einer Antwort an und Alena unterbricht sie: „Und außerdem ist Frau Dahlem ziemlich sauer auf den Mörder von Burg. Das hat sie in meiner Gegenwart zum Ausdruck gebracht und ich glaube ihr. Wenn Frau Dahlem aber nicht Burg tötete und Burg mit der gleichen Waffe wie Schwarz erschossen wurde, dann ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht der Mörder von Schwarz.“

Alenas Schlussfolgerung endet mit einem triumphierenden „Stimmt´s“ und Pia sucht einen Fehler in der Argumentation. „Sie verlassen sich darauf, dass Sie die Ausdrucksweisen der Dahlem richtig deuten, aber genau da sollten Sie vorsichtig sein. Aber gut, nehmen wir mal an, Sie liegen richtig.“ Pia denkt nach. „Stellen wir uns vor, die Dahlem ist tatsächlich vollkommen unschuldig und hat den gleichen Gedanken wie Sie. Wie würde Frau Dahlem darauf reagieren, dass jemand sie töten möchte? Kommt sie zu mir und bittet um polizeilichen Schutz? Verrammelt sie sich zitternd in ihrer Wohnung? Oder geht sie in den Wald und buddelt ein altes Waffenarsenal aus, um den Mörder von Burg mit 20-Jahre alter Munition voll zu pumpen.“ Sie hört einen tiefen Atemzug von Alena. „Ich fürchte, eher das letztere. Sie war wirklich etwas aufgebracht.“ Pia nickt langsam. „Vielleicht nimmt sie uns ja ein bisschen Arbeit ab.“

Dienstag, 20. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

70: Freiheit

Die Stille drückt sich in jeden Winkel ihrer Wohnung. Bewegungslos sitzt sie auf dem Stuhl, den sie vor das Fenster zur Straße gestellt hat und beobachtet, wie der Asphalt in der Dämmerung versinkt. Die Abende hasst sie besonders. Am Abend erdrückt sie das Gefühl, dass sich wieder ein Tag in Nichts aufgelöst hat, Stunden ihres Lebens vergeudet, diese wertvolle Lebenszeit, Möglichkeiten ungenutzt, Ziele unerreicht. Aber was für Ziele, sie haben ihr alles genommen, alles wofür sie gekämpft hat. Jeden Tag muss sie daran denken, muss sich fragen, wie es so weit gekommen ist, was passiert ist. Nichts. Nichts ist passiert. Sie hat keine Worte mehr um es zu beschreiben. Sie hat ihren Vorrat an Worten aufgebraucht. Da ist kein Inhalt mehr, keine Gründe, nur noch Bilder, die durch ihren Kopf zucken, zusammenhanglos, verblasst. Dieser dumpfe Schmerz ist alles, was geblieben ist. Dieses Loch in ihr, das sie auffrisst.

Warum haben sie sie nicht erschossen, wie die anderen? Es hätte ihr nichts ausgemacht zu sterben. Sie war darauf vorbereitet gewesen. Es wäre das richtige Ende gewesen. Aber sie haben sie eingesperrt, wie ein Tier. Ein Tier, das man über alles fürchtet. In ihrer Wohnung verdichtet sich die Dämmerung, aber sie nimmt nichts davon wahr und ein Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht. Anfangs hat es ihr Genugtuung verschafft, der ganze Hass, der ihr entgegenschlug, die ständige latente Angst vor ihr, so dämlich, was hätte sie denn tun können? Dachten sie, sie wäre eine lebende Bombe? Erbärmliche Feiglinge, selbstgerechte Wichser. Aber die Mischung aus Misstrauen und Abneigung, die man ihr entgegenbrachte, hat sie am Leben gehalten, das Gefühl eine Bedrohung für sie zu sein, auch noch im Knast. Das hat sie stark gemacht.

Diese Kraft, die sie anfangs noch hatte, keiner konnte sie kaputt machen, es war gut dass man sie hasste, es hat ihr bewiesen, dass sie auf dem richtigen Weg war. Sie hat den Hass in ihrer Zelle konserviert, sie hat lange davon gezehrt.

