40: Christopher und Pia
Die Kopie des Fotos ist gut. Christopher hat sie auf seinen Schreibtisch gelegt und betrachtet sie nachdenklich. Robert Koch im Alter von ca. 20 Jahren. „Es ist unwahrscheinlich. Völlig unwahrscheinlich. Aber ich möchte keine Möglichkeit auslassen,“ hatte Pia bemerkt, als sie ihm das Foto in die Hand drückte. Koch könnte sich in Altenburg aufhalten. Er könnte sein Philosophiestudium wieder aufgenommen haben. Er könnte an der Uni Altenburg lehren. Er könnte aber auch irgendwo im nahen Osten Bomben legen oder bereits tot sein. Christopher runzelt die Stirn. Der Mann auf dem Foto ist ihm völlig unbekannt. Und doch, dieser Mund. Die Augen. Diese blauen, herausfordernden Augen, deren Arroganz in einem seltsamen Gegensatz zu der weichen Zeichnung des Mundes steht. Christopher lehnt sich zurück und schließt kurz die Augen. Wieso glaubt er, dass ihm diese Features bekannt vorkommen? Einbildung? Suggestion seitens seiner Frau, die keinen Ort der Welt von der Infiltration durch das Verbrechen ausschließt? Christopher sieht sie vor sich, die steile Falte zwischen den Augen, die immer tiefer wird, der harte Zug um ihren Mund, der vor ein paar Jahren noch nicht da war. Als sie sich kennen gelernt hatten, auf einer Feier von Pias ehemaligen Vorgesetzten, waren ihre Gesichtszüge weicher gewesen, ihre Augen strahlender. Wie lange ist das her, acht Jahre? Er war damals noch Doktorand gewesen und sein Doktorvater ein guter Freund des Geburtstagskindes, das kurz vor seiner Pensionierung gestanden hatte und sämtliche Arbeitskollegen und Freunde zu einer riesigen Feier geladen hatte. Sein Doktorvater, Professor Brecht, ein massiger, humorvoller Mann, mit einer sprühenden Intelligenz und einem warmen Humor. Christopher lächelt, als er sich an ihn erinnert. Er sollte ihn bald mal wieder anrufen. Seitdem Brecht erimitiert war, ist der Kontakt dünn geworden. Dann sieht Christopher wieder Pia vor sich, die allein am Buffet stand und ihren Teller mit diversen Sorten Nachtisch füllte. Sie hatte aufgesehen und ihre Blicke trafen sich. Christopher kann wieder diesen Blitz spüren, dem ihm der Blick durch den ganzen Körper geschickt hatte. Warum gerade sie? Er weiß es nicht und wusste es auch damals nicht. Die letzte Beziehung hatte er anderthalb Jahre vorher beendet, weil ihm bewusst geworden war, dass ihm die Arbeit an seiner Doktorarbeit wichtiger war als die Gesellschaft seiner damaligen Freundin. Er war erleichtert gewesen, wieder Single zu sein, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen, sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Keine Spur schlechten Gewissens. Eine kühle, egoistische Entscheidung, die ihm niemals verziehen worden war, was ihn nicht weiter gestört hatte. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als Beziehungen. Vielleicht war es die Erkenntnis gewesen, dass es jemanden gab, der ähnlich dachte wie er. Die Selbstsicherheit in ihren Augen, die Bestimmtheit, die er wieder erkannte. Die Unabhängigkeit, die sie ausstrahlte, als sie abseits von ihren Kollegen stand, die mit Gläsern in der Hand einen abgeschlossenen Block bildeten, dicht beieinander Halt suchend und durch lautes Lachen ihre Zusammengehörigkeit demonstrierend. Sie hatte das nicht nötig, sagten ihre Augen. Sie schafft es allein, alles. Sie braucht niemanden. War die stumme Kommunikation ihrer Blicke derart gewesen? Ein bedauernder Zug umspielt Christophers Mund, dessen Augen noch immer geschlossen sind. Sie sind an einem Punkt angelangt, an dem ihrer beider Unabhängigkeit und die Ziele, denen sie ihr Leben verschrieben haben, zu zwei Parallelen geführt haben, die nebeneinander herlaufen. Noch sind die Linien so dicht, dass sie sich über den Zwischenraum verständigen können. Manchmal nähern sich die Linien einander an, wie im letzten Urlaub, als sie fast übereinanderlappten, zu einer Linie konvergierten. Sich aber jetzt wieder voneinander entfernen, in die alten Bahnen zurücklaufen. Wann werden sie so weit auseinander driften, dass sogar der Blickkontakt unmöglich wird? Unwillkürlich seufzt er auf und der hörbare Laut schreckt ihn aus seinen Grübeleien. So weit sollte es nicht kommen denkt er. Um sofort mit dem Gedanken konfrontiert zu werden: wer von ihnen beiden wird die Initiative ergreifen, diesen Linien einen Stoß auf einander zu zu geben? Wer wird die Energie dazu haben? Oder den Wunsch? Es tut weh, darüber nachzudenken und Christopher ist froh, als das Telefon klingelt und Frau Becker ihn an die Konferenz erinnert, die in zehn Minuten stattfindet.
Flannery Culp - 3. Dez, 18:29