einfühlung
Unruhig läuft Alena durch die morgendlichen Straßen. Sie ist schon früh aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Pia hatte gestern am Telefon eine Kette von Gedanken bei ihr in Gang gesetzt, die sich immer fester um sie zu wickeln scheint. Langsam bekommt Alena das Gefühl, als wenn alles außer Kontrolle gerät, als wenn sich die Ereignisse in einem Strudel befinden, in den sie nicht mehr eingreifen kann. Was, wenn Brigitte Dahlem wirklich vorhat, jemanden zu töten? Dummkopf, vielleicht hat sie das längst getan, sagt sich Alena ärgerlich. Aber gleichzeitig zweifelt sie daran. Vielleicht macht es Sinn sich vorzustellen, dass die Dahlem Otto Schwarz tötete, aber Hajo Burg? Alena erinnert sich an den Schmerz in Brigitte Dahlems Gesicht. Noch eine Verbindung zur Vergangenheit für immer verloren, zu einer Vergangenheit, die der Sinnstifter ihres ganzen Lebens ist. Plötzlich fällt ihr Kaspars Reaktion auf den Tod von Schwarz ein. Auch hier sind Fäden gekappt worden, Möglichkeiten versäumt. Auch Kaspar versucht etwas einzuholen, das längst vergangen ist und doch für ihn so drückend präsent. Definieren wir uns über die Ziele Anderer, weil wir selbst so ziellos sind? Fast wäre sie mit einem Passanten zusammengestoßen. „Passen Sie doch auf,“ herrscht sie der ältere Mann an und Alena murmelt eine Entschuldigung und läuft weiter. Pia wirft ihr vor, zu wenig emphatisch zu sein. Alena beißt die Zähne zusammen bei dem Gedanken an ihr Gespräch in der Pizzeria. Wie sollte sie sich zum Beispiel vorstellen, ebenfalls in die RAF zu rutschen?
Damals herrschten völlig andere Verhältnisse. Die Studentenunruhen, das drängend gewordene Verlangen, sich von der Vergangenheit zu befreien, die düster und stickig in der Person der eigenen Eltern lauerte. Die plötzliche Leidenschaft, die sich langsam in Hass verwandelte. Was ist da passiert? Hat man begriffen, dass es falsch ist, sich einen Sinn und Lebensziele aufoktroyieren zu lassen? Vielleicht war das eine der persönlichen Lehre, die jeder Einzelne aus dem Nationalsozialismus ziehen konnte. Hat man dann festgestellt, dass das mit der individuellen Zielsetzung nicht so einfach ist? Begann man einen Sinn zu suchen, in endlosen Diskussionen, mit Hilfsmitteln vom Dealer an der Ecke? Wann hat man gespürt, dass die Suche gescheitert ist? Und wie sollte man darauf reagieren? Mit abgestumpfter Gleichgültigkeit die Einen, mit wütender Enttäuschung die Anderen? Wollten letztere sich den Sinn ihres Lebens mit Gewalt verschaffen? Haben sie mit vorgehaltener Waffe Bedeutung gefordert? Oder hat sie noch etwas anderes so zornig gemacht – was macht uns wütend auf Andere, fragt sich Alena und beantwortet die Frage prompt: wir haben Angst, ihnen ähnlich zu sein. Wenn wir hassen, dann hassen wir nicht das, was am Anderen fremd ist, sondern das, was uns so verdammt bekannt vorkommt. Wir hassen Andere, weil sie uns an die Seiten in uns erinnern, die wir verdrängen, weil sie unsere dunklen Stellen aufdecken, die wir nicht wahrhaben wollen.
Psychologisch gesehen könnte der Hass der RAF auf den Staat die Reaktion darauf gewesen sein, dass man darin gescheitert ist, seinem individuellen Leben einen eigenen Sinn zu geben. Was blieb, war Sinnstiftung durch Abgrenzung, negative Sinnstiftung. Und die Gewalt ergab sich daraus, dass man feststellte, dass das, wogegen man kämpfte, in Wirklichkeit man selbst war. Die eigenen Fotzenbedürfnisse, fährt es ihr durch den Kopf, die Diktion der inhaftierten ersten Generation aufgreifend.
Gibt es wirklich Ziele, die außerhalb unserer selbst liegen, ist der letzte Gedanke Alenas, als sie in den Bus nach Weißbach steigt.
