78: Hass
Ein zynischer Ton hat sich in die Stimme der Dahlem geschlichen und Alena wagt kaum zu atmen. „Jedenfalls war er genau das, was Marianne in dieser Situation brauchte. Jemand mit einer Mission, jemand der ihr einen Weg vorzeichnete. Sie hat ihn vergöttert und sie wäre mit ihm überall hingegangen. Und ganz nebenbei war die RAF auch ziemlich schick damals. Wahrscheinlich hat Marianne sich plötzlich als große Freiheitskämpferin gesehen, als die deutsche Leila Khaled.“ Jetzt öffnet Brigitte Dahlem die Augen ganz. Sie dreht ihren Kopf zu Kaspar, und nun sieht auch Alena vorsichtig in seine Richtung. Kaspar hat die Lippen ein wenig geöffnet und ist sehr blass, sieht aber konzentriert und gefasst aus. Alena weiß wie wichtig jedes einzelne Wort für ihn ist. „Marianne war wie viele damals. Eine Menge Leute wollten aus revolutionär-romantischen Gründen in die RAF, und die meisten davon haben es nie in den engeren Kern geschafft. Es gab schon so etwas wie eine Qualitätsauswahl. Die damaligen Mitglieder waren nicht blöd; dass solche Leute ein Sicherheitsrisiko darstellten, war klar. Aber zu dem Zeitpunkt wo Marianne zusammen mit Hoffmann Kontakt aufgenommen hatte, existierte die RAF fast nicht mehr. Und Hoffmann machte eine guten Eindruck.“ Brigitte Dahlem legt eine kleine Pause ein. „Später hat jeder die Entscheidung bereut, aber niemand hat jemals Hoffmann einen Vorwurf gemacht.“
Jetzt sieht Kaspar von einer zur anderen. „Was hat Marianne Wagenbach getan? Wofür hat man Hoffmann keinen Vorwurf gemacht?“ Die Worte kommen aus ihm herausgeschossen und Alena weiß, dass die Wahrheit fällig ist. Sie richtet ihren Blick auf Brigitte Dahlem, die sie nachdenklich beobachtet. „Sie wissen es schon, nicht wahr, Frau Brandenburg? Die Polizistin hat es Ihnen gesagt.“ Hilflosigkeit lähmt Alena für einen Augenblick, dann gewinnt ihr Denken die Oberhand.
„Ich weiß gar nichts,“ sagt sie bestimmt. „Ich mache mir nur meine Gedanken. Warum Sie nie über Frau Wagenbach reden wollten, warum Sie mir gesagt haben, dass es besser für Kaspar ist, wenn er nicht alles erfährt.“ Alenas Stimme bleibt fest. Sie lügt nicht. Sie hat nur ein Foto gesehen, nicht mehr. „Diese Haltung lässt für mich Schlussfolgerungen zu. Aber was für mich sicher ist: Kaspar sollte endlich die Wahrheit über seine Mutter erfahren. Und vielleicht fällt es Ihnen schwerer es auszusprechen, als ihm es zu akzeptieren.“ Alena fühlt sich von zwei Seiten von Blicken durchbohrt, aber sie hat die Situation im Griff. Endlich fester Boden unter den Füßen. In diesem Moment wird ihr bewusst wie sehr sie es hasst, lavieren zu müssen, jeden Schritt auszutaxieren, auf jedes Wort zu achten. Und keine endgültige Perspektive einnehmen zu können, kein Standpunkt, den sie sicher vertreten kann. Alena kreuzt die Arme über ihrer Brust und findet sich außerhalb der visuellen Verbindung zwischen Brigitte Dahlem und Kaspar Wagenbach. Erleichtert nimmt sie ihre übliche Beobachterposition ein.
