86: Kaspars Zuhause
Es beginnt zu regnen, als sie die zweispurige Straße in die Vorstadt fahren. Alena betrachtet die Hochhäuser, die aus ihrem Blickwinkel nach hinten weggleiten, hin und wieder taucht ein Supermarkt auf oder kleine Läden mit dubiosem Angebot. Jugendliche mit gefälschten Sportklamotten lungern unter dem Vordach eines Discounters herum und eine Frau mit zwei kleinen Kindern schleppt vollgepackte Einkaufstüten und bewegt wütend ihren Mund. Kaspar wohnt in einer trostlosen Gegend von Altenburg.
Hat sie wirklich nie daran gedacht, dass er Selbstmord begehen könnte? Sie schüttelt unwillkürlich ihren Kopf. Nein, das hat sie nicht. Ihre Sorge galt vor allem der weiteren Entwicklung seiner Überzeugungen. Sie hatte Angst, dass er verbittert werden könnte. Dass sich sein Denken im Extremen verwickeln könnte. Dass er vom Hass überschwemmt wird. Darum wollte sie mit ihm reden. Aber Selbstmord? Ist sie nur zu wenig emphatisch, um sich das vorstellen zu können, wie Pia jetzt sagen würde? Alena widersteht der Versuchung ihren Kopf zu ihr zu drehen. Und vielleicht wäre gerade das ein Thema gewesen, bei dem sie die richtigen Intuitionen gehabt hätte.
Pia weiß genau wo Kaspar wohnt und Alena wundert sich nicht darüber. Vor dem fünfstöckigen verwohnten Bau stehen die Wagen dicht geparkt und Pia flucht, als sie keine Lücke findet. „Steigen Sie schon mal aus und klingeln Sie. Wenn er da ist, reden Sie mit ihm. Wenn es länger dauert, rufen Sie mich auf dem Handy an, dann fahre ich schon mal. Wenn er die Tür nicht öffnet, kommen Sie wieder heraus, ich warte vor dem Haus auf Sie.“ Alena nickt, eingeschüchtert von den präzisen Anweisungen. „Was haben Sie vor, wenn Kaspar nicht öffnet? Vielleicht ist er ja einfach nicht da.“ Mit unbewegtem Gesicht antwortet Pia: „Dann sehen wir weiter.“
Das dritte Mal drückt Alena eine halbe Minute auf den gelben Knopf, bevor sie schließlich aufgibt. Sie tritt einen Schritt zurück und legt den Kopf in den Nacken. Im dritten Stock ist Kaspars Fenster, leicht zu erkennen an den fehlenden Gardinen. Regentropfen fallen in ihr Gesicht. Sie sieht nichts außer den grauen Wolken, die sich in dem Glas spiegeln. „Kein Erfolg?“ Alena zuckt zusammen. Pia ist neben sie getreten. „Scheint nicht da zu sein,“ meint Alena tastend. Pia starrt auf die Haustür, als könne sie sie mit ihrem Blick öffnen. Dann begutachtet sie die Klingelschilder und drückt auf einen Knopf weiter oben. Fast sofort kündigt ein Knacken an, dass die Haustür offen ist. Schnell stößt Pia sie auf und zieht Alena in den düsteren Hausflur. Der helle Bodenbelag aus Kunststoff ist schmutzig, Werbung liegt zerknittert in einer Ecke. „In welchem Stockwerk wohnt Wagenbach?“ Pias ordentliche Kleidung sticht wohltuend gegen den verwahrlosten Flur ab. „Im Dritten,“ antwortet Alena kurz und beginnt, die Treppe hochzusteigen. Als sie vor Kaspars Haustür stehen, ertönt von oben ein Husten und dann ein gequengeltes: „Wer ist denn da?“ – „Schlüssel vergessen,“ ruft Pia fröhlich zurück. Von oben hört man ein unverständliches Gebrummel, dann wird eine Tür zugeschlagen. Pia klingelt noch einmal ausdauernd. Unter der Klingel ist mit Tesafilm ein schmutziger Zettel geklebt, auf dem „Wagenbach“ steht, ein Computerausdruck. In Pias Gegenwart fällt Alena auf, wie schäbig das Haus ist, in dem Kaspar wohnt. Kein Geräusch hinter dem mittelbraunen Holzfurnier. Jetzt klopft Pia. Wieder tut sich nichts. Als die Haustür unten aufgeht, treten beide einen Schritt zurück. Schwere Schritte im Flur, ein Aluminium-Briefkasten klappert. Eine männliche Stimme flucht, und Alena schüttelt den Kopf. Das ist nicht Kaspar. Schwere Schritte hallen auf der Treppe, ein Schlüssel wird im Schloss gedreht und eine Tür fällt zu. Als Alena wieder zu Pia sieht, hat diese eine schmale Ledermappe in der Hand, aus der sie ein Instrument holt, das Alena vage an Zahnarzt erinnert. Dann wird ihr bewusst, was Pia vorhat.
