60: Pakt
Pia überlegt, was sie nun tun soll. Die Frau auf dem Foto ist Marianne Wagenbach, dessen ist sie sicher. Arm in Arm mit Otto Schwarz, dem Polizisten, der einen Großteil seines Lebens damit verbrachte sie zu jagen. Wie alt mag das Foto sein? Wo war es entstanden? Kannten sie sich, bevor Marianne Wagenbach in den Untergrund gegangen ist? Oder lernten sie sich erst im Rahmen der polizeilichen Untersuchungen kennen? Wurde Schwarz als Spitzel eingeschleust? Die Tatsache dass er das Foto aufbewahrt hat, deutet für Pia darauf hin, dass Schwarz die Angelegenheit nicht nur beruflich betrachtete. Oder hat der Mörder das Foto mitgebracht? Aber wenn er Schwarz als Verräter offenbaren wollte, hätte er das Foto so positioniert, dass man es sofort gefunden hätte. Wurde das Foto in einem der Drohbriefe mitgeschickt? Aber warum sollte Schwarz es dann an einem so intimen Ort wie seinem Bett verstecken? Wenn es für ihn nur die Bedeutung eines Beweisstücks hatte, hätte er es mit in das Schließfach legen können. Das Foto wurde mit einer Sofortbildkamera geschossen. Kein Stempel eines Fachgeschäfts. Die Kleidung der Frau gibt wenig Hinweise, sie trägt ein enges graues T-Shirt zu Jeans. Schwarz hat ein schwarzes Poloshirt an, ebenfalls zeitlos. Pia fragt sich, wer das Foto geschossen hat. Das Paar ist nicht in der Mitte des Fotos positioniert. Ein Arm von Marianne Wagenbach ist abgeschnitten. Vielleicht wurde es per Selbstauslöser gemacht. Warum hat Schwarz überhaupt dieses verfängliche Foto zugelassen? Pia schüttelt verständnislos den Kopf. Reiner Selbstmord. Nur verständlich, wenn er nicht wusste, dass die Wagenbach Mitglied in einem RAF-Kommando war. Pia steht auf und geht zum Fenster. Wer hatte wen bespitzelt? Sie sieht auf einen kleinen Innenhof, in dessen Mitte sich eine Birke in den Himmel reckt, um ein wenig mehr Licht abzubekommen. Eine Stimme in ihrem Kopf sagt: und wenn es ernst war? Wenn sie sich einfach ineinander verliebt hatten? Wieder schüttelt sie den Kopf. Die RAF war nicht der richtige Ort für Romantik. Wahrscheinlicher war, dass man die gutaussehende Marianne als Köder benutzt hatte, um Informationen über die polizeilichen Ermittlungen zu bekommen. Und Schwarz hatte angebissen. Vielleicht erklärte das auch, dass er später wie ein Besessener hinter den Mitgliedern des Kommandos her war. Die Jagd war zu etwas Persönlichem geworden. Wieder betrachtet Pia das Foto und diesmal denkt sie darüber nach, ob Kaspar Wagenbach von dieser Bekanntschaft seiner Mutter weiß. Und wie er auf diese Information reagieren würde.
„Was für ein Detail,“ fragt Alena unwillkürlich. Sofort hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Hat sie damit implizit dem Angebot zugestimmt? Einen Teufel sollte sie tun. Pia würde sofort merken, dass etwas nicht stimmt. Wenn sie überhaupt jemals wieder mit ihr redet. Andererseits kann Alena wirklich gut lügen. Was, wenn sie Pia in den Plan von Brigitte Dahlem einweihen und von ihr kontrollierte Infos weitergeben würde? Brigitte Dahlem grinst und Alena fährt verzweifelt mit einer Hand durch ihre Haare. Sie eignet sich nicht wirklich als Doppelagent. „Die Stein-Bachmüller ist nicht blöd. Ich könnte sie keine Sekunde hinters Licht führen,“ sagt Alena und denkt, doch, vielleicht könnte sie es. Aber eigentlich sträubt sich alles in ihr dagegen. Brigitte Dahlem zuckt mit den Schultern. „Schade. So kommen wir nicht weiter.