Montag, 12. März 2007

sternkleinsternkleinsternklein

81: Puzzle

Pia sitzt im Büro und starrt auf eine Auswahl der Briefe, die sie in dem Schließfach gefunden haben. Sie hatte Riesel den undankbaren Auftrag gegeben, alle Exemplare durchzusehen um nach Spuren zu suchen. Nach zwei Tagen hatte er ihr die Briefe mit einem verlegenen Gesichtsausdruck zurück gegeben. „Nichts gefunden,“ war die einzige Erläuterung, begleitet von der sicheren Erwartung, das Papier um die Ohren gehauen zu bekommen. Aber Pia hatte genau das vermutet, sonst hätte sie die Briefe selbst gelesen.

Keine Spuren. Keine Fingerabdrücke. Der Text eine Ansammlung von Stereotypen, Schlagworten, Schimpfwörtern. Manchmal nur ein Satz, manchmal mehr, aber nie mehr als drei Sätze. Ausgedruckt auf billigem Drucker-Papier. Mit handelsüblicher Druckertinte. Auf einem Drucker einer weitverbreiteten Marke.

Unzufrieden nimmt sie einen der Briefe hoch und liest zum wiederholten Mal den Text. „wir kriegen dich du dummes pig.“ Wir. Der RAF-Plural oder tatsächlich zwei Personen? Sie lässt das Blatt wieder fallen und fragt sich, was diese Briefe für einen Sinn gehabt haben. Sollten sie lediglich den wohlverdienten Ruhestand von Schwarz in die Vorhölle verwandeln? Oder wurde eine bestimmte Reaktion von dem Polizisten erwartet, sollte er zu einer Handlung provoziert werden? Nachdenklich lehnt Pia sich in ihrem Schreibtischsessel zurück. Sollte er genau das tun, was er getan hatte? Sollte er beginnen, jemanden zu suchen? Pia denkt an Robert Koch. Er ist das einzige Mitglied des Kommandos, das verschwunden ist. Aber warum war jemand hinter Koch her? Irgendetwas fehlt ihr, ein kleines Stückchen vom Puzzle.

„Meine Mutter ist also mit Hilfe von Schwarz in die DDR geflüchtet,“ unterbricht Kaspar die Diskussion. „Warum hätte Schwarz ihr helfen sollen? Er hätte sie als Spitzel benutzen und dann trotzdem hoch nehmen können. Und als Ihr geflohen seid, musste er doch glauben, dass Marianne den Plan hat platzen lassen und Euch gewarnt hat. Wenn sie sich danach tatsächlich noch an ihn gewandt hat, dann hätte er sie verhaften können, um wenigstens einen kleinen Erfolg vorzuweisen. Selbst wenn er die Aktion ohne Wissen seiner Vorgesetzten durchgezogen hatte, hätte er doch garantiert keine Probleme bekommen, wenn er den Kontakt nachträglich gebeichtet hätte.“

Er sucht nach Fluchtwegen, denkt Alena. Irgendeinen Riss in der Geschichte, mit dem er alles umdrehen kann. Mürrisch zuckt Brigitte Dahlem mit den Achseln. „Was weiß ich. Vielleicht war es ihm peinlich, übers Ohr gehauen worden zu sein. Oder als Versager dazustehen. Tatsache ist, dass Marianne, nachdem wir untergetaucht sind, zu ihm gegangen ist.“ Alena beobachtet sie genau. Weiß sie wirklich nichts von dieser seltsamen Beziehung zwischen Marianne Wagenbach und Otto Schwarz, die das Foto so nahe legt? Warum sollte sie es verheimlichen?

Sie entschließt sich zum Angriff: „Haben Sie die Briefe geschrieben, um sich an Schwarz zu rächen?“ Der Tonfall soll Gleichgültigkeit suggerieren, wie eine Routinefrage klingen, angesichts der unbezweifelbaren Wahrheit, dass nur die Ex-Terroristin die Verfasserin der Briefe sein kann. Brigitte Dahlem runzelt die Stirn. „Warum sollte ich mich an dem Bullen rächen? Der hat nur seine Arbeit getan.“ Alena zieht die Augenbrauen hoch. „Er war der einzige, der noch übrig war. Für Rache an Marianne Wagenbach war es ja wohl zu spät.“

Kaspar ist aufgestanden und kommt auf die beiden zu. „Warum ist dieser Robert Koch mit ihr in die DDR gegangen?“ In Brigitte Dahlems Gesicht spiegelt sich Unbehagen, das Alena der bedrückenden Erinnerung an das Auseinanderbrechen des Kommandos zuschreibt. „Der Platz war für Hoffmann reserviert, aber als der abgesprungen ist, hat Koch die Gelegenheit ergriffen. Er hat sich einfach an Marianne dran gehängt. Vielleicht hat er Schwarz damit gedroht, alles ans Licht zu bringen, wenn er geschnappt wird, und wie´s aussieht wollte Schwarz das nicht. Also musste er in den sauren Apfel beißen.“ Kaspar fährt mit einer Hand durch die blonden Strähnen, die danach nach allen Seiten abstehen. „Das ergibt keinen Sinn, oder? Irgendwas fehlt. Ein Stückchen vom Puzzle fehlt noch.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

Und hier gehts zum Anfang

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Archivierung Ihres Blog-Krimis,...
Das Deutsche Literaturarchiv verfolgt mit Interesse...
Jochen Walter (Gast) - 26. Feb, 11:52
Off topic: Anfrage des...
Das Deutsche Literaturarchiv verfolgt mit Interesse...
Jochen Walter - 25. Mai, 13:12
Das Ende eines Blog-Krimis
und ich bin ein bisschen wehmütig, weil es mir viel...
Flannery Culp - 13. Mai, 20:54
113: Ende
Die Sonne scheint heiß, vielleicht zum letzten Mal...
Flannery Culp - 12. Mai, 14:00
112: Auf-Lösung
„Schwarz hat die Adressen von Burg und der Dahlem herausbekommen...
Flannery Culp - 7. Mai, 21:21

Links (Der Betreiber dieses Blogs übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen. Haftungsansprüche gegen den Betreiber dieses Blogs, welche sich auf Schäden materieller oder ideeller Art beziehen, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der dargebotenen Informationen bzw. durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Informationen verursacht wurden, sind grundsätzlich ausgeschlossen.)

Suche

 

Status

Online seit 6809 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 26. Feb, 11:52

Credits

RSS Box


Kapitel Drei
Kapitel Eins
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Vier
Kapitel Zwei
Metablog
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren