55: Kaspar

Kaspar ist heute morgen im Bett geblieben. Er liegt auf dem Rücken und starrt an die Decke. Ein Blick zur Seite, auf die Anzeige des Radioweckers, sagt ihm, dass es nach 11 ist. Aber sein Chef erwartet ihn heute noch nicht wieder zur Arbeit. Also kann er liegen bleiben. Es gibt auch keinen guten Grund aufzustehen. Mit den Füßen den kalten Laminatboden zu berühren. Sich die Zähne zu putzen und das Gesicht zu waschen. Kaffee zu trinken und im Schrank nach Toast zu suchen. Die beiden Tageszeitungen zu lesen, die er abonniert. Manchmal lohnt es sich einfach nicht, all das in Angriff zu nehmen. Diese Tage werden häufiger. Durch das geschlossene Fenster dringen gedämpfte Geräusche, von vorbeifahrenden Wagen, manchmal ein schwacher Ruf. Kaspar wohnt an einer der Hauptverkehrsstraßen in Altenburg. Er überlegt, aus welchem Grund er diese Wohnung damals ausgewählt hatte und es fällt ihm nichts ein. Es könnte die erste Wohnung gewesen sein, die er sich angesehen hatte. Deren Miete er bezahlen konnte und die ein separates Zimmer aufwies. Für seine Forschungen. Sein Mund kräuselt sich verächtlich. Seine Forschungen. So ein Schwachsinn. Alles total sinnlos. Seine Datenbank, die er in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat, in die er alle terroristischen Gruppierungen und deren Mitglieder eingetragen hatte, jedenfalls die, von denen er Kenntnis erlangt hatte. Außerdem enthält die Datenbank Einträge über Terroranschläge, samt Anzahl der Opfer. Die Informationen hatte er anfangs aus Zeitungen, aus allen Zeitungen, die er bekommen und die er lesen konnte. Später kam das Internet dazu, eine wahre Fundgrube. Er hatte bereits darüber nachgedacht, ob er die Datenbank ins Netz stellen sollte, offen für Einträge, eine Art Terror-Wikipedia. Aber nicht nur Überlegungen zum Datenschutz hatten ihn davon abgehalten, auch der Gedanke, dass er etwas loslassen würde, das bisher ihm ganz allein gehört. Was ihn zu dem Gedanken führte, warum er das alles überhaupt tut, die pausenlose Beschäftigung mit Theorien über Terrorismus, mit psychologischen Profilen, mit Tathergängen, mit Waffengattungen, mit Biographien. War es wirklich etwas anderes als ein Spleen, oder schlimmer noch, eine Sucht? Was sucht er? Hofft er überhaupt, irgendetwas zu finden? Längst ist seine Mutter in den Hintergrund getreten, ist zu einem Detail in der Weltgeschichte des Terrors geworden. Sie war der Auslöser und die Rechtfertigung. Auch das was ihn davon abhält, endlich ein neues Leben zu beginnen? Fühlt er sich dazu verpflichtet weiterzumachen, auf eine andere Art und Weise das zu leben, woran sie gescheitert ist? Er rollt sich auf die Seite und zieht die Knie an den Oberkörper, wie ein kleiner Junge. Es ist Wahnsinn. Er hat sich von ihr in etwas hineinziehen lassen, das sein ganzes Leben zerstört. Er ist jetzt 36, er könnte verheiratet sein, Kinder haben, ein Haus, einen verantwortungsvollen Posten. Freunde. Stattdessen haust er in dieser Wohnung, zusammen mit den Geistern der toten Terroristen und ihrer Opfer, umgeben von den Bildern zerstörter Gebäude und zerbombter Autos. Dazwischen schweben die zerstörerischen Ziele von Menschen, die von etwas getrieben werden, das er nie verstehen wird. Niemals wird er seine Mutter verstehen. Eine Weile denkt er gar nichts, spürt nur mit geschlossenen Augen der Leere in ihm nach. Ein Ergebnis zumindest hatte seine Beschäftigung: das Leben war für ihn zu einer fragwürdigen Angelegenheit geworden. Zu einem Chaos sich widersprechender Werte und Gründe, zu einem Wirbel der Sinnlosigkeit und der Gewalt, dessen einzige Regelmäßigkeit darin bestand, das zu vernichten, das sich gerade zu etablieren scheint. Dabei hätte auch anders kommen können, die Beschäftigung mit dem Terror hätte auch klare Verhältnisse in seinem Leben schaffen können. Er hätte sich für eine Seite entscheiden können. Wie dieser Schwarz es getan hatte, oder diese verrückte Kommissarin. Oder wie seine Mutter, Brigitte Dahlem und Hans-Joachim Burg. Stattdessen fühlt er sich leer und ausgelaugt. Erschöpft zieht Kaspar sich die Decke über den Kopf. Er würde einfach den ganzen Tag im Bett bleiben.

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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