74: Druck von oben

Entnervt klopft Pia an Oberdorfs Bürotür. Riesel hat ihr mit verlegenem Gesichtsausdruck mitgeteilt, dass Oberdorf sie umgehend sprechen will und Pia vermutet, dass Oberdorf seine erwartungsgemäß schlechte Laune bereits teilweise an Riesel abgelassen hat. Sie holt tief Luft und drückt die Klinke hinunter. Ein weiterer Sachstandsbericht ist schon länger fällig, aber sie hat das Gespräch bewusst hinausgezögert. Oberdorf sitzt hinter einer dampfenden Tasse Kaffee, die Pia sehnsüchtig betrachtet. Sein rotes Gesicht spiegelt erhöhte Anspannung, die buschigen Brauen drücken auf die kleinen Schweinsaugen.

„Frau Stein-Bachmüller,“ sagt er mit falscher Freundlichkeit und deutet auf den Stuhl vor seinem riesigen Schreibtisch. „Setzen Sie sich doch und berichten mir von Ihren letzten Ermittlungserfolgen. Sofern es diese gegeben hat.“

Die Stimme hat einen drohenden Beiklang. Pia setzt ein ernstes Gesicht auf und setzt sich vorsichtig. „Die Ergebnisse der Spurensicherung haben uns bisher nicht weitergebracht,“ berichtet sie unverblümt. „Wir fahnden nach Robert Koch in Altenburg und Umgebung, aber auch hier gibt es keine neuen Erkenntnisse. Die Auswertung der Notizen von Otto Schwarz hat ebenfalls nichts Brauchbares zutage gebracht.“ Sie sieht Oberdorf offen ins Gesicht. „Das ist nicht besonders viel, ich weiß, aber die Spuren des Falls führen zurück in die Vergangenheit und das ist immer ein schwammiges Feld. Die Tatwaffe zum Beispiel ist 1972 gestohlen worden und erst jetzt wieder aufgetaucht. Sie ist nie bei einer RAF-Aktion benutzt worden, obwohl andere Waffen aus dem gleichen Raub später RAF-Mitgliedern lokalisiert wurden. Sie könnte in einem geheimen Waffenlager versteckt gewesen sein, oder eines der untergetauchten RAF-Mitglieder hat sie mitgenommen und bis heute in seinem Besitzt gehabt.“ Bevor Oberdorf seiner Enttäuschung Ausdruck verleihen kann, holt Pia zum Präventivschlag aus.

„Was mir aber keine Ruhe lässt ist die Frage, wie Schwarz damals so nah an die RAF herangekommen ist. Er stand kurz davor, das Kommando, dem Dahlem und Burg angehörten, auffliegen zu lassen. Er kannte die Pläne für den Anschlag.“ Sie stützt die Unterarme auf die Knie und beugt den Oberkörper nach vorn. „Herr Oberdorf, wenn Sie etwas darüber wissen, sollten Sie mich informieren. Sie erwarten von mir, dass ich den Fall löse, aber dafür brauche ich alle Informationen, die Ihnen zur Verfügung stehen. Und Schwarz war ein guter Bekannter von Ihnen. Vielleicht hat er Ihnen mehr über den Fall erzählt als Anderen.“ Ihr Blick bleibt auf Oberdorf geheftet, der sie mit undurchdringlicher Mine betrachtet. Es entsteht eine kleine Pause. Dann räuspert sich Oberdorf und erklärt: „Er hat die Spur zufällig aufgenommen. Ein Telefon ist abgehört worden und er hat die Bemerkungen richtig gedeutet.“ Pia schlägt die Beine übereinander und lehnt sich zurück. „Das ist die offizielle Version. Und nun erzählen Sie mir, was wirklich passiert ist.“

Einen Moment hat sie den Eindruck, als wolle Oberdorf wirklich auf ihre respektlose Aufforderung eingehen, dann gewinnt er die Kontrolle zurück und Zornesfalten erscheinen auf seiner Stirn. „Was soll das eigentlich? Sie machen schon die ganze Zeit Andeutungen in Bezug auf Schwarz. Erst diese Fragen, warum Schwarz den Kollegen nicht die Drohbriefe vorgelegt hat. Jetzt diese Bemerkung, die ich nur als Anschuldigung Schwarz gegenüber verstehen kann. Sie sind unverschämt, Frau Stein-Bachmüller. Otto Schwarz war ein erfolgreicher und ausgezeichneter Polizist, ein Vorbild für uns alle und er war mein Freund. Seien Sie demnächst vorsichtiger mit Ihren Worten.“ Pia hat die gezischten Wortpfeile äußerlich unbeteiligt über sich ergehen lassen. „Wenn Schwarz Ihr Freund war, warum hat er Sie dann nicht um Hilfe gebeten, als er von Drohbriefen der RAF überschwemmt wurde,“ bemerkt sie ruhig. Oberdorf fehlen sichtlich die Worte. „Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es direkt,“ bringt er mühsam hervor. Pia steht auf. „Ich glaube, Otto Schwarz ist der RAF näher gekommen, als er offiziell zugegeben hat. Ich glaube, er hat seine Befugnisse weit überschritten. Und ich vermute, dass dies ein Grund dafür war, warum er ermordet wurde.“ Ohne den Blick von Oberdorf zu lassen, zuckt sie mit den Schultern. „Hören Sie, ich bin kein Moralapostel. Es geht mir nicht darum, Schwarz nachträglich bloß zu stellen. Mich interessiert die Vergangenheit nicht, mir geht es um die Gegenwart, um den Mörder von Schwarz und Burg. Aber wenn mich die schmutzigen Flecken aus Schwarz´ Vergangenheit auf die Spur dieses Mörders bringen, dann will ich sie kenne und werde alles tun, um sie aufzudecken.“ Sie wartet noch einen Moment, aber Oberdorf starrt sie nur an. Sie lächelt kühl und verlässt mit den Worten, „Wenn Sie es sich anders überlegen, rufen Sie mich an,“ das Büro.

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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