Kapitel Fünf

Sonntag, 11. März 2007

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80: Grundsätze

Auch Brigitte Dahlems Gesicht überzieht nun eine leichte Röte, wie Alena mit Befriedigung feststellt. „Die Bundesregierung war unser direkter Feind. Man sollte erst vor der eigenen Haustür kehren. Und es war eine Frage der Effizienz – von hier kam das Geld, hier wurde den Amis eine Machtbasis verschafft, von der aus sie agieren konnten. Wir konnten das Übel an der Wurzel taktieren. Aber davon verstehen Sie nichts, Sie sehen nur das, was Sie sehen wollen.“

Alena stößt einen abfälligen Laut aus. „Ich verstehe das nicht? Was gibt es da zu verstehen? Gibt es eine Art Geheimlehre, in die nur die RAF eingeweiht war? So wollten Sie es doch. Das hat Ihnen die Rechtfertigung erspart. Sie hatten die Moral auf Ihrer Seite, weil Sie bestimmten, was Gut und Böse ist. Das ist so einfach. Sie haben sich nie auf Diskussionen eingelassen, Sie haben sich nie die Kritik angehört. Selbst kritisieren, dass konnten Sie dagegen verdammt gut. Die Leute, die Ihrer Meinung nach ihren Hintern nicht hochbekommen haben. Aber vielleicht wollten sie ihn gar nicht hochbekommen, weil sie vorher mal nachgedacht haben. Weil sie Ziel gegen Mittel abgeglichen und festgestellt haben, dass es nicht verhältnismäßig ist, für die vielleicht gerechtfertigte Kritik an manchen politischen Entscheidungen einfach ein paar Leute in die Luft zu jagen. Und nicht nur unverhältnismäßig, es hat auch überhaupt nichts gebracht. Sie haben die politischen Diskussionen nicht angestoßen, Sie haben sie zum Schweigen gebracht. Sie haben alle guten, kritischen und innovativen Momente der 68er im Keim erstickt. Aber so weit wollten Sie nicht denken. Sie haben das Denken einfach abgeschaltet und auf vier Leute gehört, die auch im Knast noch ein bisschen Macht und Einfluss haben wollten und kryptische Reden geschwungen haben. Wenn Sie mal ehrlich darüber nachdenken, können Sie mit ein bisschen gesunden Menschenverstand doch sicher beantworten, ob ein egozentrischer Selbstdarsteller wie Andreas Baader, der überhaupt keine soziale Verantwortung kannte und mit einem politischen Konzept völlig überfordert war, es wirklich wert war, dass Menschen sterben mussten.“

Alena hört ihr eigenes Blut in der Schläfe trommeln. Brigitte Dahlem sitzt sehr gerade. „Es geht nicht um Andreas Baader. Es geht nicht um Einzelne. Das wollen Sie nicht verstehen. Es geht um eine Vision, und ein höheres Ziel. Wir wollten Gerechtigkeit, wir wollten das die Ausbeutung stoppt, die Machtübernahme des Kapitalismus verhindern. Sie haben nur ein Argument: man darf Einzelne nicht einer Idee opfern. Aber ich sage, dass man genau das tun muss. Dass es nicht anders geht, wenn man etwas verändern möchte. Diese Tatsache ist nicht so bequem wie Ihr kleines behütetes Leben, und man muss verdammt stark sein, um das erstens zu begreifen und zweitens zu realisieren. Man muss damit klarkommen, dass man einen Menschen mit eigenen Händen tötet, das ist verdammt noch mal nicht einfach. Und dafür braucht man Kraft und Überzeugung. Wir haben an etwas geglaubt.“

Brigitte Dahlems Stimme ist seltsam ruhig und Alenas Wut verfliegt. Langsam geht sie auf die Frau zu und setzt sich auf den Rand des niedrigen Wohnzimmertisches. „Sie haben nur Ihre Schlagworte und die höre ich andauernd. Gerechtigkeit, Kapitalismus, Faschismus. Das sind Label, aber die Welt besteht aus Einzelnen, aus Individuen. Ich sage nicht, dass man keine Ziele, dass man keine Visionen haben sollte. Aber die Ziele sind nicht alles. Ein Ziel zu haben ist kein universelles Rechtfertigungsinstrument. Ziele werden durch Mittel erreicht und nicht jedes Ziel rechtfertigt jedes Mittel. Sie haben irgendwann nicht mehr unterschieden zwischen Mittel und Ziel, sondern einfach beides in eins gesetzt.

Und Sie haben die Dynamik der Zielsetzung nicht gesehen oder verfolgt. Die Heterogenität jedes Ziels, seine unterschiedlichen Komponenten und die Veränderungen, die die Bedeutung des Ziels erfährt. Und die Veränderung der Rechtfertigung, die jedes Mal notwendig ist. Die letzte Bedeutungsveränderung stellte die Befreiung der Gefangenen ins Zentrum des Ziels, das damit eine Einengung erfuhr, eine Subjektivierung, die niemand mehr nachvollziehen konnte, außer einer kleinen Gruppe. Und das Anfangsziel, war das bereits so etwas Abstraktes wie Gerechtigkeit? War es nicht vielmehr etwas noch Subjektiveres? Sie sagten, Hoffmann hätte Gewissensbisse gehabt. Das war sein individuelles Problem, das er im Sinne der RAF abstrahiert hat. Sie hatten vielleicht einen ähnlichen individuellen Grund, oder vielleicht auch einen ganz anderen. Aber auch den haben Sie im Sinne eines Abstraktums wie Gerechtigkeit uminterpretiert. Das ist nicht schlimm, das machen wir vielleicht alle. Aber Sie haben nicht Schritt gehalten. Sie haben die Ziele geändert, aber die Gründe und die Mittel nicht angepasst. Und das ist schlimm.“

Freitag, 9. März 2007

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79: Aufrechnen

Brigitte Dahlems Hände haben sich in die verschlissenen Sessellehnen gekrallt und Alena starrt wie hypnotisiert auf die weiß hervorgetretenen Fingerknöchel. Niemand sagt etwas. Ist die Geschichte hier zu Ende? Sicherlich nicht für Kaspar, denkt Alena und schaut vorsichtig in seine Richtung. Kaspar hat die Lippen aufeinander gepresst und ist noch bleicher geworden. Aber in seinen Augen schimmert Protest. Zum ersten Mal fragt sich Alena, wie sehr er seine Mutter tatsächlich zur Revolutionärin im positiven Sinn stilisiert hat. Der Eindruck, den er erwecken wollte, beinhaltete immer eine gewisse Distanz, ein primär wissenschaftliches Interesse. Initiiert durch einen persönlichen Ausgangspunkt, sicher; im Vordergrund stand jedoch scheinbar der deutlich hervorgehobene Versuch, die Objektivität eines Historikers zu wahren. Plötzlich entsteht vor Alenas Augen das wahre Bild, das Kaspar von Marianne Wagenbach gehabt haben könnte. Eine mutige Frau, eine engagierte Frau, eine Frau mit einer Vision, der sie ihr Privatleben geopfert hat. Vielleicht lag sie völlig falsch mit ihrer Vermutung, dass Kaspar seine Mutter durch die historische Forschung finden wollte; vielleicht hatte Kaspar vielmehr versucht, dieses immer schon existente Bild faktisch zu bestätigen. Was zwangsläufig ein mehr oder weniger positives Bild der RAF voraussetzt. Ein Schauder läuft über ihren Rücken. Pia hat recht, denkt sie. Ich kann mich nicht in andere Leute hineinversetzen. Ich verstehe nicht ihre grundlegenden Wünsche und Bedürfnisse. Mein Blick auf die Welt ist so anders, dass ich ihn nicht auf andere übertragen kann. Hilflosigkeit überschwemmt sie wie eine Welle. Ich bin völlig isoliert, fährt ihr verzweifelt durch den Kopf.

