41: die Schlinge zieht sich zusammen
„Sie haben versucht Burg im Gefängnis zu kontaktieren.“ Die Feststellung allein klingt bereits wie ein Anklagepunkt. „Was wollten Sie von ihm?“ Kaspar versucht sich zu konzentrieren. Langsam erklärt er: „Ich hatte damals so eine Phase, in der ich unbedingt mehr über meine Mutter herausfinden wollte.“ Er stockt und sieht Pia dann genau ins Gesicht. „Man hatte mich darüber unterrichtet, dass sie tot sei. Vorher wusste ich nur, dass sie unter falschem Namen irgendwo in der DDR lebte. Ich wusste weder wie sie hieß noch in welcher Stadt sie wohnte. Vielleicht hat es der Verfassungsschutz gewusst, aber niemand hat es mir jemals gesagt. Wieso auch, ich bin ja nur ihr Sohn.“ Pia starrt ihn an. „Wer hat Ihnen von dem Selbstmord erzählt?“ – „Verfassungsschutz. Ich habe einen Brief erhalten. Noch nicht einmal die Floskel: Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen. Nur die lapidare Feststellung, dass sie sich mit Schlaftabletten umgebracht hat.“ Interessiert hört Pia die Verbitterung heraus, die in Wagenbachs Worten steckt. „Daraufhin haben Sie Burg und Dahlem geschrieben und um ein Treffen gebeten.“ Sie zieht ihre Augenbrauen nach oben. „Was wollten Sie die beiden fragen? Was das Lieblingsessen Ihrer Mutter war? Oder ihre Lieblingswaffe?“ Mit der Bemerkung erreicht sie ihre Absicht prompt. Kaspar wird wütend. „Ich glaube kaum, dass Sie meine Situation verstehen können. Und ich finde auch nicht, dass Sie das Recht haben, sich darüber lustig zu machen.“ Ein winziges Zucken an seinen Augenlidern beginnt, das Pia nicht entgeht. „Haben Sie auch versucht von Schwarz Informationen zu erhalten?“ Vehement schüttelt Kaspar den Kopf. „Habe ich nicht, wie ich bereits sagte.“ Seine Stimme wird schneidend. „Was hätte ich schon von einem Bullen erfahren können? Die lügen doch, wenn sie den Mund aufmachen.“ Auf Pias Gesicht erscheint ein entzücktes Grinsen. „Wie niedlich, ganz die Mutter.“ Kaspar wird rot und atmet schwer ein und aus. Belustigt beobachtet Pia, wie er um seine Fassung ringt. Sie bringt ihr Gesicht näher an seins heran. „Besitzen Sie eine Waffe, Herr Wagenbach?“ Schweigend schüttelt er wieder den Kopf. „Haben Sie einen Wagen?“ Er nickt. „Marke, Alter, Farbe, Kennzeichen?“ Sie klingt ungeduldig. Er muss sich räuspern, weil seine Stimme belegt klingt. „Citroen, fünf Jahre alt, schwarz.“ Er nennt das Kennzeichen und sieht aus dem Augenwinkel, wie Riesel alles aufschreibt. Er scheint die ganze Zeit mitstenographiert zu haben. Kaspars Herz flattert wie ein eingesperrter und in Panik geratener Vogel. Er muss hier raus. Sofort. „Waren Sie Dienstag Abend mit dem Wagen unterwegs?“ – „Nein,“ presst er heraus. „Ich habe gearbeitet. Habe ich schon gesagt.“ Pias Gesicht ist undurchdringlich. „Und wenn ich Ihnen sage, dass ein älterer schwarzer Citroen Dienstag Nacht am Tatort gesehen wurde?“ Kaspars Atem geht stoßweise. „Ich war nicht weg. Ich war die ganze Nacht zu hause. Und ich weiß noch nicht einmal, wo dieser Tatort sein soll.“ Jetzt fällt ihm etwas ein und der Druck auf seiner Kehle lässt schlagartig nach. „Und Sie glauben doch nicht, dass ich es bis zum Abend noch bis nach Hamburg geschafft hätte? Ich war bis 19 Uhr auf der Arbeit, dafür habe ich Zeugen. Wenn ich direkt losgefahren wäre, hätte ich mindestens sieben Stunden gebraucht. Das ist Bullshit.“ Ein erleichtertes Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit, bis er das triumphierende Funkeln in ihren Augen sieht. Seine Mundwinkel schnappen zurück und ihm wird übel. Irgendwas hat er falsch gemacht. Irgendwas hat er ihr geliefert, das sie gut gebrauchen kann. Er muss nicht lange grübeln. „Sie wissen, dass Burg eine Zeitlang in Hamburg war? Das ist interessant. Hat er Ihnen eine Postkarte geschrieben?“ Sie legt ihren Kopf schief und mimt unschuldiges Interesse. Kaspar hasst sie.
Flannery Culp - 8. Dez, 20:26