“ Sie hat recht, denkt Alena. Sackgasse. Weder von Pia noch von Brigitte Dahlem wird sie Informationen erhalten. Das Bedauern, das sie in diesem Moment fühlt, gilt weniger Kaspar als eher der Tatsache, dass die Wahrheit jetzt in unerreichbarer Ferne liegt. Brigitte Dahlem dreht sich auf dem Absatz um und geht langsam zurück in die Richtung ihrer Wohnung. Alena folgt ihr eine Weile schweigend. Dann holt sie tief Luft. „Ok. Einverstanden. Ich versuche es. Aber um ihr Vertrauen zurück zu gewinnen, brauche ich etwas wirklich Gutes. Etwas, das sie nicht schon weiß. Etwas, das ihr Appetit auf mehr macht. Denn eins ist klar, wenn ich ihr erzähle, dass ich die Information von Ihnen bekommen habe, wird sie mir nur dann helfen, wenn ich ihr weiter zuliefere. Quid pro quo.” Brigitte Dahlem bleibt stehen. Ohne sich nach Alena umzudrehen sagt sie: „In diesem Fall sind Sie diejenige die kontrolliert, wie viel Sie uns beiden jeweils erzählen.“ Alena starrt auf den geraden Rücken der Frau. Brigitte Dahlem greift in ihre Hosentasche und zieht ein verknittertes Päckchen Billigzigaretten heraus. Während sie sich eine der Zigaretten ansteckt wendet sie sich zu Alena um. „Ok, wir machen es. Aber wenn Sie ein falsches Spiel spielen, wird es Ihnen leid tun. Verdammt leid tun.“ Ihr Gesicht bleibt unbewegt, aber Alenas Hals ist auf einmal sehr trocken. Sie nickt beklommen und spürt wie nervöse Gänsehaut ihren ganzen Körper überzieht. Nach dem Versuch mit einem Räuspern ihre Stimme zu stärken sagt sie: „Was haben Sie denn für Frau Stein-Bachmüller?“
„Was für ein Detail,“ fragt Alena unwillkürlich. Sofort hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Hat sie damit implizit dem Angebot zugestimmt? Einen Teufel sollte sie tun. Pia würde sofort merken, dass etwas nicht stimmt. Wenn sie überhaupt jemals wieder mit ihr redet. Andererseits kann Alena wirklich gut lügen. Was, wenn sie Pia in den Plan von Brigitte Dahlem einweihen und von ihr kontrollierte Infos weitergeben würde? Brigitte Dahlem grinst und Alena fährt verzweifelt mit einer Hand durch ihre Haare. Sie eignet sich nicht wirklich als Doppelagent. „Die Stein-Bachmüller ist nicht blöd. Ich könnte sie keine Sekunde hinters Licht führen,“ sagt Alena und denkt, doch, vielleicht könnte sie es. Aber eigentlich sträubt sich alles in ihr dagegen. Brigitte Dahlem zuckt mit den Schultern. „Schade. So kommen wir nicht weiter.“ Sie hat recht, denkt Alena. Sackgasse. Weder von Pia noch von Brigitte Dahlem wird sie Informationen erhalten. Das Bedauern, das sie in diesem Moment fühlt, gilt weniger Kaspar als eher der Tatsache, dass die Wahrheit jetzt in unerreichbarer Ferne liegt. Brigitte Dahlem dreht sich auf dem Absatz um und geht langsam zurück in die Richtung ihrer Wohnung. Alena folgt ihr eine Weile schweigend. Dann holt sie tief Luft. „Ok. Einverstanden. Ich versuche es. Aber um ihr Vertrauen zurück zu gewinnen, brauche ich etwas wirklich Gutes. Etwas, das sie nicht schon weiß. Etwas, das ihr Appetit auf mehr macht. Denn eins ist klar, wenn ich ihr erzähle, dass ich die Information von Ihnen bekommen habe, wird sie mir nur dann helfen, wenn ich ihr weiter zuliefere. Quid pro quo.” Brigitte Dahlem bleibt stehen. Ohne sich nach Alena umzudrehen sagt sie: „In diesem Fall sind Sie diejenige die kontrolliert, wie viel Sie uns beiden jeweils erzählen.“ Alena starrt auf den geraden Rücken der Frau. Brigitte Dahlem greift in ihre Hosentasche und zieht ein verknittertes Päckchen Billigzigaretten heraus. Während sie sich eine der Zigaretten ansteckt wendet sie sich zu Alena um. „Ok, wir machen es. Aber wenn Sie ein falsches Spiel spielen, wird es Ihnen leid tun. Verdammt leid tun.“ Ihr Gesicht bleibt unbewegt, aber Alenas Hals ist auf einmal sehr trocken. Sie nickt beklommen und spürt wie nervöse Gänsehaut ihren ganzen Körper überzieht. Nach dem Versuch mit einem Räuspern ihre Stimme zu stärken sagt sie: „Was haben Sie denn für Frau Stein-Bachmüller?“
Flannery Culp - 20. Jan, 21:10