„Das können Sie nicht machen, das ist Hausfriedensbruch. Sie haben doch keinen Durchsuchungsbefehl,“ wispert sie eindringlich. Pia zieht eine genervte Grimasse. „Und wenn er da drinnen verblutet? Hier handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um Gefahr im Verzug. Bei großzügiger Auslegung.“ Sie hält ihren Kopf schief, als erwarte sie eine Antwort von Alena, aber tatsächlich ist sie nicht an Feedback interessiert. Alena seufzt, als Pia sich vor das Türschloss kniet und konzentriert den Lockpicker in die Öffnung schiebt. In weniger als einer Minute ist die Tür offen. „Sehen Sie , wir haben nichts kaputt gemacht. Ist immer noch freundlicher, als die Tür einzutreten. Und ich könnte mir meine Schuhe ruinieren.“ Pia tritt ein und macht eine einladende Bewegung mit der Hand. „Oder wollen Sie draußen stehen bleiben?“
Die Tür fällt hinter ihr zu und Alena bleibt in dem kleinen Wohnungsflur stehen. Sie war noch nie allein in Kaspars Wohnung und das Gefühl, ein Eindringling zu sein, erstickt sie fast. Pia beginnt in die einzelnen Räume zu sehen. „Herr Wagenbach?“ Ihre Stimme ist ein Fremdkörper in diesen Räumen. Alena beobachtet, wie Pia in Kaspars Wohnzimmer verschwindet, dann hört sie Pia laut aufatmen. „Verdammt.“
Alenas Herz hört auf zu schlagen. Nein. Sie zwingt sich, Luft zu holen, und läuft ins Wohnzimmer.
Pia steht an der Tür zu Kaspars Arbeitszimmer und murmelt: „Scheiße.“ Alena stößt sie beiseite um in den Raum zu sehen. Dann atmet sie erleichtert auf. Der Raum ist leer. Sie dreht sich verwirrt zu Pia um. „Was um Himmels Willen ist los? Sie haben mir einen riesen Schrecken eingejagt.“ Pia sieht sie verständnislos an und zeigt mit der Hand in das Zimmer. „Das ist doch echt krank. Der Typ ist ein Psychopath.“
Hat sie wirklich nie daran gedacht, dass er Selbstmord begehen könnte? Sie schüttelt unwillkürlich ihren Kopf. Nein, das hat sie nicht. Ihre Sorge galt vor allem der weiteren Entwicklung seiner Überzeugungen. Sie hatte Angst, dass er verbittert werden könnte. Dass sich sein Denken im Extremen verwickeln könnte. Dass er vom Hass überschwemmt wird. Darum wollte sie mit ihm reden. Aber Selbstmord? Ist sie nur zu wenig emphatisch, um sich das vorstellen zu können, wie Pia jetzt sagen würde? Alena widersteht der Versuchung ihren Kopf zu ihr zu drehen. Und vielleicht wäre gerade das ein Thema gewesen, bei dem sie die richtigen Intuitionen gehabt hätte.