Aber irgendwann war die Konzentration nicht mehr hoch genug. Irgendwann wurde ihr klar, dass das Leben draußen weiterging. Ein paar mickrige Aktionen, aber die Köpfe der Leute waren voll mit anderen Sachen. Die Zeitungen beschäftigten sich mit Krisen, die nichts mehr mit ihren Zielen zu tun hatten. Die Politik lief an ihnen vorbei, ohne sich auch nur umzudrehen. Keiner interessierte sich mehr für ihre Verachtung. Man hatte sie vergessen. Sie waren Geschichte.

Die Erkenntnis hatte sie umgehauen. Handlungsunfähig gemacht. Hatte ihre Energie aufgefressen. Wie schwer ihr jeder Atemzug gefallen ist, wie anstrengend es war, die Augen zu öffnen. Sie hatte wochenlang auf ihrem Bett gelegen und auf die Gitterstäbe gestarrt, hatte sich ausgemalt, wie sie ihr Bettzeug in Streifen riss und einen Knoten um ihren Hals knüpfte. Sie hatte es nicht getan. Nicht, weil sie Angst vor dem Sterben hatte, sondern weil ihre Batterien leer waren. Zu leer, um zu sterben.

Das war die Zeit, in der der Automatismus sie besiegt hatte, der Automatismus des Lebens. Ihr Wille war weg, und ihr Körper hat das Steuer übernommen. Hat für sie geatmet, hat für sie gegessen. Aber in ihr war es tot.

Eine Weile sitzt sie dort und verschmilzt mit der Dunkelheit. Dann zucken ihre Augen. Auf der Straße unter ihr fährt langsam der Wagen in eine Parklücke und bleibt dort stehen. Die Scheinwerfer gehen aus. Das Motorengeräusch bricht ab. Dann nichts mehr. Keine Tür geht auf, niemand steigt aus. Der Wagen bleibt einfach auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Wie die Tage davor. Sie hat das Gefühl, als ob jemand zu ihrem Fenster hochsieht, ihr direkt in die Augen sieht. Sie hält dem Blick stand.

Die Minuten ticken vorbei.

Sonntag, 18. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

69: Puzzle

Kaspar schüttelt den Kopf. „Sie war nicht die Einzige, die davon profitiert hatte, dass die DDR nicht an die BRD auslieferte. Susanne Albrecht und Inge Viett sind auch nach drüben gegangen. Es gab eben Kontakte.“ Alena überlegt. „Das allein kann es nicht gewesen sein. Das ist nichts, was die Dahlem dir verschweigen müsste.“ Sie sieht Kaspar aufmerksam an. „Und wenn deine Mutter Hilfe hatte? Hilfe von jemandem, dem die Dahlem und der Rest des Kommandos nicht vertrauten?“ Kaspars Gesicht wird misstrauisch. „Du willst auf etwas hinaus, nicht wahr?“ Er runzelt die Stirn. „Du weißt etwas, das ich nicht weiß,“ stellt er fest. Alena beginnt innerlich zu fluchen. Ihre Versuche haben keinen Sinn mehr, aber sie hat Pia versprochen, nichts von dem Foto zu erzählen. Verzweifelt sucht sie einen Ausweg und Kaspar macht es ihr nicht gerade leicht. Wortlos sieht er sie an, ohne auch nur zu blinzeln. Alena wagt die Flucht nach vorn. „Wir sollten Brigitte Dahlem fragen, weil sie diejenige ist, die alles über deine Mutter weiß.“ Sie macht eine winzige Pause. „Wenn du tatsächlich alles über deine Mutter erfahren möchtest.“

Sonntags ist es angenehm leer im Präsidium und Pia genießt die Stille auf den Fluren. Vereinzelt ertönen Stimmen aus den Büros und irgendwo klingelt ein Telefon. Sie geht an Oberdorfs Büro vorbei, das heute garantiert leer steht, denkt an das Foto in ihrer Tasche und lächelt. Als sie ihr Büro aufschließt, überlegt sie, warum sie heute eigentlich hergekommen ist. Es gibt keine Spuren, die sie verfolgen könnte. Aber sie hält es nicht zu hause aus, ihr Kopf ist zu voll mit den Ereignissen der letzten Woche. Und sie könnte sich zum wiederholten Mal das Dossier über Schwarz und seine schriftlichen Hinterlassenschaften ansehen. Riesels Schreibtisch ist unbesetzt, sein Bildschirm schwarz, und Pia atmet auf.

