37: Theorie und Praxis

Die Mensa der Universität Altenburg ist voller Menschen, hauptsächlich Studenten, deren lebhafte Unterhaltung in auf- und abschwellenden Wellen die zwei Professoren umspült, die bei ihren Getränken sitzen. Das Gespräch zwischen Professor Stein und Professor Bergmann dreht sich um die Texte zu den Zielen und Motiven der RAF. Bergmann kratzt sich die blonden Bartstoppeln, die irgendwann einmal eine Art Vollbart ergeben sollen, wie Christopher vermutet. „Sie möchten wissen, wie ich diese Texte bewerte?“ Er lehnt sich auf den unbequemen Holzstühlen zurück, die unter anderem dazu angeschafft wurden, um den Studenten allzu lange Aufenthalte in der Mensa oder der Cafeteria zu verleiden. „Die Texte sind nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern stellen immer eine Reaktion auf bestimmte Aktionen und auf die öffentliche Meinung dar – wobei als öffentliche Meinung für die erste Generation natürlich nur die Stimmen der Linken gezählt haben. Was die Bildzeitung geschrieben hat, wurde allerdings ebenfalls zur Kenntnis genommen und vor allem genossen, schließlich repräsentierte die Springer-Presse die Meinungen der Spießergesellschaft und je größer die Hysterie in den plakativen Überschriften auf Seite Eins, umso besser.“

Christopher betrachtet den jungen Professor, während er redet und registriert interessiert den Gegensatz zwischen der sehr lässigen Kleidung – graues, verbeultes Sacko über dem roten T-Shirt einer Band, deren Name Christopher vollkommen unbekannt ist, helle Jeans und blonde Haare mit einem unidentifizierbaren Schnitt – und der Ernsthaftigkeit und Präzision, mit der Bergmann über sein Spezialgebiet referiert. „Trotzdem kann man eine durchgehende Linie erkennen, die all diese Texte auszeichnet.“ Er macht eine Pause, um die Spannung zu erhöhen. „Es sind natürlich zum einen Kommunikationsmittel. Sie richten sich an eine ganz bestimmte Zielgruppe, nämlich die intellektuelle Linke. Auch wenn die RAF z.B. in dem frühen Text von 1970, „Die Rote Armee aufbauen“, das Proletariat zum Ansprechpartner erklärt, als Sprachrohr wird eine Zeitung genutzt, die Agit 883, die zwar ihre Grundlage in Berichten über Demonstrationen und Zusammenstöße mit der Polizei hat, und damit eine gewisse Praxisbezogenheit aufweist, aber natürlich von Leuten aus der linken Intelligenz verlegt wurde. Die RAF war immer ein Kind dieser Richtung, während die Bewegung 2. Juni schon eher eine proletarische Organisation genannt werden konnte.“ Er zuckt mit den Schultern. „Was der Bewegung aber auch nicht unbedingt Rückendeckung oder Unterstützung in Arbeiterkreisen verschaffte. Die proletarische Revolution konnte die Bewegung auch nicht auslösen.“ Bergmann grinst, wird aber sofort wieder ernst. „Die RAF, vor allem die erste Generation, hatte immer das Problem, dass sie die Linke gebraucht hat, aber sich gleichzeitig von ihr entfernte, nämlich durch das Moment der Gewaltanwendung. Dazu kam die Verfolgung durch die Polizei, durch die Baader, Ensslin und vor allem Meinhof sich zunehmend isolierten. Die Texte waren der Versuch der Kontaktaufnahme, die allerdings zum größten Teil einseitig verlief.“

Zwei Studenten kommen an ihrem Tisch vorbei und Bergmann erwidert ihren Gruß. Christopher fragt sich, ob Bergmann gut bei seinen Studenten ankommt. Besser als er vielleicht? Sollte er sich ebenfalls Band-T-Shirts zulegen? „Und die Notwendigkeit der Kommunikation ergab sich meiner Meinung nach aus der Notwendigkeit der Legitimation.“ Bergmanns Stimme gewinnt an Intensität und Christopher konzentriert sich unwillkürlich stärker auf seine Worte. „Verstehen Sie, Terroristen erhalten keinen Auftrag, sondern sie entscheiden selbst tätig zu werden. Und diese Entscheidung muss legitimiert werden, sonst ist der Terrorist nichts anderes als ein gewöhnlicher Verbrecher.“ Wieder das jungenhafte Grinsen auf Bergmanns blassem Gesicht. „Wir können uns jetzt darüber streiten, ob Terroristen Verbrecher sind, und es ist klar, dass Terroristen nicht unbedingt das Bürgerliche Gesetzbuch zur Legitimation heranziehen. Tatsächlich suchen sie ihre Legitimationsgrundlage selbst aus und das ist sicher als Willkür zu bezeichnen. Aber auch die RAF benötigte eine solche Legitimation und die sollte, neben den Texten von Mao, die Meinhof in den Ausführungen zu „Stadtguerilla und Klassenkampf“ immer wieder zitiert, eben die intellektuelle Linke bieten.“ Ein Schluck von dem mittlerweile erkalteten Kaffee unterbricht Bergmanns Ausführungen. „Interessant ist zum Beispiel, dass die erste Aktion, die Brandsätze, die Baader und Ensslin im April 1968 in den Frankfurter Kaufhäusern zur Explosion brachten, direkt auf ein Flugblatt bezogen, dass die Kommune 1 damals nach dem Brüsseler Kaufhausbrand herausbrachte, bei dem eine Vielzahl von Menschen umgekommen ist. Dieses Flugblatt , dass als satirische Provokation gedacht war, heute aber eher geschmacklos wirkt, endete mit der Frage, wann auch in Berlin die Kaufhäuser brennen. Und Baader und Ensslin wollten das als Aufforderung verstehen, oder zumindest deutlich machen, dass sie diejenigen sind, die nicht nur rumsitzen, diskutieren oder Puddingbomben auf den amerikanischen Vizepräsidenten werfen, sondern die die vorgeblich gemeinsamen Ziele der gesamten Linken durch Handlung zu erreichen suchen. Und zwar gewalttätige Handlung und nicht nur solche Spaßaktionen, durch die die Kommune 1 bekannt wurde.“ – „Sie wollten sich quasi als ausführender Arm betrachten und gleichzeitig vom Körper trennen,“ wirft Christopher ein. „Durch die Gewalt hat sich die RAF ausgegrenzt, aber gerade durch die Gewalt wollten sie sich auch abgrenzen. Aber die Verantwortung für diese Entscheidung zur Gewalt sollten andere tragen.“ Bergmann nickt vorsichtig. „Ich würde erst mal sagen, es ist sicher eine Frage der Verantwortung, aber vor allem auch der Versuch, die eigene, individuelle Entscheidung in ein größeres Ganzes einzubetten.“ Christopher nickt nachdenklich. Dann fällt sein Blick auf die große Uhr, die an der Wand gegenüber hängt und er steht auf. „Ich muss leider in die Vorlesung. Vielen Dank für Ihre Darlegung. Das nächste Gespräch sollten wir dann vielleicht in meinem Büro führen, da sind die Getränke besser. Zumindest kocht meine Frau Becker besseren Kaffee als ich oder der Automat in der Mensa.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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