Kaspars belegte Stimme reißt sie aus dem Gedankenloch. „Wenn meine Mutter nicht die Bullen eingeschaltet hätte, wären Leute gestorben. Unschuldige. Passanten, einfache Mitarbeiter der Botschaft, Sekretärinnen. Vielleicht ging es ihr nie um sich selbst. Vielleicht hat sie den Gedanken einfach nicht ertragen.“ Er ignoriert das abfällige Schnauben der Dahlem und redet weiter: „Das war doch immer schon das Problem der RAF, die vielen zivilen Opfer, die Euch um Eure Glaubwürdigkeit gebracht haben. Die Ihr in Kauf genommen und sogar bewusst einkalkuliert habt. Der Ami-Soldat Pimental 1985 zum Beispiel. Irgendwann war das kein Krieg mehr gegen die Instanzen des Kapitalismus, irgendwann war es nur noch Mord.“

Alena wird heiß. „Kaspar,“ sagt sie vorsichtig. „Es war alles Mord. Auch die Politiker und Botschafter, jeder, der angeblich das System repräsentiert hat.“ Kaspar starrt sie an, als wüsste er nicht, wovon sie redet und Alena spürt Panik in sich aufsteigen. „Kaspar, niemand darf für eine Ideologie getötet werden. Ideologien bestehen aus Worten. Worte kann man nur mit Worten begegnen.“ – „Ideologien bestehen aus Überzeugungen und das ist ja wohl mehr als Worte,“ sagt Brigitte Dahlem. Alena dreht sich zu ihr um. „Wenn man Überzeugungen ändern will, dann muss man den ganzen Menschen ändern. Und einen Menschen ändert man nicht durch Diskussionen. Das ist versucht worden und es hat nichts gebracht. Menschen ändert man nur durch Taten.“ Langsam schüttelt Alena den Kopf. „Wer gibt Ihnen das Recht, einen Menschen gewaltsam zu ändern? Wer gibt Ihnen das Recht, die Attribute Gut und Böse zu verteilen?“ – „Es ging nicht gegen Einzelne. Es geht um das System. Und ein System als menschenverachtend zu klassifizieren, dazu braucht es nicht mehr als ein bisschen gesunden Menschenverstand. Oder sagen Sie, dass der Vietnam-Krieg richtig war? Dass der Profit aus dem Waffenhandel richtig ist? Dass es ok ist, wenn Menschen getötet werden, die eine Meinung vertreten, die dem Staat nicht gefällt?“

Alena wird rot, aber nicht vor Scham, sondern weil sie so wütend ist. „Warum sind Sie dann nicht in die Länder gegangen, wo ein menschenverachtendes System die Leute unterdrückt? Warum haben Sie in der Bundesrepublik wild um sich geschossen?“ Sie holt tief Luft, um sich zu beruhigen. „Ich sage es Ihnen: weil Sie dort nicht die Aufmerksamkeit bekommen hätten, die Ihnen die Zeitungen und das Fernsehen in der BRD geschenkt hat. Weil Sie dort nur ein kleines Rädchen gewesen wären und zu schnell tot, als dass man auch nur Notiz von Ihnen genommen hätte.“

Mittwoch, 7. März 2007

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78: Hass

Ein zynischer Ton hat sich in die Stimme der Dahlem geschlichen und Alena wagt kaum zu atmen. „Jedenfalls war er genau das, was Marianne in dieser Situation brauchte. Jemand mit einer Mission, jemand der ihr einen Weg vorzeichnete. Sie hat ihn vergöttert und sie wäre mit ihm überall hingegangen. Und ganz nebenbei war die RAF auch ziemlich schick damals. Wahrscheinlich hat Marianne sich plötzlich als große Freiheitskämpferin gesehen, als die deutsche Leila Khaled.“ Jetzt öffnet Brigitte Dahlem die Augen ganz. Sie dreht ihren Kopf zu Kaspar, und nun sieht auch Alena vorsichtig in seine Richtung. Kaspar hat die Lippen ein wenig geöffnet und ist sehr blass, sieht aber konzentriert und gefasst aus. Alena weiß wie wichtig jedes einzelne Wort für ihn ist. „Marianne war wie viele damals. Eine Menge Leute wollten aus revolutionär-romantischen Gründen in die RAF, und die meisten davon haben es nie in den engeren Kern geschafft. Es gab schon so etwas wie eine Qualitätsauswahl. Die damaligen Mitglieder waren nicht blöd; dass solche Leute ein Sicherheitsrisiko darstellten, war klar. Aber zu dem Zeitpunkt wo Marianne zusammen mit Hoffmann Kontakt aufgenommen hatte, existierte die RAF fast nicht mehr. Und Hoffmann machte eine guten Eindruck.“ Brigitte Dahlem legt eine kleine Pause ein. „Später hat jeder die Entscheidung bereut, aber niemand hat jemals Hoffmann einen Vorwurf gemacht.“

Jetzt sieht Kaspar von einer zur anderen. „Was hat Marianne Wagenbach getan? Wofür hat man Hoffmann keinen Vorwurf gemacht?“ Die Worte kommen aus ihm herausgeschossen und Alena weiß, dass die Wahrheit fällig ist. Sie richtet ihren Blick auf Brigitte Dahlem, die sie nachdenklich beobachtet. „Sie wissen es schon, nicht wahr, Frau Brandenburg? Die Polizistin hat es Ihnen gesagt.“ Hilflosigkeit lähmt Alena für einen Augenblick, dann gewinnt ihr Denken die Oberhand.

„Ich weiß gar nichts,“ sagt sie bestimmt. „Ich mache mir nur meine Gedanken. Warum Sie nie über Frau Wagenbach reden wollten, warum Sie mir gesagt haben, dass es besser für Kaspar ist, wenn er nicht alles erfährt.“ Alenas Stimme bleibt fest. Sie lügt nicht. Sie hat nur ein Foto gesehen, nicht mehr. „Diese Haltung lässt für mich Schlussfolgerungen zu. Aber was für mich sicher ist: Kaspar sollte endlich die Wahrheit über seine Mutter erfahren. Und vielleicht fällt es Ihnen schwerer es auszusprechen, als ihm es zu akzeptieren.“ Alena fühlt sich von zwei Seiten von Blicken durchbohrt, aber sie hat die Situation im Griff. Endlich fester Boden unter den Füßen. In diesem Moment wird ihr bewusst wie sehr sie es hasst, lavieren zu müssen, jeden Schritt auszutaxieren, auf jedes Wort zu achten. Und keine endgültige Perspektive einnehmen zu können, kein Standpunkt, den sie sicher vertreten kann. Alena kreuzt die Arme über ihrer Brust und findet sich außerhalb der visuellen Verbindung zwischen Brigitte Dahlem und Kaspar Wagenbach. Erleichtert nimmt sie ihre übliche Beobachterposition ein.

„Marianne Wagenbach hat das Kommando an die Bullen verraten.“ Die Worte hängen in der Luft wie ein Ball, den niemand auffangen möchte. Alena konzentriert sich auf Kaspar, als wenn die Intensität ihres Blickes ihm irgendwie helfen könnte. Kaspars Verwirrung tut ihr weh. Er öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Brigitte Dahlem fährt ungerührt fort: „1977 war zuviel für sie. Sie war schwach, ohne eigene Überzeugung. Sie hat die Ereignisse nicht begriffen. Hat ihre Notwendigkeit nicht begriffen.“ Brigitte Dahlems Betonung des Wortes Notwendigkeit erzeugt eine Gänsehaut auf Alenas Rücken. „Sie hätte aussteigen können,“ sagt Brigitte Dahlem kalt. „Jeder konnte jederzeit aussteigen. Aber selbst dazu war sie zu schwach. Zu feige. Sie konnte uns nicht in die Augen sehen und sagen, dass sie aufhört.“ Verachtung geht wie eine Welle von der schwarz gekleideten Frau aus und Alena bildet sich ein, dass Kaspar leicht schwankt, als sie ihn erreicht. „Wir kannten ein paar Namen der Pigs, die hinter uns her waren. Marianne hat privat Kontakt zu Schwarz aufgenommen und hat ihm versprochen, dass sie uns ausliefert, wenn er ihr und Hoffmann die Flucht in die DDR organisiert.“ Brigitte Dahlem lacht höhnisch. „Als wenn Hoffman darauf eingegangen wäre. Als wenn er die Gruppe wegen einer Verräterin im Stich gelassen hätte.“ Alena versucht ruhig zu atmen. Sie macht einen Schritt auf Kaspar zu und stellt fast überrascht fest, dass Bewegung in der Zeit noch möglich ist. Kaspar hebt seinen Arm, ohne sie anzusehen. Alena bleibt stehen.

„Am Abend vor der Aktion hat sie Hoffman informiert. Hoffmann ist ausgerastet. Er hat sofort Kontakt zum Rest des Kommandos aufgenommen, wir mussten die Aktion fallen lassen und sind dann untergetaucht.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Vermutlich konnte Marianne den Bullen davon überzeugen, dass er seine Seite der Abmachung trotzdem einhält. Wie auch immer sie das angestellt hat.“ Ein böses Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht und verschwindet sofort wieder. Sie richtet ihren Blick auf Kaspar und Alena nimmt entsetzt den Hass wahr, der in den grünen Augen leuchtet. „Hoffmann ist nie darüber weggekommen. Er dachte, alles ist seine Schuld. Er wollte die Verantwortung dafür übernehmen, weil er dachte, sie hat es für ihn getan.“ Brigitte Dahlem zischt die Worte durch aufeinandergepresste Zähne. „Als sie uns geschnappt haben, Einen nach dem Anderen, war Hoffmann am Ende. Sie war der Grund, aus dem er sich später im Knast aufgehängt hat. Marianne Wagenbach, deine verdammte Fotzen-Mutter. Sie hat ihn auf dem Gewissen.“

Sonntag, 4. März 2007

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77: Wahrheit tut weh

Sofort bereut sie, was sie gesagt hat. Brigitte Dahlems Gesichtszüge werden steinern. Es ist still im Raum. Aus den Augenwinkeln sieht Alena, wie Kaspar eine Bewegung macht und das zwingt sie weiterzusprechen. „Ich will Sie nicht angreifen. Ich sage Ihnen nur wie es ist. Wie die Realität ist. Sie klammern sich an die Vergangenheit, aber die Welt hat sich geändert in der Zeit, in der Sie eingesperrt waren. Vielleicht wollen Sie das nicht wahrhaben, weil Sie immer dachten, Sie könnten die Strukturen durchschauen. Sie dachten, Sie würden das Wesentliche sehen, das der Normalbürger nicht sieht oder sehen will. Aber vielleicht lagen Sie damals schon falsch. Vielleicht wussten Sie selbst damals nicht, was das Wesentliche eigentlich ist. Was falsch läuft in der Welt. Aber irgendwann konnten Sie nicht mehr zurück. Und bevor Sie sich bewusst machen mussten, dass Sie nicht mehr wussten, gegen wen Sie kämpfen, haben Sie Dummys aus Stereotypen gebaut. Der Staat. Der Kapitalismus. Der Faschismus.“ Hier bricht sie ab. Mehr hat sie nicht zu sagen über den Terrorismus. Alena ist müde. Am liebsten würde sie sich setzen, aber das Sofa steht weit weg und sie wagt nicht sich zu bewegen.

„Erwarten Sie, dass ich darauf reagiere? Dass ich mit Ihnen darüber diskutiere?“ Das klingt arrogant, aber tatsächlich sieht Brigitte Dahlem genauso müde aus, wie Alena sich fühlt. „Sie sind ein verdammter Spitzel,“ fügt sie hinzu, aber es klingt, als wäre es fast nebensächlich. „Sie teilen die Welt in RAF und Spitzel,“ sagt Alena. „Aber von der RAF ist nichts mehr übrig. Sie können nur noch mit Spitzeln kommunizieren. Oder Sie müssen für immer schweigen.“ Sie sieht kurz zu Kaspar hinüber. „Glauben Sie, dass Kaspar kein Spitzel ist? Dass er RAF ist? Vergessen Sie´s. Er interessiert sich für die RAF nur, weil er seine Mutter sucht. Das haben Sie schon immer geahnt, nicht wahr? Darum haben Sie auch seine Briefe während der Haft nicht beantwortet.“ Alena hat Kaspar während ihrer Worte angesehen und Kaspar blickt stumm zurück. Sie wendet sich zurück zu der blassen dünnen Frau, die in dem abgesessenen Ohrensessel fast versinkt.

„Aber es war nicht nur Desinteresse an Kaspars Motiven, sondern Kaspar hat Sie daran erinnert, dass auch die RAF nicht mehr so glatt von den Spitzeln abgegrenzt werden konnte. Dass auch die RAF schon infiziert war.“ Alena hört Kaspars Atem schneller werden und es tut ihr weh. Die Wahrheit tut immer weh. „Und brachte Sie das auf den Gedanken, dass die RAF kein homogener Block ist, wie die Kaaba, sondern dass sie auch nur aus Menschen besteht? Aus Leuten, die ihre eigenen Interessen und ihre eigenen Gründe hatten, zur RAF zu kommen. Die sie vielleicht eine Zeitlang hinten an stellten, die sie vielleicht vergaßen oder uminterpretierten oder instrumentalisierten. Aber das waren ureigenste, individuelle, atomare Interessen. Kein universeller Wunsch die Welt zu retten, indem man den Kapitalismus zerstörte. Keine heroische, komplexe Gedankengebäude, sondern ganz profane Langeweile, die Lust zur Rebellion, Ärger mit den Eltern. Einsamkeit.“ Sie blickt Brigitte an. „Was waren die Gründe von Marianne Wagenbach?“

Kein Ticken stört das Schweigen. Alena kann keine Uhr im Zimmer entdecken. Zeit spielt keine Rolle mehr für Brigitte Dahlem, deren Augenlider sich langsam senken, bis nur noch ein schmaler Schlitz übrig bleibt. Das hat Alena schon oft bei Pia beobachtet, aber während es bei ihr bedrohlich wirkt, scheint sich Frau Dahlem hinter ihren Lidern zurückzuziehen. „Marianne Wagenbach ist zur RAF gekommen, weil Hoffmann sie mitgebracht hat. Hoffmann hatte sie in einer WG in Berlin kennen gelernt, sie hatte gerade in Kind bekommen und lebte so in den Tag hinein. Sie wusste nichts mit sich anzufangen. Sie war völlig strukturlos, ohne Idee, was sie aus sich machen sollte, ohne Ziel. Hoffmann hat erzählt, dass sie sich auch für das Kind nicht interessierte und es schon bald in einen Kinderladen steckte. Keiner wusste, von wem das Kind war, wahrscheinlich auch Marianne nicht.“ Alenas Kehle ist trocken. Sie versucht zu schlucken und es hört sich unnatürlich laut an. Sie spürt Kaspars Gegenwart ohne ihn anzusehen. „Hoffmann war ein Idealist. Er war jemand, der sich für Schwächere einsetzte und immer versuchte zu helfen. Er hat mir mal gesagt, er hätte Gewissensbisse, weil er genug zu Essen hat, eine Schule besuchen und ein Studium machen konnte.“ Frau Dahlems Augen öffnen sich ein Stück. „Das ging vielen von uns so. Es war so ungerecht. In Vietnam starben sie wie die Fliegen, in Afrika verhungerten die Kinder und wir lebten in Saus und Braus. Und unsere Regierung unterstützte die Unterdrücker und Kriegstreiber. Es ist immer nur um den Profit gegangen, alle gucken nur aufs Geld. Egal, ob dafür irgendwo Leute krepieren.“

