87: der Fund
Alena wendet sich langsam wieder zurück und versucht den Raum mit Pias Augen zu sehen. Sie war oft mit Kaspar hier, hat die Fahndungsplakate an der Decke betrachtet und die Schriftstücke, die dicht gedrängt an den Wänden hängen. Sie in den Bücher geblättert, die in die Regale an den Wänden gestopft sind, und die vielen in Klarsichthüllen verwahrten Originaldokumente durchgesehen.
Alena versucht sich zu erinnern, welchen Eindruck sie hatte, als Kaspar ihr zum ersten Mal die Tür zu seinem Arbeitszimmer geöffnet hatte. Verwirrung? Irritation? Ablehnung? Nein, eher Faszination. Die Faszination die sie immer ergreift, wenn sie Einblick in die Gedankenwelt von Besessenen erhält. Wenn sie für einen kurzen Moment spüren kann wie es ist, wenn man sich etwas völlig hingibt, wenn man sich selbst für etwas aufgibt.
In diesen Zusammenhang hat sie Kaspar gestellt, und damit in eine Reihe von Erfahrungen, die sie immer wieder gesucht hat. Er war keine Ausnahmeerscheinung aus ihrer Perspektive. Aus der Perspektive Pias allerdings ist er ein Freak.
„Dass er Spezialist für die Geschichte der RAF ist, macht ihn noch nicht zu einem Irren,“ sagt Alena vorsichtig. Pia schüttelt nur den Kopf und murmelt: „Alena, Kind.“ Sie betritt den Raum so vorsichtig als ob sie befürchtet, dass Kaspars Wahnsinn sie infizieren könnte. „Das hier zeigt mir, dass sein Kopf genauso mit den ganzen kranken Ideen der RAF vollgestopft ist wie dieser Raum. Da ist kein Platz mehr für Normalität. Ich für meinen Teil finde diesen Anblick ziemlich besorgniserregend.“ Sie geht langsam zum Schreibtisch und schiebt mit der Spitze des Zeigefingers ein Blatt beiseite. Wieder schüttelt sie mit dem Kopf. Ihr Blick haftet auf dem Bildschirm und Alena kann förmlich sehen, wie der Wunsch, den PC anzuschalten, in Pia kämpft. Dann seufzt sie und nimmt die Hand zurück.
Die Luft im Raum ist stickig. Alena betrachtet sehnsüchtig das Fenster, aber wagt nicht, es zu öffnen. Gleichzeitig hört sie mit einem Ohr in Richtung Tür aus Sorge, dass Kaspar zurückkommen und sie hier mit Pia finden würde. Eine Katastrophe. Kaspar würde sie hassen und sie könnte das sogar nachvollziehen.
Die nächsten Minuten geht Pia die Wände entlang, an denen Kopien, Fotos und Schriftstücke mit Heftzwecken befestigt sind, und betrachtet einzelne Stücke mit einer Konzentration, die Alena an einen Besuch im Museum erinnert. Auf eines der Dokumente zeigt sie mit dem Finger. „Das ist ein Foto von Robert Koch. Woher hat Wagenbach das?“ Alena zuckt mit den Schultern. „Fragen Sie mich nicht. Kaspar kennt ein paar Leute. Journalisten, Historiker. Vielleicht hat einer von denen es ihm gegeben. Oder er hat es von der Familie von Robert Koch.“ Pia sieht sie zweifelnd an. „Ist er zu den Angehörigen der Terroristen gegangen?“ – „Er hat versucht, Kontakte zu den Angehörigen zu knüpfen, wenn welche existierten. Meist hat es aber nicht geklappt. Den Angehörigen war es lieber, nicht mit der RAF konfrontiert zu werden, in welcher Form auch immer. Ich glaube nicht, dass er unter ihnen jemanden gefunden hat, der sein Interesse an der RAF teilte.“ Noch einmal schüttelt Pia den Kopf. „Und Sie sind sicher, dass er nicht versuchte, unter den Angehörigen Gleichgesinnte zu finden, die mit ihm die nächste Big Raushole planen?“ Alena verzieht das Gesicht. „Ganz sicher.“
Schließlich zuckt Pia mit den Schultern. „Gut, zumindest wissen wir, dass er nicht tot in der Wanne liegt oder am Fensterkreuz hängt. Mehr können wir momentan nicht tun.“ Alena weiß, dass der letzte Satz sich nicht auf Kaspars Wohlbefinden bezieht. Gerade als sie das Arbeitszimmer verlassen wollen, bleibt Pia noch einmal stehen und dreht sich um. Sie geht zurück zum Schreibtisch und kniet sich hin. In einer Ecke unter dem Tisch steht der Abfalleimer, der so aussieht, als ob er schon sehr lange nicht mehr geleert wurde. Als Pia den Korb zu sich heranzieht, fällt zusammengeknülltes Papier fällt heraus und gesellt sich zu dem weiteren Müll, der bereits auf dem Boden liegt. Bevor Alena protestieren kann, glättet Pia einige der Papierknäuel und sieht sie durch. Alena wird nervös. „Pia, Kaspar kann jeden Moment zurückkommen. Sie dürfen das nicht. Er könnte Sie wegen Hausfriedensbruch anzeigen.“ Ohne aufzusehen nickt Pia. „Stimmt, das könnte er. Wird er aber nicht.“ Sie legt den Papierkorb auf die Seite und greift auf seinen Boden, um an den älteren Müll zu kommen. Entsetzt beobachtet Alena, wie der Boden um Pia herum mit Altpapier bedeckt ist. „Pia, um Himmels willen. Wir müssen den ganzen Dreck wegmachen und sofort verschwinden. Bitte.“ – „Gleich,“ murmelt Pia durch ihre Zähne. Sie zieht Papier auseinander, wirft einen Blick darauf und wirft es wieder zur Seite.
