Sonntag, 14. Januar 2007

sternkleinsternkleinsternklein

56: Auswirkungen

Alena denkt über die letzten Worte Brigitte Dahlems nach und sie traut sich nicht, nach deren Bedeutung zu fragen. Brigitte Dahlem ergreift erneut das Wort: „Warum steckt Kaspar Wagenbach in Schwierigkeiten? Hat er etwas mit den Morden zu tun?“ Langsam dreht Alena ihr den Kopf zu. „Glauben Sie, dass er die Morde begangen haben könnte?“ Überrascht heben sich die dunklen Augenbrauen der Dahlem. „Woher soll ich das wissen? Sie kennen ihn besser als ich.“ Dann erscheint ein abfälliges Lächeln auf ihrem Gesicht. „Oder glauben Sie, er ist der Sohn seiner Mutter? Weil seine Mutter eine Mörderin war, muss auch Kaspar zwangsläufig Leute erschießen?“ Alena atmet tief ein und wieder aus. Was für eine blöde Frage ihrerseits. Aber es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass sie tatsächlich so denkt und das tut ihr weh. Eine Erwähnung Brigitte Dahlems lenkt ihre Aufmerksamkeit auf einen neuen Punkt. „War Marianne Wagenbach eine Mörderin? Das frage ich in zweierlei Hinsicht. Zum einen, hat sie tatsächlich jemals einen Menschen getötet? Und wenn ja, ist dann in Ihren Augen der Begriff Mörderin für Frau Wagenbach angemessen?“ Ein Mundwinkel wird zynisch angehoben. „Sie wollen von mir hören, dass die Opfer der RAF-Aktionen ihren Tod verdient hatten? Dass die kleinen Angestellten und die Fahrer, die dabei drauf gegangen sind, Kollateralschäden waren, die notwendig waren, weil ihr Tod einer höheren Sache gedient hatte?“ Ihr Gesicht wird abweisend und Alena kann fast beobachten, wie Frau Dahlem eine der inneren Stahltüren zuzieht. Ihre Augen werden abwesend. „Scheiße, ich habe keine Lust, mit Ihnen darüber zu diskutieren. Was verstehen Sie schon,“ murmelt Brigitte Dahlem, ohne Alena anzusehen. „Sie leben Ihr kleines dünnes Leben, Sie drehen sich um Ihre ärmlichen bürgerlichen Bedürfnisse. Sie sind zu schwach, um anders zu leben, zu schwach, um anders leben zu wollen. Sie haben Angst vor Konsequenzen, die Sie nicht einplanen können, Sie verstecken sich vor der Verantwortung, die Sie übernehmen müssten.“ Ihr Gesicht verzerrt sich vor Schmerzen, die tief aus ihrem Inneren zu kommen scheinen. Alena muss über diesen Vorwurf nachdenken. Hat sie recht? Sie seufzt. Es ist schwierig, zu einem Ergebnis zu kommen, sie selbst hat keine Ziele. Sie hat keinen Grund, etwas zu ändern. Weder für sich, noch für andere. Sie stellt ihre Frage: „Ist es nicht überheblich zu denken, man muss das Leben der Anderen ändern? Die Aktionen der RAF zielten darauf ab, das private Leben zu politisieren. Aus Eltern Kader zu machen und aus Kindern kleine Revolutionäre. Die Weltgeschichte zu einem Teil der Individualgeschichte zu machen, die Individualgeschichte zu marginalisieren. Das Individuum zählte nur noch im Rahmen der politischen Zielsetzung. Wie können Sie sich anmaßen, Anderen dieses Leben auf zu oktroyieren? Woher wollen Sie wissen, ob Sie dazu berechtigt sind. Ob Ihre Gründe besser sind, als die der Anderen? Ob Ihr Leben besser ist als das der Anderen?“ Brigitte Dahlems Augen sind leer. „Sie haben den Zeitpunkt verpasst, das zu verstehen,“ sagt sie. „Wir waren am Kairos der Weltgeschichte, 1968 war ein solcher Moment, der Beginn einer Phase, in der die Tür der Zeit offen stand und die Menschen für Veränderungen empfänglich waren.“ Gesichtszüge wie aus Stein. „Die Tür ist zugefallen, Ihr habt sie zufallen lassen. Jetzt ist es zu spät. Was wir getan haben, was wir wollten, ist für immer Eurem kleinen Verständnis entzogen.“ Alena schüttelt den Kopf und spürt so etwas wie Ungeduld aus ihrem vorsprachlichen Bewusstsein hochsteigen. „Sie können nicht verhindern, dass die politische, die wissenschaftliche und auch die private Welt über Ihre Handlungen urteilt. Das ist ihr gutes Recht und jeder Urheber eines historischen Ereignisses muss sich dessen bewusst sein und sich dem stellen. Das hat auch etwas mit Verantwortung zu tun, mit der Verantwortung der Zukunft gegenüber. Alles, was wir tun, was Sie getan haben, verändert die Welt in der wir leben. Und das sind nicht nur die Handlungen, die einen großen Wirkungskreis nach sich ziehen, das sind auch die vielen kleinen Handlungen und Entscheidungen. Ich muss mich für mein Leben und die winzigen Veränderungen, die ich vornehme, genauso rechtfertigen, wie Sie. Und Sie haben das Leben in der Bundesrepublik verändert, das können Sie nicht leugnen.“ Alenas Stimme wird sanfter. „Sie haben allerdings genau das erreicht, was Sie verhindern wollten. Die Gesetze sind strikter geworden. Die Überwachung des Staates umfangreicher und detaillierter. Der Bürger hat sich mehr denn je ins Private zurückgezogen. In den Konsum. Die 80er Jahre waren an restaurativen Tendenzen kaum zu überbieten. Wissen Sie was, das Hauptziel derjenigen ist, die in den 80ern erwachsen geworden sind? Sicherheit. Eine abgesicherte finanzielle und berufliche Existenz.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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