Samstag, 25. November 2006

sternkleinsternkleinsternklein

36: das stille Wasser

„Zum Teufel mit den Scheißbullen.“ Kaspar läuft hektisch in Alenas Wohnzimmer herum. „Was wollen die denn noch von mir wissen? Das ist doch reine Schikane! Es gibt überhaupt keine Anzeichen, dass ich irgendetwas mit dem Mord an Schwarz zu tun habe. Die kleben jetzt nur an mir, weil ich Marianne Wagenbachs Sohn bin. So etwas nennt man Sippenhaftung.“ Alena nippt an einer Tasse schwarzen Tee. Die Tasse, die sie für Kaspar auf die Ecke des Schreibtisches gestellt hat, ist unberührt. Helle Morgensonne scheint von außen herein und sie wünschte, es wäre nicht so hell im Zimmer. Als Kaspar heute morgen unangemeldet in ihre Wohnung stürmte, riss er zuallererst die Vorhänge auf, die wie gewohnt ihr Wohnzimmer verdunkelten. Dann berichtete er, unterbrochen von diversen Schimpftiraden, dass Kommissar Riesel ihn heute morgen telefonisch für nachmittags in die Dienststelle gebeten hatte. „Zu weiteren Fragen? Was glauben diese Idioten, was ich ihnen erzählen könnte? Haben die nichts anderes zu tun?“ Alena schließt die Augen und versucht die wütende Stimme Kaspars für einen Moment auszublenden. Sie wäre jetzt lieber allein. Langsam lässt sie sich seitwärts auf ihr Ledersofa sinken, hebt die Beine auf die Sitzfläche und zieht die Knie an. Sie bleibt so liegen, während Kaspar die Strecke von der Tür bis zum Fenster hin und her läuft. Ihre Gedanken hängen an der telefonischen Vorladung. Warum lädt Pia Kaspar nun doch vor? Hat ihr Kollege Riesel den Fragenkatalog nicht zufriedenstellend abgearbeitet? Haben sich Änderungen ergeben, die ein erneutes Gespräch erforderlich machen? Oder besteht doch ein Verdacht gegen Kaspar, vielleicht aufgrund von Tatsachen, die ihr selbst unbekannt sind? „Nett, dass du die Zeit nutzt, um ein bisschen zu schlafen, während ich hier gleich durchdrehe.“ Alena bleibt liegen, aber öffnet ihre Augen und wendet den Kopf der vorwurfsvollen Stimme Kaspars zu. „Gibt es irgendeine Kleinigkeit, die du mir vielleicht verschwiegen hast?“ Ihre Stimme ist ruhig und sanft. „Sie laden dich nicht ohne Grund vor. Sie haben irgendwas. Und ich frage mich, ob du weißt, was das sein könnte.“ Kaspar steht sehr still und sieht sie an. Die Strahlen der Morgensonne nehmen die Gelegenheit wahr, schräg bis in den letzten Winkel dieses Raums zu leuchten, aus dem sie sonst so rigoros ausgeschlossen werden. Kaspar steht mit dem Rücken zum Fenster, sein Gesicht ist im Schatten verborgen. Alena hört nur seine Stimme, die aus dem undeutlichen Dunkel seines Gesichts spricht. „Du hattest von Anfang an die Vermutung, dass ich Schwarz getötet haben könnte, nicht wahr? Dann hast du den Gedanken verdrängt, was ich dir durchaus zugute halte. Aber in bestimmten Situationen kommt er wieder an die Oberfläche, dieser Verdacht, den du niemals tief genug versenken kannst.“ Es ist irritierend, das Gesicht nicht zu sehen, das zu dieser seltsam leisen Stimme gehört und Alena richtet sich auf. „Der Gedanke steigt nach oben wie eine Wasserleiche, die jetzt halb verrottet und stinkend auf dem Wasser treibt.“ Alena spürt, wie ihre Halswirbel sich anspannen, ihre Hände klammern sich in das kühle Leder der Sitzkante. Kaspar macht einen Schritt auf sie zu und sie braucht all ihre Selbstbeherrschung, um nicht auf dem Sofa nach hinten zu rutschen. „Du hast mir noch nie getraut. Von Anfang an nicht. Warum nicht? Was ist los mit mir? Oder sollte ich besser fragen, was ist los mit dir?“ Sie antwortet nicht, das sind keine Fragen, die eine Antwort verlangen. „Wir waren niemals Freunde, Alena. Für dich war ich immer ein interessantes Objekt, eine Begegnung, die die Langeweile vertreibt, die dich manchmal überfällt, wenn du genug von deinem zurückgezogenen Lesen hast. Ich selbst habe nie gezählt für dich, ich habe dich nur in meiner Eigenschaft als Marianne Wagenbachs Sohn interessiert. Der Sohn einer Terroristin, wie aufregend.“ Er redet immer weiter, zwingt Alena seine Worte auf. „Und es war meine Besessenheit, die dich fasziniert hat. Die Fragen, die ich mir immer wieder stellen musste, die so wichtig für mich waren – für dich gibt es keine Fragen, die dich nachts wach halten, die dich quälen, die dein ganzes Leben bestimmen. Du hast kein Ziel, dein Leben hat keinen Sinn, du lebst vor dich hin und hebst Steine auf in der Hoffnung, das etwas Spannendes darunter liegt. Und ich bin nichts anderes als einer dieser Steine.“ Alena schließt die Augen und stellt sich vor, dass sie mit dem Rücken auf einem stillen See treibt, sie spürt die leichten Wellen um sich, die sie fort tragen, immer weiter weg. Kaspars Stimme dringt jetzt gedämpft zu ihr, als wenn er durch das kühle, durchsichtige Wasser spricht. Sie öffnet ihren Mund, um etwas zu sagen, das ihr am Herzen liegt, etwas, das sie unbedingt sagen muss, es ist wichtig. Ohne ihn wirklich zu sehen oder zu hören spürt sie, dass er aufgehört hat zu reden und sie anstarrt. Aus ihrem Mund kommen die Worte: „Lass mich allein.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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