39: während des Verhörs
Die Schreibtischlampe brennt, weil die Vorhänge wieder zugezogen sind. Es ist still in der Wohnung. Das Leben läuft draußen weiter, ausgesperrt, nur mit leisen Straßengeräuschen macht sich bemerkbar, dass es eine Welt außerhalb der Wohnung gibt. Das Wohnzimmer ist leer. Die Bücher in den wandhohen dunklen Regalen umstehen den Raum und beherrschen das Blickfeld. Es scheint, als atmeten sie in die Stille, als bildeten sie eine eigene Lebensform. Durch den kleinen Flur in die Küche, in der niemand ist. Eine Tasse steht auf der Spüle, gefüllt mit kaltem Tee, dessen Öle einen schmutzigen Film auf der Oberfläche bilden. Die Küche ist hell im Gegensatz zum Wohnzimmer, die Nachmittagssonne füllt den Raum aus und wird von den weißen Möbeln kalt zurückgeworfen. Zurück im Flur fällt der Blick auf die Wohnungstür, die Ketten sind vorgelegt. Um in das Schlafzimmer zu gelangen, muss man das Wohnzimmer erneut betreten, diese düstere Höhle der Wörter, schnell hindurch, die Tür zum Schlafzimmer aufgestoßen – aber es ist ebenfalls leer. Das Bett ist ordentlich gemacht. Die Mille-Fleur-Tagesdecke ist aufgelegt, der Bronzespiegel über der bersteinfarbenen Kommode zeigt die weiße Zimmerecke. Es riecht nach Lavendel und Schlaf. Von der starrenden Anwesenheit der Bücher verfolgt, steht man erneut im Flur und blickt ratlos um sich. Die verschlossene Tür. Der Blick bleibt daran hängen, wie ein Magnet zieht das unscheinbare weiße Holz den Betrachter näher, bis er dicht davor steht. In die Stille horcht. Nichts. Doch, leiser Atem. Jemand ist in dem Zimmer. Kein anderes Geräusch, nur der Atem, wie hatte man ihn überhören können, das Geräusch des Lebendigen in der stummen, abwartenden Wohnung. Dann das Knarren eines Stuhls. Schritte die zur Tür führen, vor der man langsam, wie hypnotisiert zurückweicht, die Türklinke geht nach unten und die Tür öffnet sich. Alena, noch blasser als sonst, mit zusammengepressten Lippen und zu Fäusten geballten Händen.
Die Tür wird aufgerissen und ein Kollege aus der IT steckt den Kopf herein: „Ist Führmann vielleicht hier? Nein?“ Ohne eine Antwort abzuwarten knallt er die Tür wieder zu, dazwischen dringen Gesprächsfetzen in das Zimmer, lautes Lachen aus einem anderen Büro. Kaspar ist zusammengezuckt und versucht sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. Pia hat den Zwischenfall anscheinend nicht registriert, sie hat die ganze Zeit über ihre Augen nicht von ihm genommen. Mit ihrer kühlen Stimme, die Kaspar in ein starres Stück Materie verwandelt, wiederholt sie: „Sie waren also letzte Woche Freitag zu hause, ganz allein, ohne Zeugen. Niemand, der Ihre Aussage bestätigen kann.“ Er nickt beklommen. Sein Atem ist flach und er fühlt sich schuldig. Sie sieht ihn an, mit eisigen blauen Augen. Seine Bewusstsein geht mit ihm durch, legt die Empfindungen schon im Wahrnehmen überzogen aus; das bewirkt die Angst. „Und wo waren Sie Dienstag Abend bzw. Nacht?“ Dienstag? Die unerwartete Frage rückt ihm den Kopf zurecht. Plötzlich ist er wieder ruhig. Kann wieder denken. „Wieso wollen Sie das wissen?“ Pia blinzelt, sie hat den Wechsel in ihm bemerkt. Enttäuscht, dass sie die auf Panik gründende Kontrolle verloren hat, fordert sie ihn brüsk auf: „Beantworten Sie einfach die Frage.“ Dienstag. Alena hat ihn abends angerufen, nachdem sie sich mit diesem blonden Monster getroffen hatte, das jetzt hinter dem Schreibtisch lauert. „Ich war zu hause und habe gearbeitet.“ Die Augen werden schmal. „Wieder kein Alibi? Wie dumm.“ Kein Lächeln begleitet die Worte, auch kein zynisches Verziehen der Mundwinkel. Gleichgültige Bestätigung eines Faktums. Kaspar holt tief Luft. Die Fenster sind geschlossen und das lässt ihn die Freiheit geradezu spüren, die hinter der hohen Mauer in der Warteschleife steht. „Warum brauche ich für Dienstag Abend ein Alibi?“ Seine Stimme ist fest und er ist stolz darauf. Anstelle einer Antwort hält Pia ihm nachlässig ein Foto hin. Ein bleiches Antlitz, die Augen geschlossen, dünnes blondes Haar. Kaspar braucht eine Weile, bis er ihn erkennt. Seine Nerven zittern. „Was ist damit?“ Pia zieht das Foto zurück und lässt es auf die Schreibtischplatte fallen. „Erkennen Sie ihn?“ Kaspar sieht sie an und versucht nachzudenken. Zwecklos. Er zuckt die Schultern. „Hans-Joachim Burg. Im gleichen Kommando wie Marianne Wagenbach. War lange im Knast.“ Er schaut sie unbewegt an. „Ist er draußen?“ Jetzt kräuseln sich Pias Mundwinkel ganz leicht, aber Kaspar bezweifelt, dass das ein gutes Zeichen ist. „Er ist draußen. Und tot.“ Kleine Spiralen beginnen in Kaspars Kopf zu laufen und drehen sich immer schneller. Er versucht zu verstehen, was er gerade gehört hat. Burg ist tot. Tot. Burg? Er schüttelt den Kopf. „Ich habe keine Ahnung,“ sagt er hilflos. „Ich weiß nichts davon. Ich weiß nichts.“ Eine Bewegung in seinem Augenwinkel veranlasst ihn, sich dem Polizisten zuzuwenden, der ihn in seiner Wohnung aufgesucht hatte. „Warum kommen Sie zu mir,“ fragt er. „Was habe ich damit zu tun?“ Riesel sieht zu Pia und Kaspar dreht seinen Kopf ebenfalls wieder in ihre Richtung. Es ist ihr Verhör. „Sagen Sie es uns. Und wenn Sie nichts damit zu tun haben, überzeugen Sie uns davon. Umso schneller sind Sie uns wieder los.“ Sie lächelt und Kaspar bekommt eine Gänsehaut.