Alena hat den Eindruck, als wenn sich Brigitte Dahlem eines fast verschütteten Motivs erinnert. „Wir hatten Gewissensbisse, wir fühlten uns schuldig,“ sagt sie und es klingt fast erstaunt. „Und plötzlich dieses Gefühl 1968, im Kairos der Weltgeschichte zu stehen, etwas verändern zu können. Als wenn sich ein Spalt auftat, in den man hineingreifen konnte. Eine Gelegenheit, die sich nie wieder ergibt. Ich glaube, wir haben alle gewartet. Wir haben erwartet, dass etwas passiert, der große Knall, der Startschuss. Wir haben demonstriert, diskutiert und gewartet. Und dann war der Spalt wieder zu und das war unsere Schuld. Wir hatten nichts unternommen. Wir hatten die Gelegenheit nicht ergriffen.“

Brigitte Dahlem atmet tief ein und wieder aus. „Dann kamen die Nachrichten vom Kaufhausbrand. Baader und Ensslin, die nicht nur einfach gewartet hatten. Die etwas unternahmen. Ein Kaufhaus anzünden, einen Konsumtempel, das Zentrum des Kapitalismus. Das machte irgendwie Sinn.“ Ihre Augen sind noch immer halb geschlossen, aber ihre Gesichtszüge sind jetzt weicher. „Bei einigen von uns hat es da Klick gemacht. Da war jemand, der die Sache in die Hand nahm, und vielleicht waren ja doch noch Veränderungen möglich.“ Sie schüttelt kaum merklich den Kopf. „Für Hoffmann war es eine Möglichkeit, sich von der Schuld freizumachen, die er ständig gespürt hat. Manche spenden Geld um ihr Gewissen zu beruhigen, andere organisieren Spendensammlungen und wieder andere gehen in die Entwicklungshilfe. Vielleicht wäre das eher das Richtige für Hoffmann gewesen. Aber die Zeiten waren anders, Brot für die Welt war weit weg und die RAF direkt um die Ecke in Westdeutschland. Vielleicht wollte er auch einfach nur auf hohem Niveau leiden. In den Untergrund gehen, alles aufgeben, das war echtes Märtyrertum.“

Samstag, 3. März 2007

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76: Konfrontationen

Einen Moment lang schauen Alena und Kaspar sich in die Augen, als suchen sie etwas Vertrautes. „Warum bist du hier,“ versucht es Alena noch einmal. Sie spürt den forschenden Blicke von Brigitte Dahlem und wünscht sich, sie wäre mit Kaspar allein im Zimmer. „Ich wollte mit ihr reden,“ antwortet Kaspar ausweichend. Er hat dunkle Ringe unter den Augen. „Über deine Mutter,“ fragt Alena vorsichtig. Kaspar nickt. Alena denkt daran, dass sie ihm von der Bemerkung der Ex-Terroristin erzählt hat und erkennt, dass ihn diese Bemerkung nicht losgelassen hat. Sie hätte es sich denken können. Vielleicht hat sie ihm einfach nicht zugetraut, den Weg allein zu Brigitte Dahlem zu finden. Warum eigentlich nicht, wundert sie sich nun. Kaspar sieht zur der in Schwarz gekleideten Frau hinüber. „Der Wagen, der vor Ihrer Tür stand. Das passt zu der Vermutung der Kommissarin. Vielleicht sollten Sie zu ihr gehen.“ Während Alena fragend in die Runde schaut, beginnt Frau Dahlem laut zu lachen. Es ist ein hartes, verächtliches Lachen.

„Was für ein Kind du bist,“ sagt sie zu Kaspar.

„Was für ein Auto,“ fragt Alena. Als die Dahlem nicht antwortet, sagt Kaspar: „Sie hat einen Wagen beobachtet, der seit einigen Tagen abends vor dem Haus steht und es offensichtlich observiert.“ Wieder schaut er eindringlich Brigitte Dahlem an. „Sie haben nicht nur ein Recht darauf, von der Polizei beschützt zu werden, Sie könnten mit diesem Hinweis auch dazu beitragen, dass der Täter gefunden wird. Wenn Sie es nicht gewesen sind, haben Sie doch ein Interesse daran, dass Sie von allen Verdächtigungen freigesprochen werden.“

Brigitte Dahlem nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette und beginnt zu husten. Mit heiserer Stimme sagt sie: „Ich habe überhaupt keine Rechte. Kapier es doch endlich, ich bin der Staatsfeind. Ich habe dafür gekämpft, dass sich in diesem faschistischen Staat was ändert, und das werden sie nie vergessen. Und wenn ich krepier, dann ist es in ihrem Interesse. Vielleicht sitzt auch ein Bulle in diesem Wagen, hast du schon mal daran gedacht? Vielleicht beobachten sie mich und warten darauf, dass ich einen Fehler mache. Oder es ist der Verfassungsschutz.“ Sie hustet noch einmal, es hört sich an wie ein Reibeisen. „Wir leben in einem Überwachungsstaat,“ ergänzt sie. Dann erscheint ein Ausdruck von Stolz auf ihrem Gesicht. „Und ich will keine Hilfe von den faschistischen Kapitalisten. Ich will nichts mit diesem Bullenstaat zu tun haben. Vielleicht habe ich aufgehört zu kämpfen, aber das heißt noch lange nicht, dass ich die ganze Scheiße, die hier läuft, akzeptiere.“

Alena sieht sie nachdenklich an. „Haben Sie eine Waffe,“ fragt sie dann. Brigitte Dahlem lächelt dünn. „Ich habe längst durchschaut, was du bist. Du bist ein Spitzel. Vielleicht weißt du es selbst noch nicht, aber ich erkenne einen Spitzel, wenn ich ihn sehe.“ Sie wendet sich zu Kaspar und schaut ihn durchdringend an. „Ich hoffe du weißt, auf welcher Seite sie steht.“

Kaspar atmet tief ein. „Alena ist kein Spitzel. Du kennst sie nicht und du kannst sie nicht mit irgendwelchen Leuten vergleichen. Sie,“ er sucht nach den richtigen Worten. „Sie steht ein wenig neben der Realität. Wenn sie dich solche Sachen fragt, dann will sie dich nicht bespitzeln. Niemand kann nachvollziehen, was sie denkt, aber sie will sicherlich niemand etwas Böses.“

Alena starrt ihn an. Seit wann duzen sich die beiden eigentlich, ist ihre erste Reaktion. Dann durchfährt sie fast so etwas wie Erleichterung. Kaspar steht noch immer zu ihr, irgendwie. Sie kann nicht behaupten, dass seine Beschreibung von ihr ihrem Selbstbild entspricht, aber er hat ein gutes Wort für sie eingelegt und dass ist ein positives Zeichen. Er hat sich noch nicht unerreichbar von ihr entfernt.