Während der Kaffee in die Kanne tropft, betrachtet Pia das Foto von Schwarz und Marianne Wagenbach. Eine verrückte Geschichte. Hat Alena etwas aus Kaspar herausholen können? Pia bezweifelt es. Zwar hat Kaspar während des Verhörs den Kopf verloren, aber später war er ausgesprochen kontrolliert. Ein seltsamer Typ, denkt Pia stirnrunzelnd. Sie legt das Foto beiseite und öffnet den Ordner, den Riesel über Schwarz angelegt hat. Eine Weile blättert sie durch die Seiten, auf denen Schwarz´ Werdegang beschrieben ist. Seine Zeit beim BKA. Der Terroristenjäger. Sie starrt auf ein Foto, das ihn zusammen mit Horst Herold zeigt. Schwarz hat dazu gehört. Er war Teil des großen Netzwerks gegen den Terror, an dessen Rändern hysterische Bürger misstrauisch die langhaarigen Kinder der Nachbarn bespitzelten und in dessen Zentrum der neue Supercomputer des BKA stand, in dem abertausende Namen und Daten von Auffälligen und Verdächtigen gespeichert waren. Dazwischen Rasterfahndung und Straßensperren. Was für eine Zeit. Und Schwarz mittendrin. Ein Fanatiker, der jahrelang versuchte, die Mitglieder des Kommandos zu erwischen, die 1978 fliehen konnten. Wieso konnten sie fliehen? Nein, denkt Pia, fangen wir am Anfang an: wie ist Schwarz überhaupt so nah an die RAF herangekommen. Das Foto scheint darauf hinzudeuten, dass Marianne Wagenbach seine Quelle war. Hat sie ihre Leute verraten? Pia beginnt, mit der gummierten Seite ihres Bleistiftes auf die Schreibtischfläche zu tippen; die Frequenz wird immer schneller. Das würde erklären, warum Brigitte Dahlem heute nicht mehr über die Wagenbach reden möchte. Über eine Verräterin, die ihnen den größten Coup der RAF-Geschichte versaut hatte. Der Bleistift bleibt in der Luft hängen. Das setzt voraus, dass die Dahlem herausbekommen hat, dass Marianne sich mit Otto Schwarz getroffen hatte. Was wiederum der Grund dafür gewesen sein könnte, dass allen Mitgliedern die Flucht gelang. Und Marianne, die wahrscheinlich in Todesangst geschwebt hatte, weil sie die Rache ihrer ehemaligen Mitstreiter fürchten musste, floh in die DDR. Wie ein Puzzle schiebt Pia die nächsten Teile zusammen. Marianne könnte von Schwarz Hilfe für ihre Flucht eingefordert haben. Und weil Schwarz diese nicht abschlagen konnte, hatte er ein Geheimnis, das auf keinen Fall ans Licht kommen durfte. Das Foto, auf dem Schwarz und Herold sich die Hände schütteln, zieht erneut ihren Blick an. Nein, niemand durfte erfahren, dass der Terroristenjäger einer Terroristin die Flucht ermöglicht hatte. Aus diesem Grund musste er auch die Drohbriefe geheim halten, seine Nachforschungen alleine betreiben, im Nacken eine Vergangenheit, die ihn nie losgelassen hatte und vor ihm der unbekannte Gegner. Pia lächelt wieder, bis ihr ein Gedanke kommt, der das Lächeln aus ihrem Gesicht schiebt. Warum hat der Schreiber Schwarz schließlich getötet? Warum hat er das Katz und Maus Spiel auf diese Weise beendet? Es wäre so egal gewesen, wenn Schwarz den Schreiber enttarnt hätte. Er hätte auch dann nicht seine Kollegen rufen können, mit den Schatten aus der Vergangenheit, die weiter an ihm hafteten. Nein, entscheidet Pia. Der Schreiber hat Schwarz nicht deshalb umgebracht, weil er Entdeckung fürchtete. Außerdem scheint es ihm Spaß gemacht zu haben, den Pensionär zu quälen. Auch das wäre eher ein Grund gewesen, Schwarz am Leben zu lassen. Pia steht auf und geht zum Fenster. Ohne die Außenwelt wahrzunehmen, konstruiert sie weiter an einer Kette von Gründen und Folgen. Und wenn Schreiber und Mörder nicht identisch sind, wie sie alle bisher gedacht haben? Der Gedanke lässt sie stocksteif werden. Warum wurde Schwarz dann getötet?

