Sonntag, 4. März 2007

sternkleinsternkleinsternklein

77: Wahrheit tut weh

Sofort bereut sie, was sie gesagt hat. Brigitte Dahlems Gesichtszüge werden steinern. Es ist still im Raum. Aus den Augenwinkeln sieht Alena, wie Kaspar eine Bewegung macht und das zwingt sie weiterzusprechen. „Ich will Sie nicht angreifen. Ich sage Ihnen nur wie es ist. Wie die Realität ist. Sie klammern sich an die Vergangenheit, aber die Welt hat sich geändert in der Zeit, in der Sie eingesperrt waren. Vielleicht wollen Sie das nicht wahrhaben, weil Sie immer dachten, Sie könnten die Strukturen durchschauen. Sie dachten, Sie würden das Wesentliche sehen, das der Normalbürger nicht sieht oder sehen will. Aber vielleicht lagen Sie damals schon falsch. Vielleicht wussten Sie selbst damals nicht, was das Wesentliche eigentlich ist. Was falsch läuft in der Welt. Aber irgendwann konnten Sie nicht mehr zurück. Und bevor Sie sich bewusst machen mussten, dass Sie nicht mehr wussten, gegen wen Sie kämpfen, haben Sie Dummys aus Stereotypen gebaut. Der Staat. Der Kapitalismus. Der Faschismus.“ Hier bricht sie ab. Mehr hat sie nicht zu sagen über den Terrorismus. Alena ist müde. Am liebsten würde sie sich setzen, aber das Sofa steht weit weg und sie wagt nicht sich zu bewegen.

„Erwarten Sie, dass ich darauf reagiere? Dass ich mit Ihnen darüber diskutiere?“ Das klingt arrogant, aber tatsächlich sieht Brigitte Dahlem genauso müde aus, wie Alena sich fühlt. „Sie sind ein verdammter Spitzel,“ fügt sie hinzu, aber es klingt, als wäre es fast nebensächlich. „Sie teilen die Welt in RAF und Spitzel,“ sagt Alena. „Aber von der RAF ist nichts mehr übrig. Sie können nur noch mit Spitzeln kommunizieren. Oder Sie müssen für immer schweigen.“ Sie sieht kurz zu Kaspar hinüber. „Glauben Sie, dass Kaspar kein Spitzel ist? Dass er RAF ist? Vergessen Sie´s. Er interessiert sich für die RAF nur, weil er seine Mutter sucht. Das haben Sie schon immer geahnt, nicht wahr? Darum haben Sie auch seine Briefe während der Haft nicht beantwortet.“ Alena hat Kaspar während ihrer Worte angesehen und Kaspar blickt stumm zurück. Sie wendet sich zurück zu der blassen dünnen Frau, die in dem abgesessenen Ohrensessel fast versinkt.

„Aber es war nicht nur Desinteresse an Kaspars Motiven, sondern Kaspar hat Sie daran erinnert, dass auch die RAF nicht mehr so glatt von den Spitzeln abgegrenzt werden konnte. Dass auch die RAF schon infiziert war.“ Alena hört Kaspars Atem schneller werden und es tut ihr weh. Die Wahrheit tut immer weh. „Und brachte Sie das auf den Gedanken, dass die RAF kein homogener Block ist, wie die Kaaba, sondern dass sie auch nur aus Menschen besteht? Aus Leuten, die ihre eigenen Interessen und ihre eigenen Gründe hatten, zur RAF zu kommen. Die sie vielleicht eine Zeitlang hinten an stellten, die sie vielleicht vergaßen oder uminterpretierten oder instrumentalisierten. Aber das waren ureigenste, individuelle, atomare Interessen. Kein universeller Wunsch die Welt zu retten, indem man den Kapitalismus zerstörte. Keine heroische, komplexe Gedankengebäude, sondern ganz profane Langeweile, die Lust zur Rebellion, Ärger mit den Eltern. Einsamkeit.“ Sie blickt Brigitte an. „Was waren die Gründe von Marianne Wagenbach?“