„Wie kommen Sie darauf? Das ist totaler Unsinn,“ ruft Kaspar fassungslos. Sein Herz klopft noch schneller; schon seit dem Eintritt in die Wohnung hatte es eine ungesunde Frequenz angenommen. Er sitzt auf einem harten Holzstuhl in dem spärlich möblierten Wohnzimmer, die billige Couch an der Wand und der niedrige Holztisch davor sehen aus wie selten genutzte Dekorationsartikel. Brigitte Dahlem steht neben dem Fenster an die Wand gelehnt und raucht. Der Aschenbecher steht auf der Fensterbank, und sie tippt gelassen die Zigarettenasche hinein. „War nur so eine Frage,“ sagt sie, fast amüsiert. „Eigentlich habe ich gar nicht ernsthaft angenommen, dass Sie es sind, der abends mit dem Wagen vor meiner Wohnung steht und mich bespitzelt. Aber zumindest wollte ich Sie ausschließen.“ Kaspar beruhigt sich nur langsam. Er versucht klar zu denken. „Seit wann genau steht der Wagen dort,“ bringt er heraus. „Seit Donnerstag, würde ich sagen. Vorher ist er mir jedenfalls nicht aufgefallen.“ Brigitte Dahlem macht den Eindruck, als würde sie die Tatsache, dass ein Unbekannter sie beobachtet, nur peripher tangieren, aber Kaspar spürt, dass sie beunruhigt ist.
Damals herrschten völlig andere Verhältnisse. Die Studentenunruhen, das drängend gewordene Verlangen, sich von der Vergangenheit zu befreien, die düster und stickig in der Person der eigenen Eltern lauerte. Die plötzliche Leidenschaft, die sich langsam in Hass verwandelte. Was ist da passiert? Hat man begriffen, dass es falsch ist, sich einen Sinn und Lebensziele aufoktroyieren zu lassen? Vielleicht war das eine der persönlichen Lehre, die jeder Einzelne aus dem Nationalsozialismus ziehen konnte. Hat man dann festgestellt, dass das mit der individuellen Zielsetzung nicht so einfach ist? Begann man einen Sinn zu suchen, in endlosen Diskussionen, mit Hilfsmitteln vom Dealer an der Ecke? Wann hat man gespürt, dass die Suche gescheitert ist? Und wie sollte man darauf reagieren? Mit abgestumpfter Gleichgültigkeit die Einen, mit wütender Enttäuschung die Anderen? Wollten letztere sich den Sinn ihres Lebens mit Gewalt verschaffen? Haben sie mit vorgehaltener Waffe Bedeutung gefordert? Oder hat sie noch etwas anderes so zornig gemacht – was macht uns wütend auf Andere, fragt sich Alena und beantwortet die Frage prompt: wir haben Angst, ihnen ähnlich zu sein. Wenn wir hassen, dann hassen wir nicht das, was am Anderen fremd ist, sondern das, was uns so verdammt bekannt vorkommt. Wir hassen Andere, weil sie uns an die Seiten in uns erinnern, die wir verdrängen, weil sie unsere dunklen Stellen aufdecken, die wir nicht wahrhaben wollen.
Psychologisch gesehen könnte der Hass der RAF auf den Staat die Reaktion darauf gewesen sein, dass man darin gescheitert ist, seinem individuellen Leben einen eigenen Sinn zu geben. Was blieb, war Sinnstiftung durch Abgrenzung, negative Sinnstiftung. Und die Gewalt ergab sich daraus, dass man feststellte, dass das, wogegen man kämpfte, in Wirklichkeit man selbst war. Die eigenen Fotzenbedürfnisse, fährt es ihr durch den Kopf, die Diktion der inhaftierten ersten Generation aufgreifend.
Gibt es wirklich Ziele, die außerhalb unserer selbst liegen, ist der letzte Gedanke Alenas, als sie in den Bus nach Weißbach steigt.
„Wie kommen Sie darauf? Das ist totaler Unsinn,“ ruft Kaspar fassungslos. Sein Herz klopft noch schneller; schon seit dem Eintritt in die Wohnung hatte es eine ungesunde Frequenz angenommen. Er sitzt auf einem harten Holzstuhl in dem spärlich möblierten Wohnzimmer, die billige Couch an der Wand und der niedrige Holztisch davor sehen aus wie selten genutzte Dekorationsartikel. Brigitte Dahlem steht neben dem Fenster an die Wand gelehnt und raucht. Der Aschenbecher steht auf der Fensterbank, und sie tippt gelassen die Zigarettenasche hinein. „War nur so eine Frage,“ sagt sie, fast amüsiert. „Eigentlich habe ich gar nicht ernsthaft angenommen, dass Sie es sind, der abends mit dem Wagen vor meiner Wohnung steht und mich bespitzelt. Aber zumindest wollte ich Sie ausschließen.“ Kaspar beruhigt sich nur langsam. Er versucht klar zu denken. „Seit wann genau steht der Wagen dort,“ bringt er heraus. „Seit Donnerstag, würde ich sagen. Vorher ist er mir jedenfalls nicht aufgefallen.“ Brigitte Dahlem macht den Eindruck, als würde sie die Tatsache, dass ein Unbekannter sie beobachtet, nur peripher tangieren, aber Kaspar spürt, dass sie beunruhigt ist.
Flannery Culp - 24. Feb, 17:38