Dann hört Alena das Geräusch. Ein Schlüssel, der sich im Schloss dreht. Ihr Herz setzt aus. Sie stürzt sich auf Pia und packt sie an den Schultern. „Kaspar kommt,“ flüstert sie ihr ins Ohr. Pia fährt hoch und stößt beinahe gegen Alena, die hinter ihr kniet. „Scheiße,“ murmelt sie. In rasender Geschwindigkeit stopfen die beiden Frauen die Papiere zurück in den Abfalleimer, während in Alena Panik hochsteigt und ihre Gedanken lähmt. Vor ihren Augen flimmert es und sie hört Kaspar eher als sie ihn sieht. Sie springt hoch und dreht sich zu Tür. In diesem Moment hört sie Pias scharfen Atem hinter sich. Dann ihre Stimme, triumphierend. „Verdammt, ich wusste es.“ Kaspar steht in der Tür und sieht Alena unbewegt an. Sein Blick schwenkt keinen Moment zu Pia, die jetzt hinter Alena steht und etwas in der ausgestreckten Hand hält. „Guten Tag, Herr Wagenbach. Gut, dass Sie kommen. Ich frage mich gerade, wie einer der Drohbriefe an Otto Schwarz in Ihren Papierkorb gelangt sein könnte. Die wahrscheinlichste Antwort darauf ist jedoch, dass Sie der Verfasser der Briefe sind.“
Alena versucht sich zu erinnern, welchen Eindruck sie hatte, als Kaspar ihr zum ersten Mal die Tür zu seinem Arbeitszimmer geöffnet hatte. Verwirrung? Irritation? Ablehnung? Nein, eher Faszination. Die Faszination die sie immer ergreift, wenn sie Einblick in die Gedankenwelt von Besessenen erhält. Wenn sie für einen kurzen Moment spüren kann wie es ist, wenn man sich etwas völlig hingibt, wenn man sich selbst für etwas aufgibt.
In diesen Zusammenhang hat sie Kaspar gestellt, und damit in eine Reihe von Erfahrungen, die sie immer wieder gesucht hat. Er war keine Ausnahmeerscheinung aus ihrer Perspektive. Aus der Perspektive Pias allerdings ist er ein Freak.
„Dass er Spezialist für die Geschichte der RAF ist, macht ihn noch nicht zu einem Irren,“ sagt Alena vorsichtig. Pia schüttelt nur den Kopf und murmelt: „Alena, Kind.“ Sie betritt den Raum so vorsichtig als ob sie befürchtet, dass Kaspars Wahnsinn sie infizieren könnte. „Das hier zeigt mir, dass sein Kopf genauso mit den ganzen kranken Ideen der RAF vollgestopft ist wie dieser Raum. Da ist kein Platz mehr für Normalität. Ich für meinen Teil finde diesen Anblick ziemlich besorgniserregend.“ Sie geht langsam zum Schreibtisch und schiebt mit der Spitze des Zeigefingers ein Blatt beiseite. Wieder schüttelt sie mit dem Kopf. Ihr Blick haftet auf dem Bildschirm und Alena kann förmlich sehen, wie der Wunsch, den PC anzuschalten, in Pia kämpft. Dann seufzt sie und nimmt die Hand zurück.
Die Luft im Raum ist stickig. Alena betrachtet sehnsüchtig das Fenster, aber wagt nicht, es zu öffnen. Gleichzeitig hört sie mit einem Ohr in Richtung Tür aus Sorge, dass Kaspar zurückkommen und sie hier mit Pia finden würde. Eine Katastrophe. Kaspar würde sie hassen und sie könnte das sogar nachvollziehen.
