42: die nächste Generation

Er hat keine Wahl, also erzählt er von seinen privaten Forschungen, nach seiner Mutter, nach Burg und Dahlem, nach Koch. Als er fertig ist blickt er in Pias unbewegtes Gesicht. Eine gefühlte Ewigkeit verstreicht, dann fragt sie völlig ruhig: „Und Sie finden das nicht krank? Sie würden nicht eventuell in Betracht ziehen, dass bei Ihnen eine Art ungesunde Besessenheit herrscht in Bezug auf die RAF?“ Kaspars Mund klappt auf. Er schließt ihn wieder und versucht verzweifelt, ihren Standpunkt zu verstehen. Er schafft es nicht. „Marianne Wagenbach war meine Mutter,“ versucht er. „Ich habe sie niemals kennen gelernt. Sie hat nie versucht mich zu sprechen, sie hat mich niemals angerufen, oder mir geschrieben. Sie hat sich umgebracht, ohne mir einen Brief zu hinterlassen.“ Er starrt verzweifelt in Pias kühles, maskenhaftes Gesicht. Es kann nicht sein. Wieso kapiert sie das nicht? Etwas heftiger fährt er fort: „Ich habe nur versucht zu verstehen. Ich wollte dahinter kommen, warum sie mich total vergessen hat, total verdrängt hat zugunsten dieser Organisation.“ Er holt tief Luft. Seine Stimme wird lauter ohne dass er es merkt. „Ich war ihr Sohn, und ich habe sie einen Dreck interessiert. Sie hat ihr ganzes Leben auf die RAF ausgerichtet, sie hat alles geopfert, alles aufgegeben, sie hat erst im Untergrund gelebt, dann versteckt in der DDR und schließlich hat sie sogar ihr Leben weggeworfen. Alles für diese verdammte Scheiß-RAF. Und ich wollte verdammt noch mal wissen, was daran so toll war. Was sie so faszinierte, dass ich ihr scheißegal war.“ Die letzten Worte schreit er fast. Pia bleibt vollkommen ruhig, als er keuchend abbricht. Hektisch dreht er sich zu Riesel um, der einen roten Kopf bekommen hat und leicht hilflos wirkt. „Vielen Dank für die engagierte Erläuterung,“ kommt es aus Pias Richtung und er wendet sich ihr zu, nur um an ihren Eisaugen abgestoppt zu werden. „Wissen Sie, was mir Ihre Worte verraten?“ Ihr Gesicht kommt wieder näher und Kaspar ist nicht in der Lage zurück zu weichen. Hypnotisiert hört er ihren sachlichen, ungerührten Kommentar. „Dass Sie total kaputt sind. Dass Sie jeden Realitätsbezug verloren haben. Dass Sie nicht mehr relativieren können. Nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist. Und dass Ihnen alles zuzutrauen ist.“ Ihre Augen bekommen einen sanften Schimmer aber er weiß, dass das eine Lüge ist. „Wollen Sie sich rächen? An allen, die Ihnen Ihre Mutter weggenommen haben? An Schwarz, der sie in die DDR vertrieben hat? An Burg, der Teil des Kommandos war und darum Schuld daran ist, dass sie sich der RAF mit Haut und Haaren verschrieben hat? Geht es Ihnen besser wenn all diese Leute genauso tot sind wie Ihre Mutter? Wer ist als nächster dran? Brigitte Dahlem? Sie wissen, wo sie wohnt, oder?“ Er starrt sie an, sein Atem ist flach, sein Kopf total leer. Sie nimmt ihr Gesicht zurück und steht auf. „Danke für Ihr Erscheinen. Sie können gehen. Wir melden uns, wenn wir weitere Fragen haben.“

Als Kaspar aus dem Büro gestolpert ist, setzt sich Pia zurück auf den Schreibtischstuhl und sieht Riesel an, der einen mitgenommen Eindruck macht. „Ich könnte jetzt einen Kaffee vertragen. Wenn Sie so gut wären…“ Riesel beeilt sich zur Maschine zu gelangen. Als er die Glaskanne in die Hand nimmt, fragt er: „Woher wissen Sie, dass ein schwarzer Citroen am Tatort war?“ Pia seufzt auf. „Du lieber Himmel. Was glauben Sie denn? Das ist natürlich eine Erfindung, ich wollte nur sehen, wie er reagiert. Und machen Sie ruhig ein paar Tassen Kaffee mehr.“ Später sieht sie zu, wie schwarze Tropfen in die Kanne fallen. „Er ist definitiv seltsam,“ murmelt sie. „Warum haben Sie ihn gehen lassen,“ fragt Riesel in der nervösen Erwartung, etwas Dummes zu sagen. Wie erwartet erntet er einen herablassenden Blick. „Wir haben Nichts. Keinen einzigen Beweis. Ich halte es zwar nicht für unwahrscheinlich, dass er die Morde begangen hat, aber wir können es nicht nachweisen.“ Sie grinst leicht. „Noch nicht. Er ist jetzt zumindest unbalanciert genug, um vielleicht etwas falsch zu machen.“ Ungeduldig klopft sie mit dem Finger leicht gegen die Glaskanne. „Wieso dauert das so lange?“ Zu Riesel gewandt meint sie dann lächelnd: „Vielleicht dreht er ja total durch und versucht die Dahlem zu erschießen. Dann kriegen wir ihn.“ Riesel starrt sie an. „Sie können Ihn doch nicht auf Brigitte Dahlem hetzen in der Hoffnung, dass er ermordet.“ Pia zuckt mit den Schultern. „Wir haben natürlich ein Auge auf die Dahlem. Schon um in der Ersten Reihe zu sitzen, wenn Wagenbach mit gezogener Beretta vor ihr steht. Und natürlich können wir einen so guten Staatsbürger wie die Dahlem nicht einfach über die Klinge springen lassen.“ Sie grinst wieder, aber diesmal nur weil der Kaffee fertig ist. „Rufen Sie sie an um sie vorzuladen. Am besten heute noch. Auch wenn sie uns nichts sagen wird, wir müssen sie auf jeden Fall zu Burg befragen, daran führt kein Weg vorbei. Und vielleicht erzählen wir ihr auch schon mal, dass in Kürze die nächste Generation zu den Waffen greift.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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