23: alle lieben pia
Alena weiß, dass dies ein kritischer Moment ist. Auch Kaspar wirkt angespannt. „Leider können wir Ihnen kein finanzielles Angebot machen,“ beginnt er langsam. „Wir sind noch bei den Vorbereitungen und haben uns bisher nicht um einen Verleger gekümmert. Dazu kommt, dass wir beide nicht so vermögend sind, dass wir Ihnen einen Vorschuss zahlen könnten. Wir können höchstens anbieten, Sie am Verkauf zu beteiligen.“ Alena schluckt. In ihrer Welt spielt Geld allerhöchstens eine marginale Rolle und sie hatte dementsprechend nicht daran gedacht, dass Brigitte Dahlem eine finanzielle Forderung erheben könnte. Und am Verkauf beteiligen? Das würde bedeuten, dass sie das Buch tatsächlich schreiben müssen. Ihr wird übel. Sich an ein Projekt zu binden, passt ebenso wenig zu ihrer Art zu leben. Dann zwingt sie sich zur Konzentration auf Brigitte Dahlems Gesichtsausdruck, der unergründlich bleibt. Kaspar fährt fort: „Andererseits bieten wir Ihnen die Möglichkeit, die Geschichte der RAF und Ihre persönliche Rolle darin aufzuarbeiten und aufzuschreiben.“ Er sieht sie eindringlich an. „Sie haben Ihr Leben für diese Organisation geopfert. Sie haben ein normales, bürgerliches Leben aufgegeben, um in den Untergrund zu gehen und um für etwas zu kämpfen, von dem Sie überzeugt waren. Sie haben lange dafür im Gefängnis gesessen. Ich könnte mir vorstellen, dass es in Ihrem Interesse liegt, nicht nur der Öffentlichkeit Ihre Motive zu erklären und das Bild der RAF gerade zu rücken, sondern auch für sich selbst eine Klärung zu erreichen – und vielleicht einen Abschluss herbeizuführen.“ Er schweigt eine Sekunde. „Denken Sie nicht, dass eine Reflexion im Zusammenhang mit diesem Projekt Sie frei machen würde, endlich ein neues Leben zu beginnen? Glauben Sie nicht, dass Sie dadurch die Möglichkeit bekommen, endlich aus der Vergangenheit herauszutreten?“ Unwillkürlich hält Alena den Atem an. Das geht zu weit, denkt sie. Das ist nicht klug. Dahlem wird nicht mögen, dass er Anspruch darauf erhebt, ihre Gefühle oder Gedanken zu kennen. Und Alena weiß, dass Kaspar hier zu einem großen Teil seine eigenen Gefühle zum Ausdruck gebracht hat. Auch er sehnt sich nach einem Ende, danach den Kopf endlich frei zu bekommen, frei für etwas Neues, für ein Leben nach einer Vergangenheit, die vollständig durch diese Organisation bestimmt war, der seine Mutter angehörte. Fasziniert wird ihr dann bewusst, dass Brigitte Dahlem und Kaspar sich gegenseitig ansehen, mit Blicken, die wie Lichtstrahlen in die Seele des Gegenübers zu leuchten versuchen. Zu ihrer Überraschung nickt Brigitte Dahlem schließlich, fast unmerklich. „Es geht mir nicht um Geld,“ sagt sie. Nachlässig zündet sie eine neue Zigarette an. „Aber ich bin bereit, mit Ihnen zu reden.“ Sie nimmt einen tiefen Zug und bläst den Rauch zur Seite weg. „Vorerst,“ setzt sie dann entschieden hinzu. „Ich verpflichte mich zu nichts. Ich bestimme, wie lange ich dabei bleibe. Und ich will die Texte lese, bevor sie veröffentlicht werden.“ Zum Einverständnis senkt Kaspar leicht den Kopf, auf seinem Gesicht ist keine Spur eines Lächelns zu entdecken, kein Ausdruck von Freude oder Erleichterung. Er nimmt die Akzeptanz Dahlems ohne Gefühlsregung zur Kenntnis, und Alena ist gegen ihren Willen beeindruckt. „Möchten Sie noch ein Wasser, oder lieber etwas anderes,“ fragt er dann höflich.
