81: Puzzle
Pia sitzt im Büro und starrt auf eine Auswahl der Briefe, die sie in dem Schließfach gefunden haben. Sie hatte Riesel den undankbaren Auftrag gegeben, alle Exemplare durchzusehen um nach Spuren zu suchen. Nach zwei Tagen hatte er ihr die Briefe mit einem verlegenen Gesichtsausdruck zurück gegeben. „Nichts gefunden,“ war die einzige Erläuterung, begleitet von der sicheren Erwartung, das Papier um die Ohren gehauen zu bekommen. Aber Pia hatte genau das vermutet, sonst hätte sie die Briefe selbst gelesen.
Keine Spuren. Keine Fingerabdrücke. Der Text eine Ansammlung von Stereotypen, Schlagworten, Schimpfwörtern. Manchmal nur ein Satz, manchmal mehr, aber nie mehr als drei Sätze. Ausgedruckt auf billigem Drucker-Papier. Mit handelsüblicher Druckertinte. Auf einem Drucker einer weitverbreiteten Marke.
Unzufrieden nimmt sie einen der Briefe hoch und liest zum wiederholten Mal den Text. „wir kriegen dich du dummes pig.“ Wir. Der RAF-Plural oder tatsächlich zwei Personen? Sie lässt das Blatt wieder fallen und fragt sich, was diese Briefe für einen Sinn gehabt haben. Sollten sie lediglich den wohlverdienten Ruhestand von Schwarz in die Vorhölle verwandeln? Oder wurde eine bestimmte Reaktion von dem Polizisten erwartet, sollte er zu einer Handlung provoziert werden? Nachdenklich lehnt Pia sich in ihrem Schreibtischsessel zurück. Sollte er genau das tun, was er getan hatte? Sollte er beginnen, jemanden zu suchen? Pia denkt an Robert Koch. Er ist das einzige Mitglied des Kommandos, das verschwunden ist. Aber warum war jemand hinter Koch her? Irgendetwas fehlt ihr, ein kleines Stückchen vom Puzzle.
„Meine Mutter ist also mit Hilfe von Schwarz in die DDR geflüchtet,“ unterbricht Kaspar die Diskussion. „Warum hätte Schwarz ihr helfen sollen? Er hätte sie als Spitzel benutzen und dann trotzdem hoch nehmen können. Und als Ihr geflohen seid, musste er doch glauben, dass Marianne den Plan hat platzen lassen und Euch gewarnt hat. Wenn sie sich danach tatsächlich noch an ihn gewandt hat, dann hätte er sie verhaften können, um wenigstens einen kleinen Erfolg vorzuweisen. Selbst wenn er die Aktion ohne Wissen seiner Vorgesetzten durchgezogen hatte, hätte er doch garantiert keine Probleme bekommen, wenn er den Kontakt nachträglich gebeichtet hätte.“
Er sucht nach Fluchtwegen, denkt Alena. Irgendeinen Riss in der Geschichte, mit dem er alles umdrehen kann. Mürrisch zuckt Brigitte Dahlem mit den Achseln. „Was weiß ich. Vielleicht war es ihm peinlich, übers Ohr gehauen worden zu sein. Oder als Versager dazustehen. Tatsache ist, dass Marianne, nachdem wir untergetaucht sind, zu ihm gegangen ist.“ Alena beobachtet sie genau. Weiß sie wirklich nichts von dieser seltsamen Beziehung zwischen Marianne Wagenbach und Otto Schwarz, die das Foto so nahe legt? Warum sollte sie es verheimlichen?
Sie entschließt sich zum Angriff: „Haben Sie die Briefe geschrieben, um sich an Schwarz zu rächen?“ Der Tonfall soll Gleichgültigkeit suggerieren, wie eine Routinefrage klingen, angesichts der unbezweifelbaren Wahrheit, dass nur die Ex-Terroristin die Verfasserin der Briefe sein kann. Brigitte Dahlem runzelt die Stirn. „Warum sollte ich mich an dem Bullen rächen? Der hat nur seine Arbeit getan.“ Alena zieht die Augenbrauen hoch. „Er war der einzige, der noch übrig war. Für Rache an Marianne Wagenbach war es ja wohl zu spät.“
Kaspar ist aufgestanden und kommt auf die beiden zu. „Warum ist dieser Robert Koch mit ihr in die DDR gegangen?“ In Brigitte Dahlems Gesicht spiegelt sich Unbehagen, das Alena der bedrückenden Erinnerung an das Auseinanderbrechen des Kommandos zuschreibt. „Der Platz war für Hoffmann reserviert, aber als der abgesprungen ist, hat Koch die Gelegenheit ergriffen. Er hat sich einfach an Marianne dran gehängt. Vielleicht hat er Schwarz damit gedroht, alles ans Licht zu bringen, wenn er geschnappt wird, und wie´s aussieht wollte Schwarz das nicht. Also musste er in den sauren Apfel beißen.“ Kaspar fährt mit einer Hand durch die blonden Strähnen, die danach nach allen Seiten abstehen. „Das ergibt keinen Sinn, oder? Irgendwas fehlt. Ein Stückchen vom Puzzle fehlt noch.“
Keine Spuren. Keine Fingerabdrücke. Der Text eine Ansammlung von Stereotypen, Schlagworten, Schimpfwörtern. Manchmal nur ein Satz, manchmal mehr, aber nie mehr als drei Sätze. Ausgedruckt auf billigem Drucker-Papier. Mit handelsüblicher Druckertinte. Auf einem Drucker einer weitverbreiteten Marke.
