Sonntag, 22. Oktober 2006

sternkleinsternkleinsternklein

19: die Suche

Sie erntet einen ungehaltenen Blick von Kaspar. „Für Dich mag das ja alles sehr unterhaltsam sein, aber für mich geht es um mehr.“ Er sieht sie eindringlich an. „Seit ich klein bin, habe ich mich gefragt, was genau das war, für das meine Mutter alles aufgegeben hat. Warum sie in den Untergrund gegangen ist, warum sie auf ein Leben mit einer Familie oder einer Karriere verzichtet hat, warum sie mich einfach zurückgelassen hat. Und warum sie sich nie gemeldet hat.“ Alena beobachtet besorgt, wie seine Kiefermuskeln sich verhärten. „Sie hat es noch nicht einmal für notwendig gehalten, einen Abschiedsbrief zu schreiben. Selbst als ihr klar war, dass sie sterben wird und sie mich nie wieder sehen würde, ist ihr nicht in den Sinn gekommen, mir ein paar Zeilen zu hinterlassen.“ In Kaspars Stimme schwingt die ganze Verbitterung, die seit Jahren in ihm wütet. Alena seufzt unhörbar. Sie hat diese oder ähnliche Worte schon so oft gehört, sie hat die unaufhörlichen Versuche beobachtet, mit denen Kaspar sich dem Unerklärlichen annähern wollte, sich schließlich selbst auf die Suche nach Gründen mit ihm eingelassen. Zusammen haben sie die historischen Fakten rekonstruiert, die veröffentlichten Polizeiberichte durchforstet und die Aussagen von ehemaligen RAF-Mitgliedern gelesen. Gemeinsam analysierten sie die Gründe und Rechtfertigungen für den Gang in die Illegalität, für die Entscheidung zu Zerstörung und Mord, immer auf der Suche nach Parallelen zu Kaspars Mutter, immer in der Hoffnung, etwas zu finden, das ein Licht auf Marianne Wagenbachs Handlungen werfen könnte. Kaspar hatte bis 1990 keine Ahnung, ob seine Mutter noch lebte und wo sie sich aufhielt. Erst nach dem Fall der Mauer, als die Spuren der RAF-Mitglieder, die in die DDR geflohen waren, wieder aufgenommen werden konnten, kam heraus, dass auch Marianne Wagenbach unter den Flüchtigen gewesen war, denen die DDR Unterstützung angeboten hatte. Und dass sie sich Anfang Dezember 1989 mit Schlaftabletten umgebracht hatte. Seitdem war Kaspar klar, dass er sie nie mehr würde fragen können, dass er für immer in der Ungewissheit würde leben können, warum sie die RAF ihm vorgezogen hatte. Mit diesem Bewusstsein hatten seine Bemühungen jedoch nicht geendet, sie wurden, im Gegenteil, noch intensiver, noch verbissener. Als Alena ihn Mitte der 90er Jahre in einem der Hörsäle der Altenburger Uni zum ersten Mal sah, war ihr seine Anspannung aufgefallen, die Konzentration, die ihn umgab, und die Zielgerichtetheit, die jede seiner Fragen ausdrückte. Und nachdem sie sich näher kennen gelernt hatte, war sie von seiner Suche fasziniert. Davon, dass er sein ganzes Leben auf die Beantwortung einer Frage ausrichtete. Davon, dass er überhaupt eine Frage hatte, die ihn dermaßen in den Bann zog. Ganz im Gegenteil zu ihr, vor der die Realität wie ein klarer, durchsichtiger See lag, der keine Geheimnisse barg. „Wir müssen Brigitte Dahlem das Buchprojekt präsentieren,“ unterbricht Kaspar ihre Gedanken. „Sie wird wissen wollen, worum es geht. Es reicht nicht, eine pauschale Aufarbeitung der Fakten vorzuschieben, das haben auch schon andere vor mir gemacht. Ich sollte eine These vorzuweisen haben. Irgendwas, das ihr Interesse erweckt, von dem sie sich angesprochen fühlt.“ Alena nickt aufmerksam. „Das ist eine gute Idee.“ Dann sieht sie ihn interessiert an. „Aber vermutlich hast Du schon eine Idee, oder?“ Kaspar beist mit den Schneidezähnen auf seine Lippen.

Eine Stunde später hört Alena ein zufriedenes „Wunderbar“ aus dem Telefonhörer, gefolgt von Pias eher nachdenklicher Frage: „Und Sie gehen mit?“ – „Sicher. Ich trete als seine Assistentin auf. Außerdem bin ich das Verbindungsglied zwischen Ihnen und ihm, Sie werden nur von mir die Berichte erhalten.“ Kurze Pause am anderen Ende der Leitung. „Der Name, den Sie mir genannt haben, ist falsch. Es existiert niemand mit dem Namen Johannes Stein in Altenburg und selbst bei der Häufigkeit dieses Namens habe ich keinen promivierten Historiker namens Johannes Stein gefunden.“ Alena lächelt. „Er hat nicht promoviert. Aber Sie haben recht, der Name ist falsch und ich werde Ihnen seinen richtigen Namen auch nicht nennen. Er will unter keinen Umständen in diesen Fall verwickelt werden. Er wird nicht als Zeuge vor Gericht auftreten. Sein Interesse an Frau Dahlem ist rein wissenschaftlicher Natur.“ Sie wartet kurz und als Pia nicht reagiert, fügt sie hinzu: „Wenn Sie mit den Bedingungen nicht einverstanden sind, dann lassen wir das Ganze.“ Ein vernehmliches Ausatmen ist die Antwort. „Ach, verdammt. Gut, meinetwegen. Solange Sie mir haarklein, in allen Einzelheiten und jedes winzige Detail berichten, was die Dahlem Ihnen erzählt, kann es mir egal sein, wie Ihr Historiker heißt. Ich muss nur plausibel machen, woher ich diese Informationen habe, aber da fällt mir schon etwas ein.“ Pias Tonfall wird etwas liebenswürdiger. „Und vielleicht ergibt sich ja doch noch mal die Gelegenheit, Ihren Historiker kennen zu lernen. Wir sollten irgendwann alle zusammen einen Kaffee trinken gehen.“ Alena lacht. „Ich melde mich nach dem Gespräch bei Ihnen.“

das Projekt Krimi-Blog

AUS DEN CHAOTISCHEN WINDUNGEN EINES KRIMIVERSEUCHTEN HIRNS BOHRT SICH EIN WEITERER ROMAN AN DIE DIGITALE OBERFLÄCHE EINES BLOGS. WIE SCHON IM VORGÄNGER „ZAHLEN UND ZEICHEN“ SOLL DAS SCHREIBEN EINES KRIMINALROMANS MIT DER PRAXIS DES BLOGGENS VERBUNDEN WERDEN. DAS BEDEUTET, DASS DER PLOT IN DEN GRUNDZÜGEN FESTSTEHT, DER KRIMI JEDOCH NICHT BEREITS FIX UND FERTIG IN DER SCHUBLADE LIEGT, SONDERN SICH IM SCHREIBEN ENTWICKELT. WAS GESCHRIEBEN WIRD, WIRD KURZ DARAUF GEBLOGGT, IST DAMIT FAKTISCH, UND WIRD NUR IN AUSNAHMEFÄLLEN (SEHR PEINLICHE TIPPFEHLER) GEÄNDERT. ERGÄNZT WIRD DAS GANZE DURCH METATEXT UND LINKS. EUCH UND MIR ALSO VIEL SPAß BEI „SPUREN UND STERNE“.

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