„Marianne Wagenbach hat das Kommando an die Bullen verraten.“ Die Worte hängen in der Luft wie ein Ball, den niemand auffangen möchte. Alena konzentriert sich auf Kaspar, als wenn die Intensität ihres Blickes ihm irgendwie helfen könnte. Kaspars Verwirrung tut ihr weh. Er öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Brigitte Dahlem fährt ungerührt fort: „1977 war zuviel für sie. Sie war schwach, ohne eigene Überzeugung. Sie hat die Ereignisse nicht begriffen. Hat ihre Notwendigkeit nicht begriffen.“ Brigitte Dahlems Betonung des Wortes Notwendigkeit erzeugt eine Gänsehaut auf Alenas Rücken. „Sie hätte aussteigen können,“ sagt Brigitte Dahlem kalt. „Jeder konnte jederzeit aussteigen. Aber selbst dazu war sie zu schwach. Zu feige. Sie konnte uns nicht in die Augen sehen und sagen, dass sie aufhört.“ Verachtung geht wie eine Welle von der schwarz gekleideten Frau aus und Alena bildet sich ein, dass Kaspar leicht schwankt, als sie ihn erreicht. „Wir kannten ein paar Namen der Pigs, die hinter uns her waren. Marianne hat privat Kontakt zu Schwarz aufgenommen und hat ihm versprochen, dass sie uns ausliefert, wenn er ihr und Hoffmann die Flucht in die DDR organisiert.“ Brigitte Dahlem lacht höhnisch. „Als wenn Hoffman darauf eingegangen wäre. Als wenn er die Gruppe wegen einer Verräterin im Stich gelassen hätte.“ Alena versucht ruhig zu atmen. Sie macht einen Schritt auf Kaspar zu und stellt fast überrascht fest, dass Bewegung in der Zeit noch möglich ist. Kaspar hebt seinen Arm, ohne sie anzusehen. Alena bleibt stehen.
„Am Abend vor der Aktion hat sie Hoffman informiert. Hoffmann ist ausgerastet. Er hat sofort Kontakt zum Rest des Kommandos aufgenommen, wir mussten die Aktion fallen lassen und sind dann untergetaucht.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Vermutlich konnte Marianne den Bullen davon überzeugen, dass er seine Seite der Abmachung trotzdem einhält. Wie auch immer sie das angestellt hat.“ Ein böses Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht und verschwindet sofort wieder. Sie richtet ihren Blick auf Kaspar und Alena nimmt entsetzt den Hass wahr, der in den grünen Augen leuchtet. „Hoffmann ist nie darüber weggekommen. Er dachte, alles ist seine Schuld. Er wollte die Verantwortung dafür übernehmen, weil er dachte, sie hat es für ihn getan.“ Brigitte Dahlem zischt die Worte durch aufeinandergepresste Zähne. „Als sie uns geschnappt haben, Einen nach dem Anderen, war Hoffmann am Ende. Sie war der Grund, aus dem er sich später im Knast aufgehängt hat. Marianne Wagenbach, deine verdammte Fotzen-Mutter. Sie hat ihn auf dem Gewissen.“
Jetzt sieht Kaspar von einer zur anderen. „Was hat Marianne Wagenbach getan? Wofür hat man Hoffmann keinen Vorwurf gemacht?“ Die Worte kommen aus ihm herausgeschossen und Alena weiß, dass die Wahrheit fällig ist. Sie richtet ihren Blick auf Brigitte Dahlem, die sie nachdenklich beobachtet. „Sie wissen es schon, nicht wahr, Frau Brandenburg? Die Polizistin hat es Ihnen gesagt.“ Hilflosigkeit lähmt Alena für einen Augenblick, dann gewinnt ihr Denken die Oberhand.