Die nächsten Minuten geht Pia die Wände entlang, an denen Kopien, Fotos und Schriftstücke mit Heftzwecken befestigt sind, und betrachtet einzelne Stücke mit einer Konzentration, die Alena an einen Besuch im Museum erinnert. Auf eines der Dokumente zeigt sie mit dem Finger. „Das ist ein Foto von Robert Koch. Woher hat Wagenbach das?“ Alena zuckt mit den Schultern. „Fragen Sie mich nicht. Kaspar kennt ein paar Leute. Journalisten, Historiker. Vielleicht hat einer von denen es ihm gegeben. Oder er hat es von der Familie von Robert Koch.“ Pia sieht sie zweifelnd an. „Ist er zu den Angehörigen der Terroristen gegangen?“ – „Er hat versucht, Kontakte zu den Angehörigen zu knüpfen, wenn welche existierten. Meist hat es aber nicht geklappt. Den Angehörigen war es lieber, nicht mit der RAF konfrontiert zu werden, in welcher Form auch immer. Ich glaube nicht, dass er unter ihnen jemanden gefunden hat, der sein Interesse an der RAF teilte.“ Noch einmal schüttelt Pia den Kopf. „Und Sie sind sicher, dass er nicht versuchte, unter den Angehörigen Gleichgesinnte zu finden, die mit ihm die nächste Big Raushole planen?“ Alena verzieht das Gesicht. „Ganz sicher.“
Schließlich zuckt Pia mit den Schultern. „Gut, zumindest wissen wir, dass er nicht tot in der Wanne liegt oder am Fensterkreuz hängt. Mehr können wir momentan nicht tun.“ Alena weiß, dass der letzte Satz sich nicht auf Kaspars Wohlbefinden bezieht. Gerade als sie das Arbeitszimmer verlassen wollen, bleibt Pia noch einmal stehen und dreht sich um. Sie geht zurück zum Schreibtisch und kniet sich hin. In einer Ecke unter dem Tisch steht der Abfalleimer, der so aussieht, als ob er schon sehr lange nicht mehr geleert wurde. Als Pia den Korb zu sich heranzieht, fällt zusammengeknülltes Papier fällt heraus und gesellt sich zu dem weiteren Müll, der bereits auf dem Boden liegt. Bevor Alena protestieren kann, glättet Pia einige der Papierknäuel und sieht sie durch. Alena wird nervös. „Pia, Kaspar kann jeden Moment zurückkommen. Sie dürfen das nicht. Er könnte Sie wegen Hausfriedensbruch anzeigen.“ Ohne aufzusehen nickt Pia. „Stimmt, das könnte er. Wird er aber nicht.“ Sie legt den Papierkorb auf die Seite und greift auf seinen Boden, um an den älteren Müll zu kommen. Entsetzt beobachtet Alena, wie der Boden um Pia herum mit Altpapier bedeckt ist. „Pia, um Himmels willen. Wir müssen den ganzen Dreck wegmachen und sofort verschwinden. Bitte.“ – „Gleich,“ murmelt Pia durch ihre Zähne. Sie zieht Papier auseinander, wirft einen Blick darauf und wirft es wieder zur Seite.
Dann hört Alena das Geräusch. Ein Schlüssel, der sich im Schloss dreht. Ihr Herz setzt aus. Sie stürzt sich auf Pia und packt sie an den Schultern. „Kaspar kommt,“ flüstert sie ihr ins Ohr. Pia fährt hoch und stößt beinahe gegen Alena, die hinter ihr kniet. „Scheiße,“ murmelt sie. In rasender Geschwindigkeit stopfen die beiden Frauen die Papiere zurück in den Abfalleimer, während in Alena Panik hochsteigt und ihre Gedanken lähmt. Vor ihren Augen flimmert es und sie hört Kaspar eher als sie ihn sieht. Sie springt hoch und dreht sich zu Tür. In diesem Moment hört sie Pias scharfen Atem hinter sich. Dann ihre Stimme, triumphierend. „Verdammt, ich wusste es.“ Kaspar steht in der Tür und sieht Alena unbewegt an. Sein Blick schwenkt keinen Moment zu Pia, die jetzt hinter Alena steht und etwas in der ausgestreckten Hand hält. „Guten Tag, Herr Wagenbach. Gut, dass Sie kommen. Ich frage mich gerade, wie einer der Drohbriefe an Otto Schwarz in Ihren Papierkorb gelangt sein könnte. Die wahrscheinlichste Antwort darauf ist jedoch, dass Sie der Verfasser der Briefe sind.“
Flannery Culp - 24. Mär, 18:49