Pia weiß genau wo Kaspar wohnt und Alena wundert sich nicht darüber. Vor dem fünfstöckigen verwohnten Bau stehen die Wagen dicht geparkt und Pia flucht, als sie keine Lücke findet. „Steigen Sie schon mal aus und klingeln Sie. Wenn er da ist, reden Sie mit ihm. Wenn es länger dauert, rufen Sie mich auf dem Handy an, dann fahre ich schon mal. Wenn er die Tür nicht öffnet, kommen Sie wieder heraus, ich warte vor dem Haus auf Sie.“ Alena nickt, eingeschüchtert von den präzisen Anweisungen. „Was haben Sie vor, wenn Kaspar nicht öffnet? Vielleicht ist er ja einfach nicht da.“ Mit unbewegtem Gesicht antwortet Pia: „Dann sehen wir weiter.“
Das dritte Mal drückt Alena eine halbe Minute auf den gelben Knopf, bevor sie schließlich aufgibt. Sie tritt einen Schritt zurück und legt den Kopf in den Nacken. Im dritten Stock ist Kaspars Fenster, leicht zu erkennen an den fehlenden Gardinen. Regentropfen fallen in ihr Gesicht. Sie sieht nichts außer den grauen Wolken, die sich in dem Glas spiegeln. „Kein Erfolg?“ Alena zuckt zusammen. Pia ist neben sie getreten. „Scheint nicht da zu sein,“ meint Alena tastend. Pia starrt auf die Haustür, als könne sie sie mit ihrem Blick öffnen. Dann begutachtet sie die Klingelschilder und drückt auf einen Knopf weiter oben. Fast sofort kündigt ein Knacken an, dass die Haustür offen ist. Schnell stößt Pia sie auf und zieht Alena in den düsteren Hausflur. Der helle Bodenbelag aus Kunststoff ist schmutzig, Werbung liegt zerknittert in einer Ecke. „In welchem Stockwerk wohnt Wagenbach?“ Pias ordentliche Kleidung sticht wohltuend gegen den verwahrlosten Flur ab. „Im Dritten,“ antwortet Alena kurz und beginnt, die Treppe hochzusteigen. Als sie vor Kaspars Haustür stehen, ertönt von oben ein Husten und dann ein gequengeltes: „Wer ist denn da?“ – „Schlüssel vergessen,“ ruft Pia fröhlich zurück. Von oben hört man ein unverständliches Gebrummel, dann wird eine Tür zugeschlagen. Pia klingelt noch einmal ausdauernd. Unter der Klingel ist mit Tesafilm ein schmutziger Zettel geklebt, auf dem „Wagenbach“ steht, ein Computerausdruck. In Pias Gegenwart fällt Alena auf, wie schäbig das Haus ist, in dem Kaspar wohnt. Kein Geräusch hinter dem mittelbraunen Holzfurnier. Jetzt klopft Pia. Wieder tut sich nichts. Als die Haustür unten aufgeht, treten beide einen Schritt zurück. Schwere Schritte im Flur, ein Aluminium-Briefkasten klappert. Eine männliche Stimme flucht, und Alena schüttelt den Kopf. Das ist nicht Kaspar. Schwere Schritte hallen auf der Treppe, ein Schlüssel wird im Schloss gedreht und eine Tür fällt zu. Als Alena wieder zu Pia sieht, hat diese eine schmale Ledermappe in der Hand, aus der sie ein Instrument holt, das Alena vage an Zahnarzt erinnert. Dann wird ihr bewusst, was Pia vorhat.
„Das können Sie nicht machen, das ist Hausfriedensbruch. Sie haben doch keinen Durchsuchungsbefehl,“ wispert sie eindringlich. Pia zieht eine genervte Grimasse. „Und wenn er da drinnen verblutet? Hier handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um Gefahr im Verzug. Bei großzügiger Auslegung.“ Sie hält ihren Kopf schief, als erwarte sie eine Antwort von Alena, aber tatsächlich ist sie nicht an Feedback interessiert. Alena seufzt, als Pia sich vor das Türschloss kniet und konzentriert den Lockpicker in die Öffnung schiebt. In weniger als einer Minute ist die Tür offen. „Sehen Sie , wir haben nichts kaputt gemacht. Ist immer noch freundlicher, als die Tür einzutreten. Und ich könnte mir meine Schuhe ruinieren.“ Pia tritt ein und macht eine einladende Bewegung mit der Hand. „Oder wollen Sie draußen stehen bleiben?“
Die Tür fällt hinter ihr zu und Alena bleibt in dem kleinen Wohnungsflur stehen. Sie war noch nie allein in Kaspars Wohnung und das Gefühl, ein Eindringling zu sein, erstickt sie fast. Pia beginnt in die einzelnen Räume zu sehen. „Herr Wagenbach?“ Ihre Stimme ist ein Fremdkörper in diesen Räumen. Alena beobachtet, wie Pia in Kaspars Wohnzimmer verschwindet, dann hört sie Pia laut aufatmen. „Verdammt.“
Alenas Herz hört auf zu schlagen. Nein. Sie zwingt sich, Luft zu holen, und läuft ins Wohnzimmer.
Pia steht an der Tür zu Kaspars Arbeitszimmer und murmelt: „Scheiße.“ Alena stößt sie beiseite um in den Raum zu sehen. Dann atmet sie erleichtert auf. Der Raum ist leer. Sie dreht sich verwirrt zu Pia um. „Was um Himmels Willen ist los? Sie haben mir einen riesen Schrecken eingejagt.“ Pia sieht sie verständnislos an und zeigt mit der Hand in das Zimmer. „Das ist doch echt krank. Der Typ ist ein Psychopath.“
Flannery Culp - 21. Mär, 21:33