22: das erste Treffen
Das große Cafe ist gut besucht. Stimmengewirr umschwirrt Alena, lautes Lachen von der Seite, bunte Sommerkleidung. Kaspar hat einen Tisch am Rand des Außenbereichs ausgewählt, trotzdem fühlt sie sich unwohl. Nervös nippt sie an ihrem Eistee. „Wir hätten uns etwas ruhigeres aussuchen können,“ murmelt sie und fühlt Kaspars nachdenklichen Blick. „Zu viele Menschen? Kommst Du klar?“ Sie nickt heftig, ohne ihn anzusehen. „Vielleicht wäre es für Frau Dahlem angenehmer gewesen, uns irgendwo zu treffen, wo wir mehr unter uns gewesen wären. Wo nicht jeder unser Gespräch überhören kann.“ Das ist nicht der wahre Grund für ihr Unbehagen, aber Kaspar geht darauf ein. „Wenn Du Dich in Ruhe unterhalten möchtest, gibt es keinen besseren Ort als dichtes Menschengewühl. Niemand achtet auf uns. Wir verschwinden in der Menge. Und unser Gespräch wird vom allgemeinen Lärmpegel verschluckt.“ Alena nickt schweigend, dann sieht sie auf und heftet ihren Blick auf eine hagere Frau mit braunem Haar, das zu einem lockeren Zopf zusammengebunden ist. Alena weiß sofort, dass es sich um Brigitte Dahlem handelt. Sie steht auf und hebt ihre Hand. Einen Moment mustern sich die beiden Frauen, dann kommt Brigitte Dahlem langsam auf sie zu. Sie sieht von Alena zu Kaspar, der ebenfalls aufgestanden ist. „Frau Dahlem? Ich bin Kaspar Wagenbach. Das ist meine Mitarbeiterin, Frau Brandenburg.“ Brigitte Dahlem heftet ihren Blick erneut auf Alena. „Es war nicht abgemacht, dass noch jemand dabei ist.“ Sie klingt bestimmt und einen Moment fürchtet Alena, sie könne sich umdrehen und sofort wieder gehen. Aber die Dahlem bleibt stehen und fixiert Kaspar, der unerwartet ruhig bleibt. „Tut mir leid, dass ich sie nicht erwähnt hatte, aber wir schreiben das Buch zusammen. Frau Brandenburg ist ebenfalls Historikerin, sie liefert den theoretischen Hintergrund zum allgemeinen Begriff Terrorismus.“ Innerlich verflucht sie Kaspar, aber in Richtung Brigitte Dahlem bringt Alena ein höfliches Lächeln zustande. Wo zum Teufel soll sie auf die Schnelle einen theoretischen Hintergrund herzaubern? Nach einem Moment der beiderseitigen Anspannung zuckt Brigitte Dahlem mit den Schultern. „Gut. Wir werden sehen.“ Sie setzt sich und auch Kaspar und Alena lassen sich auf ihre Stühle fallen. Langsam spürt Alena, dass die lachende und redende Menschenmenge sich von ihrem Dreier-Tisch zurückzieht und ein soziales Vakuum zurücklässt. Sie hat plötzlich das Gefühl, sich an einem anderen Ort zu befinden, einem Ort, zu dem die Welt keinen Zutritt hat. Sie kennt dieses Gefühl, trotzdem schaudert ihr. Es ist nicht ihr Ort, sondern die Wirklichkeit Brigitte Dahlems, die sie schleichend umfängt. Alena atmet tief ein, um das Unbehagen unter Kontrolle zu bekommen. „Was möchten Sie trinken,“ fragt Kaspar, und die Frage klingt für Alena seltsam deplaziert. „Wasser,“ murmelt Frau Dahlem und zieht eine zerdrückte Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche. Sie trägt eine schwarze Bluse über der Jeans im klassischen Schnitt, die Ärmel der Bluse sind hochgekrempelt. Kaspar winkt dem Kellner, der ein wenig Normalität mit bringt, als er an ihren Tisch tritt. „Noch einen Eistee,“ bittet Alene und Kaspar gibt die Bestellung auf. Dann sind sie wieder für sich, in dem vollbesetzten Cafe am Rande der belebten Fußgängerzone und Alena fragt sich, ob Brigitte Dahlem selbst diese Kluft empfindet, die zwischen ihr und den anderen Menschen auf dieser Strasse herrscht. Ob ihr diese Mauer ständig bewusst ist, die sie von dem Rest der Welt trennt. „Was ist das für ein Buchprojekt,“ fragt Brigitte Dahlem nun, an Kaspar gewandt. Alena hat das Gefühl, dass sie ignoriert werden wird und das ist ihr sehr recht. „Es wird einen allgemeinen Focus auf das Phänomen Terrorismus werfen und dann den modernen fundamentalistischen Terrorismus der Marke El-Kaida dem zeitgeschichtlichen Terrorismus der 70er und 80er Jahre gegenüberstellen.“ Sein Lächeln ist ungewohnt charmant. Diesen Kaspar hat Alena noch nicht oft erlebt, aber sie weiß, dass es ihn gibt. Die gesellschaftliche Seite des Außenseiters, die nur hervorgeholt wird, wenn Kaspar sich davon etwas verspricht. Für eine wohlkalkulierte Zeitspanne weichen der ewig misstrauische Gesichtsausdruck, der forschende Blick und die zusammengepressten Lippen und machen einem offenen Grinsen Platz, einem freundlichen Blinzeln und einladenden Handbewegungen. „Da ich mich in der Vergangenheit viel mit der RAF beschäftigt habe,“ Kaspar produziert eine jungenhafte und sehr unschuldige Grimasse, „lag es nahe, dass diese Organisation in dem zweiten Teil des Buches eine größere Rolle spielt.“ Der Kellner bringt die Getränke und Alena reicht ihm die leeren Tassen. „Wir möchten aber nicht nur historische und politische Fakten aufzählen, sondern uns interessieren auch die Beweggründe des Einzelnen. Das Buch soll quasi zwischen den Polen Theorie und Gruppe bzw. Individuum oszillieren.“ Er lächelt gewinnend. „Aus diesem Grund sind wir an einer Zusammenarbeit mit Ihnen interessiert. Sie können zum einen unsere Lücken über die politische Theorie der RAF füllen und zum anderen wesentliche Erkenntnisse über die Gruppendynamik und individuelle Motive beitragen.“ Nach den Worten herrscht kurzes Schweigen. Dann richtet Brigitte Dahlem ihre harten grünen Augen auf Kaspar. „Warum sollte ich Ihnen helfen?“
Flannery Culp - 27. Okt, 21:28