85: Themenwechsel

Während Pia das Kleid bezahlt, wartet Alena vor dem Laden und beobachtet die Leute, die in der Passage an ihr vorbeilaufen. Es ist jetzt früher Nachmittag und der Anteil an Schülern wird höher. Alena überlegt, ob sie überhaupt schon einmal in dem Einkaufszentrum war und kann sich nicht erinnern. „Was haben Sie vorhin gesagt, ich brauche einen Schal, den ich um die Schultern legen kann? Gute Idee. Den finden wir jetzt auch noch.“ Pia hat sichtlich gute Laune. „Ich glaube, Christopher wird das Kleid gefallen.“ – „Ihr Mann? Er ist Professor für Philosophie an der Uni, oder habe ich das falsch in Erinnerung?“ Pia nickt. „Momentan wäre mir lieber, er wäre Professor für BWL, dann könnte er sich vielleicht noch an einen Studenten erinnern, der Koch ähnlich sah.“ Alena fühlt ihren Blick von der Seite. „Sie waren nie verheiratet.“ Das ist weniger eine Frage als eine Feststellung. „Um Himmels Willen,“ rutscht es Alena heraus. Sofort schwächt sie ab: „Es hat sich einfach nicht ergeben.“ Trotzdem befürchtet sie, dass Pia nun beginnt, ihre Thesen zu spinnen. Aber Pias Gedanken sind schon wieder bei Koch.

„Ob Koch geheiratet hat? Ob er Kinder hat? Ein ruhiger, vertrauenserweckender Familienvater geworden ist?“ Wieder ein Blick auf Alena, diesmal bohrend. „Hat sich die Dahlem jemals über Koch geäußert?“ Alena betrachtet die Spitzen ihrer schwarzen Schuhe. „Sie hat angedeutet, dass er vor allem für Geld und Kontakte gesorgt hat. Sein Vater war ein Frankfurter Banker. Und als Marianne Wagenbach in den Osten geflohen ist, hat Koch sich an sie rangehängt.“ – „Schwarz hat diese Flucht organisiert.“ Pia denkt nach. „Er hat die Wagenbach und Koch eingeschleust. Er hat Koch also kennen gelernt.“ Alena zuckt mit den Schultern. „Ist das wichtig? Schwarz kannte doch bestimmt alle von der Truppe. Nicht persönlich vielleicht, aber von Fotos und den Berichten Mariannes.“

Pias Stimme wird leiser. „Wie hat Kaspar Wagenbach darauf reagiert, dass seine Mutter ein Spitzel war?“ Alena sieht den bleichen Kaspar vor sich, die dunklen Augen, die nervös verkrampften Hände. Nachdem sie Brigitte Dahlem verlassen hatten, fuhr Kaspar Alena nach hause, und es war als ob sie ein Stück von der toten Stille der Wohnung mit sich genommen hatten. Ein paar Mal versuchte Alena ein Gespräch zu beginnen, aber die einsilbigen Antworten Kaspars erstickten die Kommunikation im Keim. Ihre Einladung mit in ihre Wohnung zu kommen, lehnte er mit einem müden Kopfschütteln ab. „Soll ich noch mit zu dir kommen,“ fragte Alena. Als er sie mit hochgezogenen Augenbrauen ansah, verteidigte sie sich: „Ich würde dich jetzt ungern allein lassen. Vielleicht ist es besser, wenn Du jetzt mit jemandem redest.“ – „Red keinen Unsinn,“ erwiderte er kühl. „Und ich ziehe es vor, jetzt mit niemandem reden zu müssen. Ich muss nachdenken, und das kann ich am besten allein.“ Die Wagentür wurde von innen zugezogen und Kaspar fuhr davon. Alena fühlte sich entlassen. Und sie fragte sich plötzlich, ob sie Kaspar jemals wieder sehen würde. Ein Gedanke, der sie seltsam traurig machte.

Sie konzentriert sich wieder auf die Gegenwart. „Er war etwas geschockt. Und ich mache mir irgendwie Sorgen. Gestern wollte er nicht mehr mit mir reden und heute morgen ist er nicht ans Telefon gegangen.“ Ein Ausdruck erscheint in Pias Gesicht, den Alena nicht deuten kann. „Vermutlich ist er arbeiten,“ setzt Alena hinzu. Pia runzelt die Stirn. „Halten Sie ihn für suizidgefährdet?“ Alena sieht sie zweifelnd an. „Eigentlich nicht, aber ich kann Ihnen nicht genau sagen, warum nicht. Kaspar ist eher der Typ, der für ein paar Tage verschwindet und alles ausbrütet.“ – „Warum machen Sie sich dann Sorgen?“ Pia bohrt weiter und in Alena wächst die Unsicherheit. „Weil das eine ziemlich einschneidende Neuigkeit war. Er muss sein ganzes Leben neu interpretieren.“ Die beiden Frauen bleiben stehen. „Vielleicht sollten wir später nach einem Schal suchen. Ich fahre Sie jetzt zu seiner Wohnung und Sie gucken nach, ob alles in Ordnung ist.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

Und hier gehts zum Anfang

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Archivierung Ihres Blog-Krimis,...
Das Deutsche Literaturarchiv verfolgt mit Interesse...
Jochen Walter (Gast) - 26. Feb, 11:52
Off topic: Anfrage des...
Das Deutsche Literaturarchiv verfolgt mit Interesse...
Jochen Walter - 25. Mai, 13:12
Das Ende eines Blog-Krimis
und ich bin ein bisschen wehmütig, weil es mir viel...
Flannery Culp - 13. Mai, 20:54
113: Ende
Die Sonne scheint heiß, vielleicht zum letzten Mal...
Flannery Culp - 12. Mai, 14:00
112: Auf-Lösung
„Schwarz hat die Adressen von Burg und der Dahlem herausbekommen...
Flannery Culp - 7. Mai, 21:21

Links (Der Betreiber dieses Blogs übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen. Haftungsansprüche gegen den Betreiber dieses Blogs, welche sich auf Schäden materieller oder ideeller Art beziehen, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der dargebotenen Informationen bzw. durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Informationen verursacht wurden, sind grundsätzlich ausgeschlossen.)

Suche

 

Status

Online seit 6810 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 26. Feb, 11:52

Credits

RSS Box


Kapitel Drei
Kapitel Eins
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Vier
Kapitel Zwei
Metablog
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren