54: Konstruktionen
Ein amüsiertes Lächeln erscheint auf Brigitte Dahlems Gesicht. „Gehen wir ein Stück,“ sagt sie. Eine Weile laufen sie schweigend nebeneinander her und Alena weiß nicht, wie sie anfangen soll. Dann beginnt sie über Kaspar zu sprechen. „Wir haben uns in einem Seminar kennen gelernt, das an der Universität Altenburg stattfand. Vor ca. fünf Jahren. Es ging um Terrorismus. Was sonst.“ Sie sieht vorsichtig zu der hageren Frau, die mit festen Schritten neben ihr geht. Brigitte Dahlems Blick ist in die Ferne gerichtet, ihr Gesicht verrät keine Emotion. Aber sie hört zu. „Er ist mir aufgefallen, weil er sehr spezielle Fragen gestellt hat. Es hat sich schnell herausgestellt, dass er in bestimmten Punkten mehr wusste als der Seminarleiter. Leute wie er sind auf solchen Veranstaltungen nicht besonders beliebt.“ Ein leichter Wind kommt auf und Alena verschränkt die Arme vor der Brust. Der Sommer ist schon fast vorbei. „Ich habe ihn gefragt warum er sich so für dieses Feld interessiert und er hatte eine ganz konkrete Antwort. Er sagte, eine nahe Verwandte von ihm sei Terroristin gewesen. Erst später habe ich erfahren, dass es sich um seine Mutter handelte.“
Der Bürgersteig ist leer, nur vereinzelt fährt ein Wagen vorbei, die typischen Kennzeichen einer Schlafvorstadt. Immerhin scheint die Mehrzahl der Mieter einen Job zu haben, fährt es Alena durch den Kopf. Zurück zu Kaspar. „Ich fand es schon immer faszinierend, wenn Menschen sich für etwas engagieren. Ihr ganzes Interesse auf einen Bereich konzentrieren. In etwas total aufgehen. Und ich frage mich dann, warum sie das tun. Welche Gründe sie dafür haben. Es ist mir eher egal, ob diese Gründe gerechtfertigt sind oder ich sie nachvollziehen kann.“ Alena kramt in ihrem Gedächtnis nach einem Beispiel. „Ich kenne jemanden, der sammelt Bücher über Vulkane. Er weiß nicht nur alle physikalischen Einzelheiten über Vulkane, sondern versucht auch die sich wandelnde Vorstellung von Vulkanen zu rekonstruieren. Für mich macht das wenig Sinn, aber das liegt nicht daran, dass es besonders irrational ist. Es gibt viele Sachen, die sinnloser sind. Ich kann es nur nicht nachvollziehen, aber ich denke darüber nach, warum es gerade Vulkane sind, die ihn so fesseln. Warum keine schwarzen Löcher oder tektonische Verschiebungen?“ Sie macht eine Pause, weil sie es nicht gewohnt ist, ein Gespräch ganz allein zu führen.
„Bei Kasper scheint der Beweggrund für seine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Terrorismus so einleuchtend. Seine Mutter, die er nie kennen gelernt hat. Die er nun in diesem Wust von historischen, sozialen und politischen Fakten sucht.“ Sie riskiert einen weiteren Blick auf Brigitte Dahlem. Keine Reaktion, aber ein Anflug von Aufmerksamkeit in ihrem Gesicht. Gut. „Es kam mir seltsam vor, dass er anscheinend versuchte, ein Individuum aus abstrakten Daten zu rekonstruieren. Ich zog einen Schluss: Seine Mutter war für ihn nichts anderes als diese Fakten. Er identifizierte sie mit dem soziologischen Mittelwert aus Motiven, sich der RAF anzuschließen. Mit dem psychologischen Profil des Typs Extremist. Mit den politischen Zielen, die in den Flugblättern und Artikeln veröffentlicht wurden.“ Alena beobachtet eine Plastiktüte, die vom Wind hin und her getrieben wird. „Vielleicht liege ich mit diesen Spekulationen falsch, aber wenn ich recht habe, könnte es noch weiteres Ergebnis seines Rekonstruktionsversuchs geben: er findet nicht die individuelle Persönlichkeit seiner Mutter sondern er entdeckt das Bild, dass sie von sich selbst gezeichnet hat. Das Bild, das für die Öffentlichkeit bestimmt war und das sie nach und nach adaptierte. Wie eine Schauspielerin, die in ihre eigene Rolle hineinwächst.“
Jetzt fühlt sie Brigittes Augen auf sich und dreht vorsichtig ihren Kopf in ihre Richtung. „Was wollen Sie damit sagen? Ich weiß nicht, ob ich verstehen, was Sie meinen.“ Alena sieht sie ernst an. „Niemand kann wissen, was jemand anderes meint. Ich kann nur aufgrund Ihrer Aussagen darauf schließen, was Sie glauben. Oder aufgrund Ihrer Handlungen. Und manchmal wissen wir selbst nicht mehr, was wir eigentlich wollten, welche Gründe wir für etwas hatten oder welche Ziele wir erreichen wollten. Dann müssen wir aus unseren eigenen Aussagen und Aktionen auf unsere Beweggründe schließen. Wir konstruieren im Nachhinein einen Sinn, der uns vollkommen plausibel erscheint und den wir als Motiv für unser Handeln akzeptieren. So etwas Ähnliches könnte Kaspars Mutter getan haben. Und wahrscheinlich ist das das einzige, was für Kaspar von ihr geblieben ist. Ein Bild. Eine Rolle.“ Alena wirft Brigitte Dahlem einen schüchternen Blick zu. „Sie haben Marianne Wagenbach gekannt. Sie sind die Einzige, die dieses Bild verändern kann. Sie können Kaspar einen Menschen beschreiben, jemanden, der diese Hülle aus Statistik und Geschichte sprengt.“ Brigitte Dahlem bleibt lange still, aber Alena beobachtet aus dem Augenwinkel, wie ihr Kiefer mahlt. Dann sieht Alena in die ernsten grünen Augen der Frau. „Vielleicht ist es besser für Kaspar Wagenbach, wenn ich dieses wissenschaftliche Konstrukt von seiner Mutter intakt lasse.“
