72: Vorbereitungen

Die Montagmorgensonne scheint unangenehm durch das Fenster in Kaspars Arbeitszimmer, aber die Jalousie ist kaputt und er hat keine Vorhänge. Der Programmierauftrag sollte heute fertig sein, und er hat noch nicht mal die Hälfte geschafft. Er könnte es auf seine Krankheit schieben, aber Pluspunkte bringt ihm das bestimmt nicht ein. „Scheiße,“ murmelt er und fühlt sich dadurch nicht besser. Wenn er sich nur auf die Arbeit konzentrieren könnte. Stattdessen hört er Alena in seinem Kopf, ihren Satz: Brigitte Dahlem weiß etwas über deine Mutter, das du besser nicht erfahren solltest. Was? Er stößt sich von der Schreibtischkante ab und der alte Schreibtischstuhl rollt einen halben Meter über das zerkratzte Laminat. „Verdammte alte Hexe,“ murmelt Kaspar und drückt den Kopf gegen seine Hände, er ist so nervös, dass er sich nach Schmerzen sehnt, irgendwas, das ihn ablenkt, das ihn für einen Moment aus seinem eigenen Kopf herausholt. Er krallt seine Fingernägel in den Handrücken, aber sie sind zu kurz, er spürt nichts. Ein Laut kommt aus seinem Mund, tief aus seinem Inneren, ein frustriertes Stöhnen, laut und unbeherrscht. Es schreckt ihn auf, dieses unartikulierte Geräusch, was passiert mit ihm, wird er langsam wahnsinnig? Er springt auf und läuft ins Bad, lässt kaltes Wasser laufen und hält sein Gesicht darunter. Das Wasser sammelt sich in Rinnsalen auf seiner Haut und läuft am Hals herunter, durchnässt den Rand seines T-Shirts. Danach steht er einen Moment mit tropfnassem Gesicht und strähnigen Haaren im Raum. Er muss etwas unternehmen. Er muss Gewissheit haben. Auf dem Weg zum Telefon trocknet er sein Gesicht mit einem Handtuch ab, dann wählt er die Nummer. Nach dem zweiten Klingeln nimmt Brigitte Dahlem den Hörer ab. „Wir müssen reden,“ sagt Kaspar. „Über Marianne Wagenbach. Über meine Mutter.“

„Sind Sie morgen auch dabei?“ Professor Bergmann steckt seinen Kopf in Christophers Büro, der nur wegen ein paar Aufzeichnungen die Uni gekommen ist. Montags hat Christopher gewöhnlich vorlesungsfrei. Er nickt lächelnd. „Ich habe gar keine andere Wahl,“ gibt er zu bedenken und Bergmann zuckt ergeben mit den Schultern. „Geht mir ähnlich. Ich wollte nur sicher sein, dass zumindest ein Kollege kommt, mit dem man sich vernünftig unterhalten kann.“

Christopher freut sich über die Bemerkung, ihm gefällt der Typ. Ein verschwörerisches Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. „Sie werden doch nicht sagen, dass Sie sich in Gegenwart von Professor Stemmler langweilen?“ Stemmler ist Bergmanns alteingesessener Kollege, dessen soziales und privates Leben sich hauptsächlich in den historischen Strukturen der Weimarer Republik abspielt. Bergamm sagt ernst: „Stemmler kann sehr unterhaltsam sein, wenn man sich für die Entwicklung der Kommunalwahlergebnisse des Ruhrgebiets zwischen 1933 und 1936 interessiert.“ – „Ein Thema, über das man sich stundenlang angeregt unterhalten kann, ich beneide Sie geradezu,“ sagt Christopher mit einem gemeinen Lächeln. Dann fragt er: „Kommen Sie morgen in Begleitung?“ Bergmann zieht die Augenbrauen hoch. „Meine Mutter hat morgen keine Zeit und abgesehen von ihr ist mein Leben momentan ausgesprochen frauenfrei.“ Er zuckt in komischer Hilflosigkeit mit den Schultern. „Zu viel Arbeit.“ Christopher macht ein mitfühlendes Gesicht. „Berufskrankheit.“ – „Ich dachte, Sie sind verheiratet,“ sagt Bergmann erstaunt und Christopher beeilt sich zu nicken. „Das stimmt und meine Frau kommt morgen auch mit. Aber wir verbringen auch nicht sehr viel Zeit miteinander. Allerdings hat sie ebenfalls einen sehr stressigen Job.“ – „Was macht sie denn,“ fragt Bergmann neugierig. „Sie ist bei der Kriminalpolizei, hier in Altenburg.“ Christopher ist beinahe etwas stolz auf Pia, als Bergmanns Augen begeistert aufleuchten. „Scharf, ich liebe Krimis. Sie kann mir bestimmt ein paar blutrünstige und perverse Einzelheiten aus ihrem mörderischen Alltag erzählen.“ Christopher lacht und winkt ab. „Sie nimmt ihre Arbeit sehr ernst und möchte die Ermittlung nicht auf die blutigen Schlagzeilen der Bildzeitung reduziert sehen.“

Dann wird er ernst und denkt einen Moment nach. „Mir fällt gerade ein, sie sucht jemanden, der vielleicht mal an dieser Uni war. Sie sind natürlich viel zu jung und noch nicht so lange hier, aber es kann ja nichts schaden.“ Verfolgt von dem aufgeregten Bergmann geht Christopher zu seinem Schreibtisch und holt das Foto von Koch aus einer Schublade. Er hält es Bergmann hin, der schnell danach greift und es dicht unter seine bebrillten Augen hält. „Wer soll das sein?“ Christopher schüttelt den Kopf. „Kann ich Ihnen nicht sagen. Fragen Sie morgen meine Frau, vielleicht erzählt sie es Ihnen. Haben Sie den Mann schon mal gesehen?“ Bergmann starrt auf das Bild und zieht die Stirn in Denkerfalten. Er will etwas sagen, bricht dann wieder ab und heftet seine Augen erneut auf das Foto. Dann schüttelt er unsicher den Kopf. „Ich könnte schwören der Typ erinnert mich an jemanden, aber ich kann zum Teufel nicht sagen an wen.“ Christopher nickt interessiert. „So ähnlich ist es mir auch gegangen. Die Augen sind es, oder?“ Wieder fokussiert Bergmann das Bild. „Ja, die Augen, vielleicht,“ murmelt er. Christopher nimmt ihm das Foto aus den Händen und legt es zurück in die Schublade. „Denken Sie mal darüber nach und berichten mir, wenn Ihnen etwas eingefallen ist. Wir sehen uns morgen. Und vergessen Sie Ihre Krawatte nicht.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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