„Ich weiß gar nichts,“ sagt sie bestimmt. „Ich mache mir nur meine Gedanken. Warum Sie nie über Frau Wagenbach reden wollten, warum Sie mir gesagt haben, dass es besser für Kaspar ist, wenn er nicht alles erfährt.“ Alenas Stimme bleibt fest. Sie lügt nicht. Sie hat nur ein Foto gesehen, nicht mehr. „Diese Haltung lässt für mich Schlussfolgerungen zu. Aber was für mich sicher ist: Kaspar sollte endlich die Wahrheit über seine Mutter erfahren. Und vielleicht fällt es Ihnen schwerer es auszusprechen, als ihm es zu akzeptieren.“ Alena fühlt sich von zwei Seiten von Blicken durchbohrt, aber sie hat die Situation im Griff. Endlich fester Boden unter den Füßen. In diesem Moment wird ihr bewusst wie sehr sie es hasst, lavieren zu müssen, jeden Schritt auszutaxieren, auf jedes Wort zu achten. Und keine endgültige Perspektive einnehmen zu können, kein Standpunkt, den sie sicher vertreten kann. Alena kreuzt die Arme über ihrer Brust und findet sich außerhalb der visuellen Verbindung zwischen Brigitte Dahlem und Kaspar Wagenbach. Erleichtert nimmt sie ihre übliche Beobachterposition ein.
„Marianne Wagenbach hat das Kommando an die Bullen verraten.“ Die Worte hängen in der Luft wie ein Ball, den niemand auffangen möchte. Alena konzentriert sich auf Kaspar, als wenn die Intensität ihres Blickes ihm irgendwie helfen könnte. Kaspars Verwirrung tut ihr weh. Er öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Brigitte Dahlem fährt ungerührt fort: „1977 war zuviel für sie. Sie war schwach, ohne eigene Überzeugung. Sie hat die Ereignisse nicht begriffen. Hat ihre Notwendigkeit nicht begriffen.“ Brigitte Dahlems Betonung des Wortes Notwendigkeit erzeugt eine Gänsehaut auf Alenas Rücken. „Sie hätte aussteigen können,“ sagt Brigitte Dahlem kalt. „Jeder konnte jederzeit aussteigen. Aber selbst dazu war sie zu schwach. Zu feige. Sie konnte uns nicht in die Augen sehen und sagen, dass sie aufhört.“ Verachtung geht wie eine Welle von der schwarz gekleideten Frau aus und Alena bildet sich ein, dass Kaspar leicht schwankt, als sie ihn erreicht. „Wir kannten ein paar Namen der Pigs, die hinter uns her waren. Marianne hat privat Kontakt zu Schwarz aufgenommen und hat ihm versprochen, dass sie uns ausliefert, wenn er ihr und Hoffmann die Flucht in die DDR organisiert.“ Brigitte Dahlem lacht höhnisch. „Als wenn Hoffman darauf eingegangen wäre. Als wenn er die Gruppe wegen einer Verräterin im Stich gelassen hätte.“ Alena versucht ruhig zu atmen. Sie macht einen Schritt auf Kaspar zu und stellt fast überrascht fest, dass Bewegung in der Zeit noch möglich ist. Kaspar hebt seinen Arm, ohne sie anzusehen. Alena bleibt stehen.
„Am Abend vor der Aktion hat sie Hoffman informiert. Hoffmann ist ausgerastet. Er hat sofort Kontakt zum Rest des Kommandos aufgenommen, wir mussten die Aktion fallen lassen und sind dann untergetaucht.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Vermutlich konnte Marianne den Bullen davon überzeugen, dass er seine Seite der Abmachung trotzdem einhält. Wie auch immer sie das angestellt hat.“ Ein böses Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht und verschwindet sofort wieder. Sie richtet ihren Blick auf Kaspar und Alena nimmt entsetzt den Hass wahr, der in den grünen Augen leuchtet. „Hoffmann ist nie darüber weggekommen. Er dachte, alles ist seine Schuld. Er wollte die Verantwortung dafür übernehmen, weil er dachte, sie hat es für ihn getan.“ Brigitte Dahlem zischt die Worte durch aufeinandergepresste Zähne. „Als sie uns geschnappt haben, Einen nach dem Anderen, war Hoffmann am Ende. Sie war der Grund, aus dem er sich später im Knast aufgehängt hat. Marianne Wagenbach, deine verdammte Fotzen-Mutter. Sie hat ihn auf dem Gewissen.“
Flannery Culp - 7. Mär, 19:53