Der Bürgersteig ist leer, nur vereinzelt fährt ein Wagen vorbei, die typischen Kennzeichen einer Schlafvorstadt. Immerhin scheint die Mehrzahl der Mieter einen Job zu haben, fährt es Alena durch den Kopf. Zurück zu Kaspar. „Ich fand es schon immer faszinierend, wenn Menschen sich für etwas engagieren. Ihr ganzes Interesse auf einen Bereich konzentrieren. In etwas total aufgehen. Und ich frage mich dann, warum sie das tun. Welche Gründe sie dafür haben. Es ist mir eher egal, ob diese Gründe gerechtfertigt sind oder ich sie nachvollziehen kann.“ Alena kramt in ihrem Gedächtnis nach einem Beispiel. „Ich kenne jemanden, der sammelt Bücher über Vulkane. Er weiß nicht nur alle physikalischen Einzelheiten über Vulkane, sondern versucht auch die sich wandelnde Vorstellung von Vulkanen zu rekonstruieren. Für mich macht das wenig Sinn, aber das liegt nicht daran, dass es besonders irrational ist. Es gibt viele Sachen, die sinnloser sind. Ich kann es nur nicht nachvollziehen, aber ich denke darüber nach, warum es gerade Vulkane sind, die ihn so fesseln. Warum keine schwarzen Löcher oder tektonische Verschiebungen?“ Sie macht eine Pause, weil sie es nicht gewohnt ist, ein Gespräch ganz allein zu führen.
„Bei Kasper scheint der Beweggrund für seine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Terrorismus so einleuchtend. Seine Mutter, die er nie kennen gelernt hat. Die er nun in diesem Wust von historischen, sozialen und politischen Fakten sucht.“ Sie riskiert einen weiteren Blick auf Brigitte Dahlem. Keine Reaktion, aber ein Anflug von Aufmerksamkeit in ihrem Gesicht. Gut. „Es kam mir seltsam vor, dass er anscheinend versuchte, ein Individuum aus abstrakten Daten zu rekonstruieren. Ich zog einen Schluss: Seine Mutter war für ihn nichts anderes als diese Fakten. Er identifizierte sie mit dem soziologischen Mittelwert aus Motiven, sich der RAF anzuschließen. Mit dem psychologischen Profil des Typs Extremist. Mit den politischen Zielen, die in den Flugblättern und Artikeln veröffentlicht wurden.“ Alena beobachtet eine Plastiktüte, die vom Wind hin und her getrieben wird. „Vielleicht liege ich mit diesen Spekulationen falsch, aber wenn ich recht habe, könnte es noch weiteres Ergebnis seines Rekonstruktionsversuchs geben: er findet nicht die individuelle Persönlichkeit seiner Mutter sondern er entdeckt das Bild, dass sie von sich selbst gezeichnet hat. Das Bild, das für die Öffentlichkeit bestimmt war und das sie nach und nach adaptierte. Wie eine Schauspielerin, die in ihre eigene Rolle hineinwächst.“
Jetzt fühlt sie Brigittes Augen auf sich und dreht vorsichtig ihren Kopf in ihre Richtung. „Was wollen Sie damit sagen? Ich weiß nicht, ob ich verstehen, was Sie meinen.“ Alena sieht sie ernst an. „Niemand kann wissen, was jemand anderes meint. Ich kann nur aufgrund Ihrer Aussagen darauf schließen, was Sie glauben. Oder aufgrund Ihrer Handlungen. Und manchmal wissen wir selbst nicht mehr, was wir eigentlich wollten, welche Gründe wir für etwas hatten oder welche Ziele wir erreichen wollten. Dann müssen wir aus unseren eigenen Aussagen und Aktionen auf unsere Beweggründe schließen. Wir konstruieren im Nachhinein einen Sinn, der uns vollkommen plausibel erscheint und den wir als Motiv für unser Handeln akzeptieren. So etwas Ähnliches könnte Kaspars Mutter getan haben. Und wahrscheinlich ist das das einzige, was für Kaspar von ihr geblieben ist. Ein Bild. Eine Rolle.“ Alena wirft Brigitte Dahlem einen schüchternen Blick zu. „Sie haben Marianne Wagenbach gekannt. Sie sind die Einzige, die dieses Bild verändern kann. Sie können Kaspar einen Menschen beschreiben, jemanden, der diese Hülle aus Statistik und Geschichte sprengt.“ Brigitte Dahlem bleibt lange still, aber Alena beobachtet aus dem Augenwinkel, wie ihr Kiefer mahlt. Dann sieht Alena in die ernsten grünen Augen der Frau. „Vielleicht ist es besser für Kaspar Wagenbach, wenn ich dieses wissenschaftliche Konstrukt von seiner Mutter intakt lasse.“
Flannery Culp - 8. Jan, 20:26