Sonntag, 11. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

68: Gruppenzwang

Christopher sieht Pia zu, wie sie ihre Haare im Bad mit Gel in Form zupft. „Denkst Du an das jährliche Abendessen der Universität am Dienstag? Es wäre schön, wenn Du dieses Jahr mal wieder mitkommen würdest.“ Ihre Augen treffen sich im Badezimmerspiegel. Pia stöhnt auf. „Du lieber Himmel, total vergessen. Ist das echt schon diesen Dienstag?“ Eine Ausrede liegt ihr auf der Zunge, aber dann erinnert sie sich an das schlechte Gewissen, das sie letztes Jahr hatte. Sie weiß, dass das Essen Christopher viel bedeutet und dass sie daran teilnehmen sollte. Alle Professoren bringen ihre Ehefrauen mit, manche sogar ihre Kinder. Es muss hart für Christopher sein, zu solchen Anlässen allein zu gehen. Und sie unternehmen eh schon zu wenig zusammen. Es wäre eine Gelegenheit Solidarität zu bekunden, denkt sie, aber gleichzeitig ermüdet sie der Gedanke an die langweiligen Gespräche mit Christophers uninteressanten Kollegen. Gerade will sie eine ausweichende Antwort mit der Bitte um Vertagung der Entscheidung geben, als ihr Robert Koch einfällt. Die Chancen sind minimal, aber vielleicht erinnert sich ein Professor an den Studenten, der einmal der RAF angehörte. An einen Studenten, der ihm durch linke Parolen oder extreme Ansichten aufgefallen ist. Sie lächelt Christopher im Spiegel zu. „Ok, ich versuche es. Aber dann brauche ich etwas Neues zum Anziehen.“