Riesel ist nicht im Büro, als Pia eintritt, was sie mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nimmt. Immerhin hat er Kaffee gekocht und sie schüttet sich ihre Bürotasse randvoll. Nachdem sie eine Weile hektisch auf der vollgestellten Ablage gesucht hat, stellt sie fluchend fest, dass der Würfelzucker alle ist. Koffein ohne Kohlenhydrate ist nur halb so wirksam, also macht sie sich auf den Weg in das Nachbarbüro. Als sie ohne Klopfen eintritt, verstummt das lebhafte Gespräch der vier Kollegen, die sich auf den vorhandenen Sitzgelegenheiten verteilt haben. „Kollegin Stein-Bachmüller. Was für eine Ehre, Sie in diesem bescheidenen Büro empfangen zu dürfen,“ tönt Oberkommissar Krause und Pia blickt in die verschlossenen Gesichter von Oberkommissar Brendel und den Kommissaren Krüger und Flohs. Sie weiß, dass sie im Präsidium so beliebt ist wie eine ansteckende Krankheit. „Haben Sie ein paar Stück Würfelzucker für mich,“ fragt sie, ohne sich lange an einer Begrüßung aufzuhalten. Krause starrt sie an und zuckt dann mit den Schultern. „Tut´s auch Süßstoff?“ Pia murmelt einen weiteren Fluch, hält aber dennoch ihre Hand auf: „Zwei Stück.“ Krause zieht einen Plastikspender aus seiner Schreibtischschublade und lässt zwei kleine Tabs in ihre Handfläche fallen. „Sie bearbeiten den Schwarz-Fall,“ meint er beiläufig. „Stimmt,“ erwidert Pia kühl und wendet sich zum Gehen. „Schwarz hatte viele Freunde im Präsidium,“ bemerkt Krause weiter und Pia hört das angedeutete „Ganz im Gegenteil zu Ihnen“ deutlich heraus. „Schön für ihn,“ murmelt sie nur und bewegt sich weiter in Richtung Tür. „Haben Sie schon eine Spur?“ Die Vorstellung, man könne glauben sie tappe noch im Dunkeln ist ihr unerträglich. Also dreht sie sich kurz um. „Natürlich,“ erklärt sie herausfordernd. „Allerdings gebe ich keine Informationen an Unbefugte weiter.“ Mit einem zufriedenen Kribbeln stellt sie fest, dass nicht nur Krauses Gesicht rot vor Wut wird. „Wir waren Kollegen von Otto Schwarz. Verdammt gute Kollegen. Also sind wir verdammt noch mal sehr wohl befugt zu wissen, welche Ratte ihn erschossen hat,“ zischt Brendel und Krause steht auf und stützt sich mit den Handflächen auf die Schreibtischplatte. „Tun Sie nicht so verdammt arrogant, Frau Kollegin. Ich kann mir keinen Grund der Welt vorstellen, warum Oberdorf ausgerechnet Ihnen diesen Fall übertragen hat. Aber glauben Sie mir, wir gucken Ihnen verflucht genau auf die Finger. Schwarz war einer von uns und wir stellen sicher, dass der Fall bis zum letzten verdammten Stückchen gelöst wird.“ Pias Augen haben sich zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Mit zusammengepressten Lippen erklärt sie: „Ich sage Ihnen, warum Oberdorf mir den Fall gegeben hat. Abgesehen davon, dass ich einer der fähigsten Ermittler in diesem Laden bin, bin ich wahrscheinlich die Einzige, die hier einen klaren Blick behält und nicht mit Schaum vor dem Mund durch die Gegend läuft.“ Dann entspannt sie sich und dreht sich in Richtung Tür, bevor die Kollegen ihre Fassung wieder erlangen. Im Hinausgehen bemerkt sie nonchalant: „Und ob Schwarz tatsächlich einer von uns war, steht erst am Ende meiner Ermittlungen fest.“
