24: der Einstieg
„Was wollen Sie wissen,“ fragt Brigitte Dahlem und drückt die Zigarette aus. „Sie sind über die Rote Hilfe zur RAF gekommen,“ schlägt Kaspar vor und trinkt von seiner Cola. Er erntet ein Stirnrunzeln. „Soll ich Ihnen jetzt meine Lebensgeschichte erzählen?“ Kaspar schüttelt ernst den Kopf. „Ich frage mich, wann Sie die Entscheidung getroffen haben, in den Untergrund zu gehen. Und aus welchen Gründen.“ Er legt seinen Kopf schief. „Hatte die Arbeit bei der Roten Hilfe damit zu tun?“ Brigitte Dahlem schüttelt ungeduldig den Kopf. „Die Rote Hilfe, klar habe ich da die Kontakte bekommen. Aber die Entscheidung selbst ist schon vorher gefallen.“ Sie sieht ihm zornig in die Augen. „Die ganze Scheiße damals. Und heute ist es doch nicht besser, es rührt sich nur keiner mehr.“ Alena registriert den kurzen Anflug von Hass auf ihrem Gesicht und ist zu ihrer Überraschung berührt. Aber danach suchen wir, denkt sie dann. Das wollen wir hören. Wir wollen Missionen und Aufopferung für höhere Ziele. Sie konzentriert sich wieder auf die Worte Dahlems. „Ich habe mal Jura studiert, in Münster. Damals dachte ich noch, es gäbe so was wie Gerechtigkeit.“ Sie lacht höhnisch. „1972 war das. Ich bin in schicken Klamotten rumgerannt und habe mit meinen spießigen Kommilitonen, alles Kinder reicher Eltern, Kaffee und Likörchen getrunken.“ Sie schweigt einen Moment und Alena hat den Eindruck, als wenn sie das Bewusstsein verdaut, wie lange diese Zeit her ist. Viel länger als 34 Jahre. Länger als eine Ewigkeit. Im normalen Tonfall fährt Brigitte Dahlem dann fort: „Es war so, als wenn 68 niemals passiert wäre. Aber eine Kommilitonin war anders. Sie hat nachgedacht, sie hat versucht, das System zu durchschauen. In den Semesterferien bin ich dann mit ihr nach Berlin gefahren und sie hat mich ein paar Bekannten vorgestellt. Alle politisch engagiert. Wir waren auf Demos und ich habe mehr Leute kennen gelernt. Auch welche aus der Roten Hilfe. Als wir dann wieder in Münster waren, habe ich gemerkt, dass ich da nicht mehr reinpasse. Anfang 73 haben die Hungerstreiks angefangen und da war mir vollkommen klar, das es sinnlos ist, weiter zu studieren. Dass ich ein Rechtssystem unterstütze, das für Folter und Isolationshaft steht. Das immer noch im dritten Reich verwurzelt ist.“ Emotionslos spult sie die Sätze herunter und Alena hat den Eindruck, als wenn sie diese Erläuterungen schon oft gegeben hat. Sich und anderen. „November 74 hatte ich die Schnauze endgültig voll und bin wieder nach Berlin, um was Sinnvolles zu tun.“ Kaspar nickt. „Holger Meins ist an den Folgen des Hungerstreiks gestorben.“ Dahlem nickt wortlos. „Bei der roten Hilfe habe ich Peter Hoffmann kennen gelernt. Er hat irgendwann gefragt, ob ich Lust habe, ein paar Leuten zu helfen, die gegen den Faschismus kämpfen.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Ich sollte einen Käfig mit einer Katze nach Frankfurt bringen. Im Boden des Käfigs waren zwei Knarren und Geld. In Frankfurt habe ich eine Frau in einer Bahnhofskneipe getroffen und ihr den Käfig übergeben; das war Hanna Krabbe.“ – „Die Geiselnahme in der Stockholmer Botschaft,“ ergänzt Kaspar. Dahlem ignoriert den Einwurf. „Hoffmann ist eine Woche später mit seiner Freundin nach Frankfurt gekommen.“ Ein halbes Grinsen. „Die RAF war zu der Zeit knapp an Personal. Wir dachten, wir helfen ein bisschen aus.“
Flannery Culp - 30. Okt, 21:05