Alena und Kaspar sitzen am Küchentisch und essen Brötchen mit Marmelade. Alena hat Auszüge ihres Gesprächs mit Brigitte Dahlem erzählt und nun beobachtet sie den schweigenden Kaspar, der seinen eigenen Gedanken nachhängt. Sie sitzt mit dem Gesicht zum Küchenfenster, das noch nie Gardinen gesehen hat und dringend geputzt werden muss. Es steht auf Kippe und lässt sonntägliche Straßengeräusche in den Raum. Dennoch scheint die Küche weitab vom Leben dort draußen. „Brigitte Dahlem meinte, ich sollte besser nicht zu viel über meine Mutter erfahren? Wie meinte sie das,“ fragt Kaspar nun, halb verwirrt, halb misstrauisch. „Ich glaube, sie möchte nicht, dass du enttäuscht bist.“ Alena sieht ihn eindringlich an. „Ich habe das Gefühl, sie weiß etwas über deine Mutter, das du nicht erfahren sollst. Und sie erinnert sich anscheinend auch nicht gerne daran.“ Sie macht eine kurze Pause und fährt dann fort: „Hast du eine Ahnung, was das sein könnte?“ Kaspar runzelt seine Stirn. Er steht auf und geht zum Fenster, wo er seine Hände auf die leere Fensterbank stützt und durch die schmutzige Scheibe auf die Straße unter ihm starrt. „Ich habe keine Ahnung.“ Er dreht sich zu ihr um. „Du hast das schon mal angedeutet. Und du scheinst dir ja doch Gedanken darüber zu machen. Ich vermute, du hast dir auch schon eine Theorie zurecht gelegt. Also raus damit. Erzähle mir, was du denkst.“ Einen Moment denkt Alena nach, dann beginnt sie vorsichtig: „Es muss etwas sein, dass Brigitte Dahlem nicht akzeptieren kann. Das nicht in ihr Weltbild passt. Und ihr Weltbild ist RAF. Wenn ich jetzt mal den diffusen Weltanschauungskram beiseite lasse, den keiner so richtig erläutern kann, bedeutet das vor allem unbedingte Solidarität zur Gruppe. Und konsequente Abgrenzung zu allem, was nicht RAF ist. Dazu gehört der Staat, die Polizei und wahrscheinlich auch die passiven Bürger, die sich nicht am Kampf beteiligen. Wie war das doch gleich: Schwein oder Mensch?“ – „Du reduzierst die RAF auf formale Momente, aber es gab ja wohl auch inhaltliche Abgrenzung, oder?“ – „Nein,“ sagt Alena heftig. „Genau die gab es vermutlich nicht. Wenn es überhaupt jemals inhaltliche Gründe für den bewaffneten Kampf gab, dann haben die sich ab einem bestimmten Punkt in blinden Aktionismus aufgelöst. Vermutlich schon nach der Mai-Offensive 1972, danach gab es keine echten Ziele mehr, sondern nur noch Rechtfertigung. Und ab da war Gruppenzugehörigkeit durch gedankenlose Zustimmung und unhinterfragtes Ausführen von Anweisungen definiert. Wer Kritik äußerte, war draußen.“ Kaspars Gesichtausdruck spiegelt Ablehnung, aber er erwidert nichts auf Alenas Ausführung. „Brigitte Dahlems Verhalten in Bezug auf deine Mutter deutet auf nachträgliche Ausgrenzung hin. Und der Grund dafür könnte darin liegen, dass sie etwas getan hat, was nicht in die RAF-Linie passte.“ Mürrisch sagt Kaspar: „Sie ist in die DDR geflohen, und hat dort ein bürgerliches Leben aufgenommen, statt den Kampf weiter zu führen. Das reichte vermutlich schon.“ Alena merkt, dass sie so nicht weiter kommt. Aber es zeigt sich ein weiterer Punkt, an dem sie anknüpfen kann. „Wie ist sie eigentlich damals über die Grenze gekommen. So einfach stelle ich mir das nicht vor. Hat der Typ vom Verfassungsschutz mal was darüber erzählt?“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

Und hier gehts zum Anfang

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Archivierung Ihres Blog-Krimis,...
Das Deutsche Literaturarchiv verfolgt mit Interesse...
Jochen Walter (Gast) - 26. Feb, 11:52
Off topic: Anfrage des...
Das Deutsche Literaturarchiv verfolgt mit Interesse...
Jochen Walter - 25. Mai, 13:12
Das Ende eines Blog-Krimis
und ich bin ein bisschen wehmütig, weil es mir viel...
Flannery Culp - 13. Mai, 20:54
113: Ende
Die Sonne scheint heiß, vielleicht zum letzten Mal...
Flannery Culp - 12. Mai, 14:00
112: Auf-Lösung
„Schwarz hat die Adressen von Burg und der Dahlem herausbekommen...
Flannery Culp - 7. Mai, 21:21

Links (Der Betreiber dieses Blogs übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen. Haftungsansprüche gegen den Betreiber dieses Blogs, welche sich auf Schäden materieller oder ideeller Art beziehen, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der dargebotenen Informationen bzw. durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Informationen verursacht wurden, sind grundsätzlich ausgeschlossen.)

Suche

 

Status

Online seit 6811 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 26. Feb, 11:52

Credits

RSS Box


Kapitel Drei
Kapitel Eins
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Vier
Kapitel Zwei
Metablog
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren