25: Gespräch zwischen Profs
In einem Büro im historischen Institut sitzt Christopher auf einem ausgesessenen Sofa, vor sich, auf einem ausgedienten Sofatischchen, eine Tasse Kaffee. Ihm gegenüber hängt Professor Bergmann auf einem Ohrensessel, der schon bessere Tage gesehen hat. Christopher erinnert sich vage daran, dass Bergmann vor zwei Semestern an der Altenburger Uni eine Juniorprofessur erhalten hat, was aufgrund seines Alters kurzzeitig Schlagzeilen machte. Bergmann ist 28 Jahre alt und Christopher hat keine Übung im Umgang mit Wunderkindern. „Was verschafft mir die Ehre eines Besuchs des bekanntesten Vertreters des Instituts für Philosophie,“ grinst Bergmann jetzt und schlürft seinen Kaffee. Christopher lächelt gewinnend. „Abgesehen davon, dass wir uns noch gar nicht kennen gelernt haben, seitdem Sie hier tätig sind, und ich der Meinung bin, dass man die Kontakte zwischen den Instituten pflegen sollte, habe ich gehört, dass Sie, abgesehen von Ihrer unbestreitbaren Kompetenz in Deutscher Geschichte ab 1945, neuerdings einen Schwerpunkt in Sachen Terrorismus aus Deutschland setzen.“ Er nippt an dem viel zu starken Kaffee, für den Bergmann zu Christophers Bedauern keine Milch anbieten konnte. „Ich denke momentan selbst darüber nach, ob man das Phänomen Terrorismus mal aus philosophischer Perspektive angehen sollte. Aus diesem Grund wollte ich ein wenig Brainstorming mit Ihnen vornehmen. Vorausgesetzt, Sie haben ein wenig Zeit für mich.“ Bergmann setzt sich aufrecht. „Das ist ja hochinteressant,“ erklärt er aufgeregt und Christopher kann ein Grinsen nicht unterdrücken. „Ich finde es ist höchste Zeit, dass auch in dieser verstaubten Bude mal ein aktuelles Thema aufgegriffen wird. Und Terrorismus ist hochaktuell. Ich beschäftige mich nicht nur mit dem zeitgeschichtlichen Terrorismus in der BRD der 70er bis 90er Jahre, sondern greife natürlich auch ein wenig auf die aktuellen Geschehnisse aus – auch wenn das vielleicht nicht gerne von den Kollegen aus dem politischen Institut gesehen wird.“ Er rollt verständnislos mit den Augen. „Dieser verdammte Abgrenzungswahn geht mir echt auf die Nerven.“ Christopher lacht laut heraus. „Es ist fast schockierend, diese Einsicht von einem Kollegen zu hören, aber Sie haben natürlich recht. Überall wird die interdisziplinäre Forschung propagiert, aber an den wenigsten Instituten hat sie sich bisher durchgesetzt.“ Er schneidet eine Grimasse. „Und ich fürchte, Altenburg hat den Ehrgeiz, die letzte Bastion der Isolationsforschung zu werden.“ Bergmann reißt begeistert seine leere Kaffeetasse hoch. „Und ich dachte, ich wäre der einzige, dem das auf den Geist geht. Darauf trinke ich!“ Er langt nach der Warmhalte und Christopher legt schnell seine Hand über die Tasse, bevor er einen Nachschlag von dem Gebräu erhält. „Ich bin eher Teetrinker,“ erläutert er schnell angesichts Bergmanns fragendem Gesicht. Der zuckt wohlwollend mit den Schultern. „Typisch Philosophen, oder?“ Christopher lacht wieder. Er findet die Unbefangenheit des jungen Professors ausgesprochen erholsam. „Hin und wieder trinke ich auch Kaffee,“ gibt er zu, „aber dann mit etwas geringerer Kaffeepulver-Konzentration.“ Bergmann nickt fröhlich. „Wenn Sie das nächste mal vorbeikommen, stelle ich Ihnen heißes Wasser hin, zum Verdünnen.“ – „Sehr zuvorkommend,“ lächelt Christopher. „Aber sagen Sie einmal, in Bezug auf Deutschem Terrorismus beschäftigen Sie sich sicher auch mit der Roten Armee Fraktion?“ Bergmann hebt die Arme und lässt sie wieder fallen. „Klar. RAF, Bewegung 2. Juni, Revolutionäre Zellen und der ganze Kleinkram, der aber entweder schnell in der Versenkung verschwunden ist, oder in die beiden großen Organisationen aufgegangen ist.“ Er starrt Christopher erwartungsvoll an. „Ist die RAF ein philosophisches Thema? Ich hatte bisher eher den Eindruck, dass man die politischen Aussagen nicht zu genau hinterfragen sollte.“ – „Hatte die RAF denn überhaupt irgendein Programm? Etwas, das über die Schlagworte Antifaschismus und Antiimperialismus hinausgeht?“ Bergmann steht auf und geht zu seinem Rechner. „Ulrike Meinhof hat 1971 ein Papier verfasst, das „Konzept Stadtguerilla“.
Es ist allerdings eher so eine Art Positionspapier. Ein Jahr später ist „Stadtguerilla und Klassenkampf" erschienen. Ich drucke Ihnen die Sachen mal aus. Es ist nicht gerade Weltklassetheorie.“ Bergmann grinst wieder. „Aber für Philosophen ist wahrscheinlich vor allem der Ausspruch interessant: Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.“ Christopher simuliert Schmerzen. „Das ist starker Tobak. Aber gut, geben Sie mal her, ich kämpfe mich durch.“ Er steht auf und schüttelt Bergmann die Hand. „Danke für den Kaffee. Ich melde mich bei Ihnen.“
Es ist allerdings eher so eine Art Positionspapier. Ein Jahr später ist „Stadtguerilla und Klassenkampf" erschienen. Ich drucke Ihnen die Sachen mal aus. Es ist nicht gerade Weltklassetheorie.“ Bergmann grinst wieder. „Aber für Philosophen ist wahrscheinlich vor allem der Ausspruch interessant: Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.“ Christopher simuliert Schmerzen. „Das ist starker Tobak. Aber gut, geben Sie mal her, ich kämpfe mich durch.“ Er steht auf und schüttelt Bergmann die Hand. „Danke für den Kaffee. Ich melde mich bei Ihnen.“
Flannery Culp - 1. Nov, 17:45