Freitag, 9. März 2007

sternkleinsternkleinsternklein

79: Aufrechnen

Brigitte Dahlems Hände haben sich in die verschlissenen Sessellehnen gekrallt und Alena starrt wie hypnotisiert auf die weiß hervorgetretenen Fingerknöchel. Niemand sagt etwas. Ist die Geschichte hier zu Ende? Sicherlich nicht für Kaspar, denkt Alena und schaut vorsichtig in seine Richtung. Kaspar hat die Lippen aufeinander gepresst und ist noch bleicher geworden. Aber in seinen Augen schimmert Protest. Zum ersten Mal fragt sich Alena, wie sehr er seine Mutter tatsächlich zur Revolutionärin im positiven Sinn stilisiert hat. Der Eindruck, den er erwecken wollte, beinhaltete immer eine gewisse Distanz, ein primär wissenschaftliches Interesse. Initiiert durch einen persönlichen Ausgangspunkt, sicher; im Vordergrund stand jedoch scheinbar der deutlich hervorgehobene Versuch, die Objektivität eines Historikers zu wahren. Plötzlich entsteht vor Alenas Augen das wahre Bild, das Kaspar von Marianne Wagenbach gehabt haben könnte. Eine mutige Frau, eine engagierte Frau, eine Frau mit einer Vision, der sie ihr Privatleben geopfert hat. Vielleicht lag sie völlig falsch mit ihrer Vermutung, dass Kaspar seine Mutter durch die historische Forschung finden wollte; vielleicht hatte Kaspar vielmehr versucht, dieses immer schon existente Bild faktisch zu bestätigen. Was zwangsläufig ein mehr oder weniger positives Bild der RAF voraussetzt. Ein Schauder läuft über ihren Rücken. Pia hat recht, denkt sie. Ich kann mich nicht in andere Leute hineinversetzen. Ich verstehe nicht ihre grundlegenden Wünsche und Bedürfnisse. Mein Blick auf die Welt ist so anders, dass ich ihn nicht auf andere übertragen kann. Hilflosigkeit überschwemmt sie wie eine Welle. Ich bin völlig isoliert, fährt ihr verzweifelt durch den Kopf.

Kaspars belegte Stimme reißt sie aus dem Gedankenloch. „Wenn meine Mutter nicht die Bullen eingeschaltet hätte, wären Leute gestorben. Unschuldige. Passanten, einfache Mitarbeiter der Botschaft, Sekretärinnen. Vielleicht ging es ihr nie um sich selbst. Vielleicht hat sie den Gedanken einfach nicht ertragen.“ Er ignoriert das abfällige Schnauben der Dahlem und redet weiter: „Das war doch immer schon das Problem der RAF, die vielen zivilen Opfer, die Euch um Eure Glaubwürdigkeit gebracht haben. Die Ihr in Kauf genommen und sogar bewusst einkalkuliert habt. Der Ami-Soldat Pimental 1985 zum Beispiel. Irgendwann war das kein Krieg mehr gegen die Instanzen des Kapitalismus, irgendwann war es nur noch Mord.“

Alena wird heiß. „Kaspar,“ sagt sie vorsichtig. „Es war alles Mord. Auch die Politiker und Botschafter, jeder, der angeblich das System repräsentiert hat.“ Kaspar starrt sie an, als wüsste er nicht, wovon sie redet und Alena spürt Panik in sich aufsteigen. „Kaspar, niemand darf für eine Ideologie getötet werden. Ideologien bestehen aus Worten. Worte kann man nur mit Worten begegnen.“ – „Ideologien bestehen aus Überzeugungen und das ist ja wohl mehr als Worte,“ sagt Brigitte Dahlem. Alena dreht sich zu ihr um. „Wenn man Überzeugungen ändern will, dann muss man den ganzen Menschen ändern. Und einen Menschen ändert man nicht durch Diskussionen. Das ist versucht worden und es hat nichts gebracht. Menschen ändert man nur durch Taten.“ Langsam schüttelt Alena den Kopf. „Wer gibt Ihnen das Recht, einen Menschen gewaltsam zu ändern? Wer gibt Ihnen das Recht, die Attribute Gut und Böse zu verteilen?“ – „Es ging nicht gegen Einzelne. Es geht um das System. Und ein System als menschenverachtend zu klassifizieren, dazu braucht es nicht mehr als ein bisschen gesunden Menschenverstand. Oder sagen Sie, dass der Vietnam-Krieg richtig war? Dass der Profit aus dem Waffenhandel richtig ist? Dass es ok ist, wenn Menschen getötet werden, die eine Meinung vertreten, die dem Staat nicht gefällt?“

Alena wird rot, aber nicht vor Scham, sondern weil sie so wütend ist. „Warum sind Sie dann nicht in die Länder gegangen, wo ein menschenverachtendes System die Leute unterdrückt? Warum haben Sie in der Bundesrepublik wild um sich geschossen?“ Sie holt tief Luft, um sich zu beruhigen. „Ich sage es Ihnen: weil Sie dort nicht die Aufmerksamkeit bekommen hätten, die Ihnen die Zeitungen und das Fernsehen in der BRD geschenkt hat. Weil Sie dort nur ein kleines Rädchen gewesen wären und zu schnell tot, als dass man auch nur Notiz von Ihnen genommen hätte.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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