Die Tür wird aufgerissen und ein Kollege aus der IT steckt den Kopf herein: „Ist Führmann vielleicht hier? Nein?“ Ohne eine Antwort abzuwarten knallt er die Tür wieder zu, dazwischen dringen Gesprächsfetzen in das Zimmer, lautes Lachen aus einem anderen Büro. Kaspar ist zusammengezuckt und versucht sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. Pia hat den Zwischenfall anscheinend nicht registriert, sie hat die ganze Zeit über ihre Augen nicht von ihm genommen. Mit ihrer kühlen Stimme, die Kaspar in ein starres Stück Materie verwandelt, wiederholt sie: „Sie waren also letzte Woche Freitag zu hause, ganz allein, ohne Zeugen. Niemand, der Ihre Aussage bestätigen kann.“ Er nickt beklommen. Sein Atem ist flach und er fühlt sich schuldig. Sie sieht ihn an, mit eisigen blauen Augen. Seine Bewusstsein geht mit ihm durch, legt die Empfindungen schon im Wahrnehmen überzogen aus; das bewirkt die Angst. „Und wo waren Sie Dienstag Abend bzw. Nacht?“ Dienstag? Die unerwartete Frage rückt ihm den Kopf zurecht. Plötzlich ist er wieder ruhig. Kann wieder denken. „Wieso wollen Sie das wissen?“ Pia blinzelt, sie hat den Wechsel in ihm bemerkt. Enttäuscht, dass sie die auf Panik gründende Kontrolle verloren hat, fordert sie ihn brüsk auf: „Beantworten Sie einfach die Frage.“ Dienstag. Alena hat ihn abends angerufen, nachdem sie sich mit diesem blonden Monster getroffen hatte, das jetzt hinter dem Schreibtisch lauert. „Ich war zu hause und habe gearbeitet.“ Die Augen werden schmal. „Wieder kein Alibi? Wie dumm.“ Kein Lächeln begleitet die Worte, auch kein zynisches Verziehen der Mundwinkel. Gleichgültige Bestätigung eines Faktums. Kaspar holt tief Luft. Die Fenster sind geschlossen und das lässt ihn die Freiheit geradezu spüren, die hinter der hohen Mauer in der Warteschleife steht. „Warum brauche ich für Dienstag Abend ein Alibi?“ Seine Stimme ist fest und er ist stolz darauf. Anstelle einer Antwort hält Pia ihm nachlässig ein Foto hin. Ein bleiches Antlitz, die Augen geschlossen, dünnes blondes Haar. Kaspar braucht eine Weile, bis er ihn erkennt. Seine Nerven zittern. „Was ist damit?“ Pia zieht das Foto zurück und lässt es auf die Schreibtischplatte fallen. „Erkennen Sie ihn?“ Kaspar sieht sie an und versucht nachzudenken. Zwecklos. Er zuckt die Schultern. „Hans-Joachim Burg. Im gleichen Kommando wie Marianne Wagenbach. War lange im Knast.“ Er schaut sie unbewegt an. „Ist er draußen?“ Jetzt kräuseln sich Pias Mundwinkel ganz leicht, aber Kaspar bezweifelt, dass das ein gutes Zeichen ist. „Er ist draußen. Und tot.“ Kleine Spiralen beginnen in Kaspars Kopf zu laufen und drehen sich immer schneller. Er versucht zu verstehen, was er gerade gehört hat. Burg ist tot. Tot. Burg? Er schüttelt den Kopf. „Ich habe keine Ahnung,“ sagt er hilflos. „Ich weiß nichts davon. Ich weiß nichts.“ Eine Bewegung in seinem Augenwinkel veranlasst ihn, sich dem Polizisten zuzuwenden, der ihn in seiner Wohnung aufgesucht hatte. „Warum kommen Sie zu mir,“ fragt er. „Was habe ich damit zu tun?“ Riesel sieht zu Pia und Kaspar dreht seinen Kopf ebenfalls wieder in ihre Richtung. Es ist ihr Verhör. „Sagen Sie es uns. Und wenn Sie nichts damit zu tun haben, überzeugen Sie uns davon. Umso schneller sind Sie uns wieder los.“ Sie lächelt und Kaspar bekommt eine Gänsehaut.
Flannery Culp - 1. Dez, 21:12