Brigitte Dahlem runzelt die Stirn. „Das sie ein bisschen spinnt, ist mir klar. Aber das bedeutet in meinen Augen nicht, dass sie weniger gefährlich ist. Sie erzählt diesem Pig vielleicht Sachen, die mich in Schwierigkeiten bringen, und kriegt das gar nicht mit.“ Nun hat Alena definitiv genug davon, dass man von ihr in der dritten Person redet. „Ich spinne nicht und ich weiß ziemlich gut, was ich tue,“ erklärt sie würdevoll. Sie reckt sich ein wenig in die Höhe. „Und wenn ich Frau Stein-Bachmüller erzähle, dass ein Wagen vor Ihrer Tür steht, dann nur weil ich es für richtig halte, etwas zu unternehmen. Ich bin nämlich nicht der Ansicht, dass Sie der Mörder von Burg und Schwarz sind und kann mir daher gut vorstellen, dass Sie die Nächste sind, für die ein schwarzer Plastiksack zurecht gelegt wird. Vielleicht kann ich Ihre kruden Revolutionswünsche nicht teilen, aber ich habe generell etwas dagegen, dass ein Unschuldiger stirbt.“

Brigitte Dahlem lacht ihr ins Gesicht. „Der schwarze Sheriff,“ spottet sie und Alena steigt das Blut in den Kopf. Ärgerlich sagt sie: „Und dieses ganze Geschwätz von wegen Staatsfeind. Glauben Sie nicht, dass man Sie für so wichtig hält. Sie sind nur eine alte Frau, die Hartz IV bekommt, wie tausend Andere. Ihre Zeit ist vorbei, keiner interessiert sich mehr für das Revolutionsgewäsch von gestern.“

Mittwoch, 28. Februar 2007

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75: Begegnung

Etwas unschlüssig steht Alena vor der verkratzten Glastür und überleg, ob sie auf die Klingel drücken soll. Ist es wirklich klug her zu kommen? Das letzte Gespräch mit Brigitte Dahlem hat zu viele Anforderungen gestellt, die sie nicht erfüllen konnte und endete mit der späten Einsicht, dass die Dahlem sie ins offene Messer geschickt hatte. Oder auf eine Probe stellte, die Alena definitiv nicht bestanden hat. Plötzlich knackt die Sprechanlage und Brigitte Dahlems Stimme ertönt kratzig. „Finden Sie die Klingel nicht oder warten Sie auf jemanden?“ Ewas schockiert stottert Alena: „Ich wollte gerade klingeln.“ Die Anlage knackt erneut, dann ertönt der Summer der automatischen Türöffnung. Alena atmet ein paar mal tief ein und aus, bevor sie die Treppe hochsteigt. Woher zum Teufel… . Eine grinsende Ex-Terroristin steht an den Rahmen der offenen Haustür gelehnt. „Haben Sie gesehen, wie ich gekommen bin,“ fragt Alena und wird ihrerseits mit einer Handbewegung begrüßt, die ins Innere der Wohnung deutet. Vorsichtig übertritt Alena die Schwelle, sie ist sich überbewusst, dass sie noch nie in Brigitte Dahlems Wohnung war. Als sie fragend in der Diele stehen bleibt, überholt die Frau sie und geht voran in das Zimmer am Ende des unmöblierten Flures. Der Eindruck des Flures ist verschwommen, Alena ist zu aufgeregt, um sich umzusehen. Als sie den nächsten Raum betritt, der offensichtlich ein Wohnzimmer darstellen soll, keucht sie zum zweiten Mal an diesem Tag. Kaspar sitzt auf einem Holzstuhl und sieht sie regungslos an.

Alenas Blick fliegt von Kaspar zu Frau Dahlem und zurück. „Was tust du hier,“ bringt sie heraus. Kaspars Augen werden sofort schmal. „Das könnte ich dich auch fragen,“ sagt er kühl. Unwohlsein überschwappt Alena wie plötzliche Übelkeit. Sie schaut fragend zu Frau Dahlem, die sich offensichtlich amüsiert auf einen Sessel setzt. Sie zündet sich eine Zigarette an, ohne eine anzubieten, und erweckt den Eindruck, die Situation zu genießen. „Sind Sie wieder zum Plaudern gekommen,“ fragt Brigitte Dahlem mit hochgezogenen Augenbrauen und Alena spürt den unvermittelten Drang, ihr eine Beleidigung an den Kopf zu schleudern. Sie hält sich zurück weil sie weiß, dass Brigitte Dahlem mit diesem „wieder“ nur die Kluft zwischen Alena und Kaspar verbreitern will, die sie offenbar sofort gespürt hat. „Ich bin hergekommen, um Sie zu warnen,“ sagt sie stattdessen und versucht ein wenig Arroganz in ihre Antwort zu legen. Brigitte Dahlem zieht die Augenbrauen hoch und zu ihrer Überraschung entdeckt Alena leichte Unruhe in den blassen grünen Augen.

„Wovor wollen Sie mich warnen?“ Die Stimme der Dahlem klingt rau. Ohne sich zu Kaspar umzudrehen weiß Alena, dass auch seine Anspannung steigt. „Ich habe noch einmal mit Frau Stein-Bachmüller gesprochen und es hörte sich für mich so an, als würde sie davon ausgehen, dass der Mörder von Burg und Schwarz weitere Mitwisser oder die, die er dafür hält, beseitigen möchte. Wenn er weiß, dass Sie mit Burg und Schwarz gesprochen haben, könnte er bald vor Ihrer Tür stehen. Ich weiß nicht, ob Ihnen das klar ist.“ Alena macht ein winzige Pause. „Vorausgesetzt natürlich, Sie sind nicht selbst der Täter. Dann können Sie jetzt natürlich ruhig schlafen.“ Sie hält den forschenden Blick aus dem hageren Gesicht aus. „Hat die Stein-Bachmüller Ihnen das so gesagt?“ Alena nickt. „Weiß Sie, dass Sie hier sind? Hat sie Sie hergeschickt?“ Alena zwingt ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Nein, das hat sie nicht. Und falls es Sie interessiert, sie hat auch nicht so auf meinen Bericht über die Drohbriefe reagiert, wie Sie anscheinend gehofft haben.“ Nach einer Sekunde zuckt die Dahlem mit den Schultern. „Sie meinen, weil die Briefe nichts Neues für sie waren?“ Auf ihren schmalen Lippen erscheint ein verächtliches Lächeln. „Sie glauben nicht ernsthaft, ich erzähle Ihnen etwas, dass die Bullen noch nicht wissen?“

Alena kann nicht verhindern, dass sich ihre Arme vor der Brust kreuzen. „Ich trage es Ihnen nicht nach,“ sagt sie ernst. „Und eigentlich will ich auch gar nichts weiter mit Ihnen zu tun haben. Ich habe versucht, Kaspar zu helfen, aber wie ich sehe, braucht er meine Hilfe nicht.“ Sie wirft Kaspar einen Blick zu, und der lacht empört auf. „Du willst niemandem helfen, Alena. Und du hast Recht, ich kann mir ganz gut selber helfen.“ Er redet laut, ein wenig zu laut.

Sonntag, 25. Februar 2007

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74: Druck von oben

Entnervt klopft Pia an Oberdorfs Bürotür. Riesel hat ihr mit verlegenem Gesichtsausdruck mitgeteilt, dass Oberdorf sie umgehend sprechen will und Pia vermutet, dass Oberdorf seine erwartungsgemäß schlechte Laune bereits teilweise an Riesel abgelassen hat. Sie holt tief Luft und drückt die Klinke hinunter. Ein weiterer Sachstandsbericht ist schon länger fällig, aber sie hat das Gespräch bewusst hinausgezögert. Oberdorf sitzt hinter einer dampfenden Tasse Kaffee, die Pia sehnsüchtig betrachtet. Sein rotes Gesicht spiegelt erhöhte Anspannung, die buschigen Brauen drücken auf die kleinen Schweinsaugen.