Riesel ist nicht im Büro, als Pia eintritt, was sie mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nimmt. Immerhin hat er Kaffee gekocht und sie schüttet sich ihre Bürotasse randvoll. Nachdem sie eine Weile hektisch auf der vollgestellten Ablage gesucht hat, stellt sie fluchend fest, dass der Würfelzucker alle ist. Koffein ohne Kohlenhydrate ist nur halb so wirksam, also macht sie sich auf den Weg in das Nachbarbüro. Als sie ohne Klopfen eintritt, verstummt das lebhafte Gespräch der vier Kollegen, die sich auf den vorhandenen Sitzgelegenheiten verteilt haben. „Kollegin Stein-Bachmüller. Was für eine Ehre, Sie in diesem bescheidenen Büro empfangen zu dürfen,“ tönt Oberkommissar Krause und Pia blickt in die verschlossenen Gesichter von Oberkommissar Brendel und den Kommissaren Krüger und Flohs. Sie weiß, dass sie im Präsidium so beliebt ist wie eine ansteckende Krankheit. „Haben Sie ein paar Stück Würfelzucker für mich,“ fragt sie, ohne sich lange an einer Begrüßung aufzuhalten. Krause starrt sie an und zuckt dann mit den Schultern. „Tut´s auch Süßstoff?“ Pia murmelt einen weiteren Fluch, hält aber dennoch ihre Hand auf: „Zwei Stück.“ Krause zieht einen Plastikspender aus seiner Schreibtischschublade und lässt zwei kleine Tabs in ihre Handfläche fallen. „Sie bearbeiten den Schwarz-Fall,“ meint er beiläufig. „Stimmt,“ erwidert Pia kühl und wendet sich zum Gehen. „Schwarz hatte viele Freunde im Präsidium,“ bemerkt Krause weiter und Pia hört das angedeutete „Ganz im Gegenteil zu Ihnen“ deutlich heraus. „Schön für ihn,“ murmelt sie nur und bewegt sich weiter in Richtung Tür. „Haben Sie schon eine Spur?“ Die Vorstellung, man könne glauben sie tappe noch im Dunkeln ist ihr unerträglich. Also dreht sie sich kurz um. „Natürlich,“ erklärt sie herausfordernd. „Allerdings gebe ich keine Informationen an Unbefugte weiter.“ Mit einem zufriedenen Kribbeln stellt sie fest, dass nicht nur Krauses Gesicht rot vor Wut wird. „Wir waren Kollegen von Otto Schwarz. Verdammt gute Kollegen. Also sind wir verdammt noch mal sehr wohl befugt zu wissen, welche Ratte ihn erschossen hat,“ zischt Brendel und Krause steht auf und stützt sich mit den Handflächen auf die Schreibtischplatte. „Tun Sie nicht so verdammt arrogant, Frau Kollegin. Ich kann mir keinen Grund der Welt vorstellen, warum Oberdorf ausgerechnet Ihnen diesen Fall übertragen hat. Aber glauben Sie mir, wir gucken Ihnen verflucht genau auf die Finger. Schwarz war einer von uns und wir stellen sicher, dass der Fall bis zum letzten verdammten Stückchen gelöst wird.“ Pias Augen haben sich zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Mit zusammengepressten Lippen erklärt sie: „Ich sage Ihnen, warum Oberdorf mir den Fall gegeben hat. Abgesehen davon, dass ich einer der fähigsten Ermittler in diesem Laden bin, bin ich wahrscheinlich die Einzige, die hier einen klaren Blick behält und nicht mit Schaum vor dem Mund durch die Gegend läuft.“ Dann entspannt sie sich und dreht sich in Richtung Tür, bevor die Kollegen ihre Fassung wieder erlangen. Im Hinausgehen bemerkt sie nonchalant: „Und ob Schwarz tatsächlich einer von uns war, steht erst am Ende meiner Ermittlungen fest.“
Flannery Culp - 28. Okt, 20:30