Unzufrieden nimmt sie einen der Briefe hoch und liest zum wiederholten Mal den Text. „wir kriegen dich du dummes pig.“ Wir. Der RAF-Plural oder tatsächlich zwei Personen? Sie lässt das Blatt wieder fallen und fragt sich, was diese Briefe für einen Sinn gehabt haben. Sollten sie lediglich den wohlverdienten Ruhestand von Schwarz in die Vorhölle verwandeln? Oder wurde eine bestimmte Reaktion von dem Polizisten erwartet, sollte er zu einer Handlung provoziert werden? Nachdenklich lehnt Pia sich in ihrem Schreibtischsessel zurück. Sollte er genau das tun, was er getan hatte? Sollte er beginnen, jemanden zu suchen? Pia denkt an Robert Koch. Er ist das einzige Mitglied des Kommandos, das verschwunden ist. Aber warum war jemand hinter Koch her? Irgendetwas fehlt ihr, ein kleines Stückchen vom Puzzle.
„Meine Mutter ist also mit Hilfe von Schwarz in die DDR geflüchtet,“ unterbricht Kaspar die Diskussion. „Warum hätte Schwarz ihr helfen sollen? Er hätte sie als Spitzel benutzen und dann trotzdem hoch nehmen können. Und als Ihr geflohen seid, musste er doch glauben, dass Marianne den Plan hat platzen lassen und Euch gewarnt hat. Wenn sie sich danach tatsächlich noch an ihn gewandt hat, dann hätte er sie verhaften können, um wenigstens einen kleinen Erfolg vorzuweisen. Selbst wenn er die Aktion ohne Wissen seiner Vorgesetzten durchgezogen hatte, hätte er doch garantiert keine Probleme bekommen, wenn er den Kontakt nachträglich gebeichtet hätte.“
Er sucht nach Fluchtwegen, denkt Alena. Irgendeinen Riss in der Geschichte, mit dem er alles umdrehen kann. Mürrisch zuckt Brigitte Dahlem mit den Achseln. „Was weiß ich. Vielleicht war es ihm peinlich, übers Ohr gehauen worden zu sein. Oder als Versager dazustehen. Tatsache ist, dass Marianne, nachdem wir untergetaucht sind, zu ihm gegangen ist.“ Alena beobachtet sie genau. Weiß sie wirklich nichts von dieser seltsamen Beziehung zwischen Marianne Wagenbach und Otto Schwarz, die das Foto so nahe legt? Warum sollte sie es verheimlichen?
Sie entschließt sich zum Angriff: „Haben Sie die Briefe geschrieben, um sich an Schwarz zu rächen?“ Der Tonfall soll Gleichgültigkeit suggerieren, wie eine Routinefrage klingen, angesichts der unbezweifelbaren Wahrheit, dass nur die Ex-Terroristin die Verfasserin der Briefe sein kann. Brigitte Dahlem runzelt die Stirn. „Warum sollte ich mich an dem Bullen rächen? Der hat nur seine Arbeit getan.“ Alena zieht die Augenbrauen hoch. „Er war der einzige, der noch übrig war. Für Rache an Marianne Wagenbach war es ja wohl zu spät.“
Kaspar ist aufgestanden und kommt auf die beiden zu. „Warum ist dieser Robert Koch mit ihr in die DDR gegangen?“ In Brigitte Dahlems Gesicht spiegelt sich Unbehagen, das Alena der bedrückenden Erinnerung an das Auseinanderbrechen des Kommandos zuschreibt. „Der Platz war für Hoffmann reserviert, aber als der abgesprungen ist, hat Koch die Gelegenheit ergriffen. Er hat sich einfach an Marianne dran gehängt. Vielleicht hat er Schwarz damit gedroht, alles ans Licht zu bringen, wenn er geschnappt wird, und wie´s aussieht wollte Schwarz das nicht. Also musste er in den sauren Apfel beißen.“ Kaspar fährt mit einer Hand durch die blonden Strähnen, die danach nach allen Seiten abstehen. „Das ergibt keinen Sinn, oder? Irgendwas fehlt. Ein Stückchen vom Puzzle fehlt noch.“
Flannery Culp - 12. Mär, 20:36