„Frau Stein-Bachmüller,“ sagt er mit falscher Freundlichkeit und deutet auf den Stuhl vor seinem riesigen Schreibtisch. „Setzen Sie sich doch und berichten mir von Ihren letzten Ermittlungserfolgen. Sofern es diese gegeben hat.“

Die Stimme hat einen drohenden Beiklang. Pia setzt ein ernstes Gesicht auf und setzt sich vorsichtig. „Die Ergebnisse der Spurensicherung haben uns bisher nicht weitergebracht,“ berichtet sie unverblümt. „Wir fahnden nach Robert Koch in Altenburg und Umgebung, aber auch hier gibt es keine neuen Erkenntnisse. Die Auswertung der Notizen von Otto Schwarz hat ebenfalls nichts Brauchbares zutage gebracht.“ Sie sieht Oberdorf offen ins Gesicht. „Das ist nicht besonders viel, ich weiß, aber die Spuren des Falls führen zurück in die Vergangenheit und das ist immer ein schwammiges Feld. Die Tatwaffe zum Beispiel ist 1972 gestohlen worden und erst jetzt wieder aufgetaucht. Sie ist nie bei einer RAF-Aktion benutzt worden, obwohl andere Waffen aus dem gleichen Raub später RAF-Mitgliedern lokalisiert wurden. Sie könnte in einem geheimen Waffenlager versteckt gewesen sein, oder eines der untergetauchten RAF-Mitglieder hat sie mitgenommen und bis heute in seinem Besitzt gehabt.“ Bevor Oberdorf seiner Enttäuschung Ausdruck verleihen kann, holt Pia zum Präventivschlag aus.

„Was mir aber keine Ruhe lässt ist die Frage, wie Schwarz damals so nah an die RAF herangekommen ist. Er stand kurz davor, das Kommando, dem Dahlem und Burg angehörten, auffliegen zu lassen. Er kannte die Pläne für den Anschlag.“ Sie stützt die Unterarme auf die Knie und beugt den Oberkörper nach vorn. „Herr Oberdorf, wenn Sie etwas darüber wissen, sollten Sie mich informieren. Sie erwarten von mir, dass ich den Fall löse, aber dafür brauche ich alle Informationen, die Ihnen zur Verfügung stehen. Und Schwarz war ein guter Bekannter von Ihnen. Vielleicht hat er Ihnen mehr über den Fall erzählt als Anderen.“ Ihr Blick bleibt auf Oberdorf geheftet, der sie mit undurchdringlicher Mine betrachtet. Es entsteht eine kleine Pause. Dann räuspert sich Oberdorf und erklärt: „Er hat die Spur zufällig aufgenommen. Ein Telefon ist abgehört worden und er hat die Bemerkungen richtig gedeutet.“ Pia schlägt die Beine übereinander und lehnt sich zurück. „Das ist die offizielle Version. Und nun erzählen Sie mir, was wirklich passiert ist.“

Einen Moment hat sie den Eindruck, als wolle Oberdorf wirklich auf ihre respektlose Aufforderung eingehen, dann gewinnt er die Kontrolle zurück und Zornesfalten erscheinen auf seiner Stirn. „Was soll das eigentlich? Sie machen schon die ganze Zeit Andeutungen in Bezug auf Schwarz. Erst diese Fragen, warum Schwarz den Kollegen nicht die Drohbriefe vorgelegt hat. Jetzt diese Bemerkung, die ich nur als Anschuldigung Schwarz gegenüber verstehen kann. Sie sind unverschämt, Frau Stein-Bachmüller. Otto Schwarz war ein erfolgreicher und ausgezeichneter Polizist, ein Vorbild für uns alle und er war mein Freund. Seien Sie demnächst vorsichtiger mit Ihren Worten.“ Pia hat die gezischten Wortpfeile äußerlich unbeteiligt über sich ergehen lassen. „Wenn Schwarz Ihr Freund war, warum hat er Sie dann nicht um Hilfe gebeten, als er von Drohbriefen der RAF überschwemmt wurde,“ bemerkt sie ruhig. Oberdorf fehlen sichtlich die Worte. „Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es direkt,“ bringt er mühsam hervor. Pia steht auf. „Ich glaube, Otto Schwarz ist der RAF näher gekommen, als er offiziell zugegeben hat. Ich glaube, er hat seine Befugnisse weit überschritten. Und ich vermute, dass dies ein Grund dafür war, warum er ermordet wurde.“ Ohne den Blick von Oberdorf zu lassen, zuckt sie mit den Schultern. „Hören Sie, ich bin kein Moralapostel. Es geht mir nicht darum, Schwarz nachträglich bloß zu stellen. Mich interessiert die Vergangenheit nicht, mir geht es um die Gegenwart, um den Mörder von Schwarz und Burg. Aber wenn mich die schmutzigen Flecken aus Schwarz´ Vergangenheit auf die Spur dieses Mörders bringen, dann will ich sie kenne und werde alles tun, um sie aufzudecken.“ Sie wartet noch einen Moment, aber Oberdorf starrt sie nur an. Sie lächelt kühl und verlässt mit den Worten, „Wenn Sie es sich anders überlegen, rufen Sie mich an,“ das Büro.

Samstag, 24. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

einfühlung

Unruhig läuft Alena durch die morgendlichen Straßen. Sie ist schon früh aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Pia hatte gestern am Telefon eine Kette von Gedanken bei ihr in Gang gesetzt, die sich immer fester um sie zu wickeln scheint. Langsam bekommt Alena das Gefühl, als wenn alles außer Kontrolle gerät, als wenn sich die Ereignisse in einem Strudel befinden, in den sie nicht mehr eingreifen kann. Was, wenn Brigitte Dahlem wirklich vorhat, jemanden zu töten? Dummkopf, vielleicht hat sie das längst getan, sagt sich Alena ärgerlich. Aber gleichzeitig zweifelt sie daran. Vielleicht macht es Sinn sich vorzustellen, dass die Dahlem Otto Schwarz tötete, aber Hajo Burg? Alena erinnert sich an den Schmerz in Brigitte Dahlems Gesicht. Noch eine Verbindung zur Vergangenheit für immer verloren, zu einer Vergangenheit, die der Sinnstifter ihres ganzen Lebens ist. Plötzlich fällt ihr Kaspars Reaktion auf den Tod von Schwarz ein. Auch hier sind Fäden gekappt worden, Möglichkeiten versäumt. Auch Kaspar versucht etwas einzuholen, das längst vergangen ist und doch für ihn so drückend präsent. Definieren wir uns über die Ziele Anderer, weil wir selbst so ziellos sind? Fast wäre sie mit einem Passanten zusammengestoßen. „Passen Sie doch auf,“ herrscht sie der ältere Mann an und Alena murmelt eine Entschuldigung und läuft weiter. Pia wirft ihr vor, zu wenig emphatisch zu sein. Alena beißt die Zähne zusammen bei dem Gedanken an ihr Gespräch in der Pizzeria. Wie sollte sie sich zum Beispiel vorstellen, ebenfalls in die RAF zu rutschen?

Damals herrschten völlig andere Verhältnisse. Die Studentenunruhen, das drängend gewordene Verlangen, sich von der Vergangenheit zu befreien, die düster und stickig in der Person der eigenen Eltern lauerte. Die plötzliche Leidenschaft, die sich langsam in Hass verwandelte. Was ist da passiert? Hat man begriffen, dass es falsch ist, sich einen Sinn und Lebensziele aufoktroyieren zu lassen? Vielleicht war das eine der persönlichen Lehre, die jeder Einzelne aus dem Nationalsozialismus ziehen konnte. Hat man dann festgestellt, dass das mit der individuellen Zielsetzung nicht so einfach ist? Begann man einen Sinn zu suchen, in endlosen Diskussionen, mit Hilfsmitteln vom Dealer an der Ecke? Wann hat man gespürt, dass die Suche gescheitert ist? Und wie sollte man darauf reagieren? Mit abgestumpfter Gleichgültigkeit die Einen, mit wütender Enttäuschung die Anderen? Wollten letztere sich den Sinn ihres Lebens mit Gewalt verschaffen? Haben sie mit vorgehaltener Waffe Bedeutung gefordert? Oder hat sie noch etwas anderes so zornig gemacht – was macht uns wütend auf Andere, fragt sich Alena und beantwortet die Frage prompt: wir haben Angst, ihnen ähnlich zu sein. Wenn wir hassen, dann hassen wir nicht das, was am Anderen fremd ist, sondern das, was uns so verdammt bekannt vorkommt. Wir hassen Andere, weil sie uns an die Seiten in uns erinnern, die wir verdrängen, weil sie unsere dunklen Stellen aufdecken, die wir nicht wahrhaben wollen.

Psychologisch gesehen könnte der Hass der RAF auf den Staat die Reaktion darauf gewesen sein, dass man darin gescheitert ist, seinem individuellen Leben einen eigenen Sinn zu geben. Was blieb, war Sinnstiftung durch Abgrenzung, negative Sinnstiftung. Und die Gewalt ergab sich daraus, dass man feststellte, dass das, wogegen man kämpfte, in Wirklichkeit man selbst war. Die eigenen Fotzenbedürfnisse, fährt es ihr durch den Kopf, die Diktion der inhaftierten ersten Generation aufgreifend.

Gibt es wirklich Ziele, die außerhalb unserer selbst liegen, ist der letzte Gedanke Alenas, als sie in den Bus nach Weißbach steigt.

„Wie kommen Sie darauf? Das ist totaler Unsinn,“ ruft Kaspar fassungslos. Sein Herz klopft noch schneller; schon seit dem Eintritt in die Wohnung hatte es eine ungesunde Frequenz angenommen. Er sitzt auf einem harten Holzstuhl in dem spärlich möblierten Wohnzimmer, die billige Couch an der Wand und der niedrige Holztisch davor sehen aus wie selten genutzte Dekorationsartikel. Brigitte Dahlem steht neben dem Fenster an die Wand gelehnt und raucht. Der Aschenbecher steht auf der Fensterbank, und sie tippt gelassen die Zigarettenasche hinein. „War nur so eine Frage,“ sagt sie, fast amüsiert. „Eigentlich habe ich gar nicht ernsthaft angenommen, dass Sie es sind, der abends mit dem Wagen vor meiner Wohnung steht und mich bespitzelt. Aber zumindest wollte ich Sie ausschließen.“ Kaspar beruhigt sich nur langsam. Er versucht klar zu denken. „Seit wann genau steht der Wagen dort,“ bringt er heraus. „Seit Donnerstag, würde ich sagen. Vorher ist er mir jedenfalls nicht aufgefallen.“ Brigitte Dahlem macht den Eindruck, als würde sie die Tatsache, dass ein Unbekannter sie beobachtet, nur peripher tangieren, aber Kaspar spürt, dass sie beunruhigt ist.

Freitag, 23. Februar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

72: Vorbereitungen

Die Montagmorgensonne scheint unangenehm durch das Fenster in Kaspars Arbeitszimmer, aber die Jalousie ist kaputt und er hat keine Vorhänge. Der Programmierauftrag sollte heute fertig sein, und er hat noch nicht mal die Hälfte geschafft. Er könnte es auf seine Krankheit schieben, aber Pluspunkte bringt ihm das bestimmt nicht ein. „Scheiße,“ murmelt er und fühlt sich dadurch nicht besser. Wenn er sich nur auf die Arbeit konzentrieren könnte. Stattdessen hört er Alena in seinem Kopf, ihren Satz: Brigitte Dahlem weiß etwas über deine Mutter, das du besser nicht erfahren solltest. Was? Er stößt sich von der Schreibtischkante ab und der alte Schreibtischstuhl rollt einen halben Meter über das zerkratzte Laminat. „Verdammte alte Hexe,“ murmelt Kaspar und drückt den Kopf gegen seine Hände, er ist so nervös, dass er sich nach Schmerzen sehnt, irgendwas, das ihn ablenkt, das ihn für einen Moment aus seinem eigenen Kopf herausholt. Er krallt seine Fingernägel in den Handrücken, aber sie sind zu kurz, er spürt nichts. Ein Laut kommt aus seinem Mund, tief aus seinem Inneren, ein frustriertes Stöhnen, laut und unbeherrscht. Es schreckt ihn auf, dieses unartikulierte Geräusch, was passiert mit ihm, wird er langsam wahnsinnig? Er springt auf und läuft ins Bad, lässt kaltes Wasser laufen und hält sein Gesicht darunter. Das Wasser sammelt sich in Rinnsalen auf seiner Haut und läuft am Hals herunter, durchnässt den Rand seines T-Shirts. Danach steht er einen Moment mit tropfnassem Gesicht und strähnigen Haaren im Raum. Er muss etwas unternehmen. Er muss Gewissheit haben. Auf dem Weg zum Telefon trocknet er sein Gesicht mit einem Handtuch ab, dann wählt er die Nummer. Nach dem zweiten Klingeln nimmt Brigitte Dahlem den Hörer ab. „Wir müssen reden,“ sagt Kaspar. „Über Marianne Wagenbach. Über meine Mutter.“

„Sind Sie morgen auch dabei?“ Professor Bergmann steckt seinen Kopf in Christophers Büro, der nur wegen ein paar Aufzeichnungen die Uni gekommen ist. Montags hat Christopher gewöhnlich vorlesungsfrei. Er nickt lächelnd. „Ich habe gar keine andere Wahl,“ gibt er zu bedenken und Bergmann zuckt ergeben mit den Schultern. „Geht mir ähnlich. Ich wollte nur sicher sein, dass zumindest ein Kollege kommt, mit dem man sich vernünftig unterhalten kann.“

Christopher freut sich über die Bemerkung, ihm gefällt der Typ. Ein verschwörerisches Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. „Sie werden doch nicht sagen, dass Sie sich in Gegenwart von Professor Stemmler langweilen?“ Stemmler ist Bergmanns alteingesessener Kollege, dessen soziales und privates Leben sich hauptsächlich in den historischen Strukturen der Weimarer Republik abspielt. Bergamm sagt ernst: „Stemmler kann sehr unterhaltsam sein, wenn man sich für die Entwicklung der Kommunalwahlergebnisse des Ruhrgebiets zwischen 1933 und 1936 interessiert.“ – „Ein Thema, über das man sich stundenlang angeregt unterhalten kann, ich beneide Sie geradezu,“ sagt Christopher mit einem gemeinen Lächeln. Dann fragt er: „Kommen Sie morgen in Begleitung?“ Bergmann zieht die Augenbrauen hoch. „Meine Mutter hat morgen keine Zeit und abgesehen von ihr ist mein Leben momentan ausgesprochen frauenfrei.“ Er zuckt in komischer Hilflosigkeit mit den Schultern. „Zu viel Arbeit.“ Christopher macht ein mitfühlendes Gesicht. „Berufskrankheit.“ – „Ich dachte, Sie sind verheiratet,“ sagt Bergmann erstaunt und Christopher beeilt sich zu nicken. „Das stimmt und meine Frau kommt morgen auch mit. Aber wir verbringen auch nicht sehr viel Zeit miteinander. Allerdings hat sie ebenfalls einen sehr stressigen Job.“ – „Was macht sie denn,“ fragt Bergmann neugierig. „Sie ist bei der Kriminalpolizei, hier in Altenburg.“ Christopher ist beinahe etwas stolz auf Pia, als Bergmanns Augen begeistert aufleuchten. „Scharf, ich liebe Krimis. Sie kann mir bestimmt ein paar blutrünstige und perverse Einzelheiten aus ihrem mörderischen Alltag erzählen.“ Christopher lacht und winkt ab. „Sie nimmt ihre Arbeit sehr ernst und möchte die Ermittlung nicht auf die blutigen Schlagzeilen der Bildzeitung reduziert sehen.“