Kein Ticken stört das Schweigen. Alena kann keine Uhr im Zimmer entdecken. Zeit spielt keine Rolle mehr für Brigitte Dahlem, deren Augenlider sich langsam senken, bis nur noch ein schmaler Schlitz übrig bleibt. Das hat Alena schon oft bei Pia beobachtet, aber während es bei ihr bedrohlich wirkt, scheint sich Frau Dahlem hinter ihren Lidern zurückzuziehen. „Marianne Wagenbach ist zur RAF gekommen, weil Hoffmann sie mitgebracht hat. Hoffmann hatte sie in einer WG in Berlin kennen gelernt, sie hatte gerade in Kind bekommen und lebte so in den Tag hinein. Sie wusste nichts mit sich anzufangen. Sie war völlig strukturlos, ohne Idee, was sie aus sich machen sollte, ohne Ziel. Hoffmann hat erzählt, dass sie sich auch für das Kind nicht interessierte und es schon bald in einen Kinderladen steckte. Keiner wusste, von wem das Kind war, wahrscheinlich auch Marianne nicht.“ Alenas Kehle ist trocken. Sie versucht zu schlucken und es hört sich unnatürlich laut an. Sie spürt Kaspars Gegenwart ohne ihn anzusehen. „Hoffmann war ein Idealist. Er war jemand, der sich für Schwächere einsetzte und immer versuchte zu helfen. Er hat mir mal gesagt, er hätte Gewissensbisse, weil er genug zu Essen hat, eine Schule besuchen und ein Studium machen konnte.“ Frau Dahlems Augen öffnen sich ein Stück. „Das ging vielen von uns so. Es war so ungerecht. In Vietnam starben sie wie die Fliegen, in Afrika verhungerten die Kinder und wir lebten in Saus und Braus. Und unsere Regierung unterstützte die Unterdrücker und Kriegstreiber. Es ist immer nur um den Profit gegangen, alle gucken nur aufs Geld. Egal, ob dafür irgendwo Leute krepieren.“

Alena hat den Eindruck, als wenn sich Brigitte Dahlem eines fast verschütteten Motivs erinnert. „Wir hatten Gewissensbisse, wir fühlten uns schuldig,“ sagt sie und es klingt fast erstaunt. „Und plötzlich dieses Gefühl 1968, im Kairos der Weltgeschichte zu stehen, etwas verändern zu können. Als wenn sich ein Spalt auftat, in den man hineingreifen konnte. Eine Gelegenheit, die sich nie wieder ergibt. Ich glaube, wir haben alle gewartet. Wir haben erwartet, dass etwas passiert, der große Knall, der Startschuss. Wir haben demonstriert, diskutiert und gewartet. Und dann war der Spalt wieder zu und das war unsere Schuld. Wir hatten nichts unternommen. Wir hatten die Gelegenheit nicht ergriffen.“

Brigitte Dahlem atmet tief ein und wieder aus. „Dann kamen die Nachrichten vom Kaufhausbrand. Baader und Ensslin, die nicht nur einfach gewartet hatten. Die etwas unternahmen. Ein Kaufhaus anzünden, einen Konsumtempel, das Zentrum des Kapitalismus. Das machte irgendwie Sinn.“ Ihre Augen sind noch immer halb geschlossen, aber ihre Gesichtszüge sind jetzt weicher. „Bei einigen von uns hat es da Klick gemacht. Da war jemand, der die Sache in die Hand nahm, und vielleicht waren ja doch noch Veränderungen möglich.“ Sie schüttelt kaum merklich den Kopf. „Für Hoffmann war es eine Möglichkeit, sich von der Schuld freizumachen, die er ständig gespürt hat. Manche spenden Geld um ihr Gewissen zu beruhigen, andere organisieren Spendensammlungen und wieder andere gehen in die Entwicklungshilfe. Vielleicht wäre das eher das Richtige für Hoffmann gewesen. Aber die Zeiten waren anders, Brot für die Welt war weit weg und die RAF direkt um die Ecke in Westdeutschland. Vielleicht wollte er auch einfach nur auf hohem Niveau leiden. In den Untergrund gehen, alles aufgeben, das war echtes Märtyrertum.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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