Dann wird er ernst und denkt einen Moment nach. „Mir fällt gerade ein, sie sucht jemanden, der vielleicht mal an dieser Uni war. Sie sind natürlich viel zu jung und noch nicht so lange hier, aber es kann ja nichts schaden.“ Verfolgt von dem aufgeregten Bergmann geht Christopher zu seinem Schreibtisch und holt das Foto von Koch aus einer Schublade. Er hält es Bergmann hin, der schnell danach greift und es dicht unter seine bebrillten Augen hält. „Wer soll das sein?“ Christopher schüttelt den Kopf. „Kann ich Ihnen nicht sagen. Fragen Sie morgen meine Frau, vielleicht erzählt sie es Ihnen. Haben Sie den Mann schon mal gesehen?“ Bergmann starrt auf das Bild und zieht die Stirn in Denkerfalten. Er will etwas sagen, bricht dann wieder ab und heftet seine Augen erneut auf das Foto. Dann schüttelt er unsicher den Kopf. „Ich könnte schwören der Typ erinnert mich an jemanden, aber ich kann zum Teufel nicht sagen an wen.“ Christopher nickt interessiert. „So ähnlich ist es mir auch gegangen. Die Augen sind es, oder?“ Wieder fokussiert Bergmann das Bild. „Ja, die Augen, vielleicht,“ murmelt er. Christopher nimmt ihm das Foto aus den Händen und legt es zurück in die Schublade. „Denken Sie mal darüber nach und berichten mir, wenn Ihnen etwas eingefallen ist. Wir sehen uns morgen. Und vergessen Sie Ihre Krawatte nicht.“

Mittwoch, 21. Februar 2007

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71: ein Telefonat

„Was hat Wagenbach dazu gesagt,“ fragt Pia in den Hörer hinein, während sie sich mit dem Schreibtischstuhl im Büro hin und her dreht und schon mal darüber nachdenkt, was ihr Mann gekocht haben könnte. Sie hat Hunger, aber bevor sie nach hause fährt, muss sie mit Alena sprechen. „Er hat keine Ahnung, was die Dahlem gegen seine Mutter haben könnte und ich glaube ihm. Außerdem haben meine Fragen ihn misstrauisch gemacht und er denkt jetzt, ich verheimliche ihm etwas.“ Pia rollt mit den Augen. „Grundgütiger, Alena, ich dachte, Sie können das besser.“ – „Ich habe ihm gesagt, wir sollten noch mal mit Frau Dahlem darüber sprechen und das hat ihn erst mal außer Gefecht gesetzt. Ich glaube, momentan ist er auch nicht besonders wild darauf, sie zu sehen.“ Draußen ist es bereits so dämmrig, dass Pia ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe sehen kann. Sie beobachtet sich dabei, wie sie eine strenge Mine aufsetzt. „Irgendwas müssen wir jetzt tun. Wir können nicht die Hände in den Schoß legen und abwarten.“ Ihr Spiegelbildgesicht sieht entschlossener aus als ihr zumute ist. Bevor Alena etwas sagen kann, erklärt sie: „Ich habe noch einmal über alles nachgedacht und tendiere jetzt dazu, dass der Schreiber der Briefe nicht notwendig der Mörder von Schwarz ist.“ Sie wartet eine Reaktion ab, die nicht kommt. „Was denken Sie darüber,“ drängelt Pia. „Ich weiß es nicht.“ Alenas Stimme klingt zögernd. „Da gibt es dieses philosophische Prinzip, den Ockham´schen Razor. Man sollte sparsam mit den theoretischen Entitäten umgehen, die ein Phänomen erklären sollen.“ – „Alena, das hier ist kein philosophisches Theorem, das ist die Wirklichkeit,“ wirft Pia ungeduldig ein. „Und wenn es unökonomisch ist, zwei Täter anzunehmen, dann ist mir das auch piepegal.“

„Wen haben Sie in Verdacht,“ fragt Alena. Pia überlegt einen Moment. Hat sie tatsächlich einen Verdacht? Oder nur eines dieser Bauchgefühle, denen sie nicht traut? „Bisher möchte ich dazu keine Aussagen machen,“ antwortet sie dann. Es ist besser, Alena etwas zappeln zu lassen, das könnte ihre Kreativität steigern und ihre Phantasie anregen. Und man weiß nie, wozu das gut ist. „Wissen Sie, was mir dazu einfällt?“ Die Frage kommt aus dem Hörer geschossen und Pia ist zufrieden; die Reaktion kommt schneller als erwartet. „Jemand hat zuerst Schwarz erschossen und dann Burg. Schwarz hat mit Burg geredet und Schwarz hat mit Frau Dahlem geredet. Burg hat auch mit Frau Dahlem geredet. Burg und Schwarz sind tot. Wenn Frau Dahlem nicht der Mörder ist, steht sie vielleicht als Nächste auf der Liste des Mörders. Einfach weil er fürchtet, sie könnte etwas von den beiden erfahren haben. Das setzt natürlich voraus, er weiß von den Gesprächen zwischen Burg, Schwarz und Dahlem.“ Pia setzt mit einer Antwort an und Alena unterbricht sie: „Und außerdem ist Frau Dahlem ziemlich sauer auf den Mörder von Burg. Das hat sie in meiner Gegenwart zum Ausdruck gebracht und ich glaube ihr. Wenn Frau Dahlem aber nicht Burg tötete und Burg mit der gleichen Waffe wie Schwarz erschossen wurde, dann ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht der Mörder von Schwarz.“

Alenas Schlussfolgerung endet mit einem triumphierenden „Stimmt´s“ und Pia sucht einen Fehler in der Argumentation. „Sie verlassen sich darauf, dass Sie die Ausdrucksweisen der Dahlem richtig deuten, aber genau da sollten Sie vorsichtig sein. Aber gut, nehmen wir mal an, Sie liegen richtig.“ Pia denkt nach. „Stellen wir uns vor, die Dahlem ist tatsächlich vollkommen unschuldig und hat den gleichen Gedanken wie Sie. Wie würde Frau Dahlem darauf reagieren, dass jemand sie töten möchte? Kommt sie zu mir und bittet um polizeilichen Schutz? Verrammelt sie sich zitternd in ihrer Wohnung? Oder geht sie in den Wald und buddelt ein altes Waffenarsenal aus, um den Mörder von Burg mit 20-Jahre alter Munition voll zu pumpen.“ Sie hört einen tiefen Atemzug von Alena. „Ich fürchte, eher das letztere. Sie war wirklich etwas aufgebracht.“ Pia nickt langsam. „Vielleicht nimmt sie uns ja ein bisschen Arbeit ab.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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